Holocaust-Mahnmal: "Kein steinerner Schlussstrich"

Einen Tag vor der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals hat Bundestagspräsident Thierse sich gegen den Vorwurf gewehrt, mit dem Stelenfeld solle ein Schlussstrich unter die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit gezogen werden. Der Dramatiker Rolf Hochhuth kritisierte, das Mahnmal verlängere das Schweigen über den Holocaust.

Holocaust-Mahnmal in Berlin: Keine Interpretation vorschreiben
REUTERS

Holocaust-Mahnmal in Berlin: Keine Interpretation vorschreiben

Berlin - Bei der Pressekonferenz von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) und dem Architekten Peter Eisenman kam es heute nachmittag zu einem kleinen Eklat, als der Dramatiker Rolf Hochhuth Eisenman aus dem Publikum heraus vorwarf, das Fehlen von Opfernamen auf den Stelen des Mahnmals verlängere das Schweigen über den Holocaust. Eisenman wies den Vorwurf zurück. Hochhuth, der in den sechziger Jahren mit dem Stück "Der Stellvertreter" über die Rolle Papst Pius XII. während des Holocaust für Aufsehen sorgte, rief daraufhin, er sei der erste, der Auschwitz auf die Bühne gebracht habe.

Eisenman nannte das Mahnmal einen "Ort der Hoffnung". Die Besucher sollten bei dem Gang durch die bis zu vier Meter hohen Betonquader "die Stimmen der Opfer" hören, abseits vom Lärm der Großstadt. Er habe bewusst am Mahnmal auf die Nennung der Namen der Opfer verzichtet. "Ich wollte keinen Friedhof bauen", sagte der Architekt.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sieht das Holocaust-Mahnmal indes nicht als Endpunkt der Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten. "Das Denkmal ist kein steinerner Schlussstrich", sagte Thierse einen Tag vor der feierlichen Einweihung des Mahnmals. "Ich sehe darin einen Beitrag, dass Gedenken an die Vergangenheit immer wieder wach zu rufen." Das Mahnmal zeige, dass auch das vereinigte Deutschland die Erinnerung an die NS-Zeit wach halte. Der Kuratoriumsvorsitzende verwies auch auf geplante Denkmäler für weitere NS-Opfer wie Sinti und Roma sowie Homosexuelle, nachdem in den vergangenen Wochen verstärkt kritisiert worden war, dass sich das Mahnmal nur an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnere.

Gemeinsam mit Eisenman wies Thierse die Kritik zurück, 60 Jahre nach Kriegsende komme das Mahnmal zu spät. "Die Zeit war jetzt erst reif dafür", sagte Eisenman. Thierse sagte, das Entstehen einer gemeinsamen Erinnerung in einer Gesellschaft brauche Zeit.

Mit der feierlichen Eröffnung endet morgen eine fast 20 Jahre dauernde Debatte über Sinn und Gestaltung des Mahnmals, für das Ende der achtziger Jahre eine Bürgerinitiative um die TV-Journalistin Lea Rosh den Anstoß gegeben hatte. Der Bundestag beschloss nach langen Diskussionen im Jahr 1999 die Umsetzung von Eisenmans Entwurf im Regierungsviertel. Er besteht aus 2711 Betonstelen verschiedener Höhe, die in Reihen angeordnet sind. Das Mahnmal wird durch unterirdische Räume ergänzt, in denen über den Holocaust informiert wird.

Der Entwurf wurde mehrfach verändert, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken der USA, die ihre Botschaft in unmittelbarer Nähe bauen. Thierse sagte, das mit öffentlichen Mitteln gebaute Mahnmal sei im Zeit- und Kostenplan geblieben. Die Kosten von gut 27,5 Millionen Euro werden aus dem Bundesetat finanziert.

Thierse betonte, das Bauwerk werde ein offenes Mahnmal sein: offen für verschiedene Interpretationen und buchstäblich offen rund um die Uhr für alle Besucher, die es ab Donnerstag besuchen können. Eisenman trat Interpretationen entgegen, die Stelen stünden für Grabsteine oder ein Ährenfeld. Er wolle den Besuchern keine Interpretation vorschreiben, sagte er. Zur Anzahl der Stelen sagte er: "Die Zahl hat absolut keine Symbolik."

Zur Eröffnung werden neben Bundespräsident Horst Köhler auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer erwartet. Zu den Rednern zählen neben Thierse und Eisenman der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, die Holocaust-Überlebende Sabina van der Linden geb. Habermann, die heute in Sydney lebt, und Lea Rosh.

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