Holocaust-Mahnmal Über dem Führerbunker, Berlin

Von Henryk M. Broder

2. Teil


Holocaust-Mahnmal: "Wir brauchen es ganz dringend"
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Holocaust-Mahnmal: "Wir brauchen es ganz dringend"

Auch wenn man hinterher immer schlauer ist: Wahrscheinlich hätte der massive Aufmarsch der Promis und Gutmenschen nichts genutzt, wenn Genosse Zufall nicht aktiv geworden wäre. Mit dem Fall der Mauer ergab sich eine ganz neue, vollkommen unerwartete und irre Situation. Deutschland war - sieht man von den Ostgebieten ab, die schon längst abgeschrieben waren - als nationalhistorische Einheit wieder hergestellt, es hatte quasi seine Strafe verbüßt. Und wie bei jedem Gewalttäter, der nach langer Haft wieder in die Freiheit entlassen wird, fragten sich viele, vorneweg die besseren Deutschen, ob der Delinquent seine Lektion gelernt hatte, ob er geläutert war, ob man ihm trauen konnte oder ob er bald wieder rückfällig werden könnte.

Vielen Deutschen war die Idee von einem Deutschland einfach unheimlich. Das Wort vom "Vierten Reich" machte die Runde. Sogar Kanzler Kohl sprach anfangs von einer "Konföderation" zweier deutscher Staaten, die Bürgerrechtler in der DDR wollten es gerne noch einmal mit einem anderen, weichen Sozialismus versuchen, die Linken in der Bundesrepublik waren zuerst sprachlos, dann enttäuscht und schließlich empört über die Brüder und Schwestern aus der DDR, die vom Klassenkampf genug hatten und sich nun dem Konsum hingaben.

Symbolische Geste an die Welt

Auch Lea Rosh war sich in dieser Situation nicht bewusst, dass sie eine Option vorbereitet hatte, mit der sich die Bundesrepublik schmücken konnte. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas wurde zum Grundstein der Berliner Republik. Es ging nicht mehr darum, an die Verbrechen der Nazis und die Leiden der Juden zu erinnern, sondern darum, zu demonstrieren, dass die Bundesrepublik sich zu ihrer moralischen Schuld bekannte - auch fünfzig Jahre danach. So wie das Abkommen von Luxemburg aus dem Jahre 1952, mit dem die Zahlung von Entschädigungen an überlebende Juden und Reparationen an Israel geregelt wurde, die Voraussetzung für die Wiederaufnahme Deutschlands in die Völkerfamilie war, so war der Bau des Holocaust-Mahnmals die symbolische Geste an die Welt: Schaut her, wir stehen zu unserer Geschichte, als Schurken waren wir schon gut, aber als reuige Sünder sind wir noch besser. Kohl, der anfangs gegen das Mahnmal war, erkannte die Chance und sorgte dafür, dass die Bundesrepublik eine Parzelle als Baugrund zur Verfügung stellte, um die sich alle Investoren und Spekulanten Europas gerissen hätten.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich Anfang der neunziger Jahre mit einem deutschen Diplomaten in einer wichtigen westlichen Metropole hatte. "Wir brauchen dieses Mahnmal", sagte er, "wir brauchen es ganz dringend." Ich war nicht grundsätzlich gegen das Mahnmal, ich hatte nur Bedenken, ob es eine gute Idee war, es allein den ermordeten Juden zu widmen und die Zigeuner, die Schwulen und die anderen Opfer der Nazis zu ignorieren und damit die Agenda der Nazis zu reproduzieren, für die die Vernichtung der Juden auch an erster Stelle stand. "Darauf kommt es nicht an", sagte der Diplomat, "wir brauchen das Mahnmal für unsere Selbstdarstellung in der Welt, vor allem in den USA."

Seitdem bin ich gegen das Mahnmal. Nicht nur, weil ich es für unanständig halte, die Opfer zu hierarchisieren oder die Macht der Zahlen auszuspielen - sechs Millionen Juden gegen eine halbe Million Zigeuner -, sondern weil ich sicher bin, meine Mutter, die in Auschwitz war, würde es nicht gut finden, als PR-Helferin für die Selbstdarstellung der Bundesrepublik zwangsverpflichtet zu werden.

Jüdisches Museum in Berlin: Fensterloser "Holocaust-Turm"
DPA

Jüdisches Museum in Berlin: Fensterloser "Holocaust-Turm"

Aber dieser Punkt ist nicht debattentauglich. Denn im Holocaust-Mahnmal konvergieren deutsche und jüdische Interessen ohne Rücksicht auf Geschichte, Logik und Moral. Die Deutschen wollen zeigen, dass sie aus der Geschichte gelernt haben, dass sie die Schuld annehmen und sich vor den Konsequenzen nicht drücken. "Kein anderes Volk hat sich so wie wir mit der eigenen Geschichte auseinander gesetzt" - diesen Satz konnte man überall hören und lesen, als wäre er Teil einer Litanei. Die Juden dagegen, die man von der Schuld der Deutschen nicht erst überzeugen muss, sind geschmeichelt, dass sie von den Tätern endlich als Opfer erster Klasse anerkannt werden. "Kein anderes Volk hat so gelitten wie wir" ist ein Satz, den man im jüdischen Milieu immer wieder vorgesetzt bekommt. Man könnte sagen: dem deutschen "Sündenstolz" (Hermann Lübbe) steht der jüdische "Opferstolz" gegenüber, und beide finden im Holocaust-Mahnmal einen gemeinsamen Nenner.

"Wir haben unsere Lektion gelernt"

Das ist wahrscheinlich ganz menschlich und natürlich, so wie Hass, Neid und Eifersucht menschlich und natürlich sind, aber deswegen muss man solche Interessenlagen nicht schön oder erbaulich finden. Zumal sie in der Praxis zu absurden Situationen führen. "Ja, haben denn die Juden nichts aus ihrer Geschichte gelernt?", fragen immer mehr Deutsche, wenn sie die Politik der Israelis gegenüber den Palästinensern anprangern wollen. Und setzen hinzu: "Wir haben unsere Lektion gelernt, wir wissen, wie man Menschen nicht behandeln darf! Das müssen die Juden erst noch lernen."

So werden aus resozialisierten Gewalttätern Bewährungshelfer, die darauf aufpassen, dass deren Opfer sich anständig verhalten. Und es ist das Holocaust-Mahnmal, das allen guten Intentionen seiner Betreiber zum Trotz diese Haltung weiter befördern wird. Es gibt kaum noch Deutsche, die den Holocaust leugnen, die Revisionisten bleiben unter sich. Aber etwa die Hälfte der Deutschen ist überzeugt, dass die Israelis den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben. Und da kann man sich die bescheidene Anfrage nicht verkneifen, wozu all die fleißige Aufklärung und die demonstrative Reue gut war, wenn nicht dazu, sich ein moralisches Alibi und ein gutes Gefühl zu verschaffen.

Das Holocaust-Mahnmal wird zu einer touristischen Attraktion werden, wie das Jüdische Museum. Berlin wird sich mit dem größten und teuersten Holocaust-Mahnmal aller Zeiten schmücken. Staatsbesucher werden Kränze niederlegen, Schulklassen, die sonst nach Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald gefahren wären, werden nun alles, was sie für den Leistungsschein Geschichte brauchen, in Berlin-Mitte finden. Das ist praktisch, denn es spart Zeit und Geld. Man muss ja auch nicht unbedingt in die Karibik fahren, wenn man unter Palmen liegen möchte. Die gibt es schon im Vergnügungspark Tropical Islands Resort in der Lausitz.

Beim Mahnmal neben dem tiefenenttrümmerten "Führerbunker" müssen nur noch ein paar praktische Probleme gelöst werden. Wer wird für die Sicherheit auf dem Gelände verantwortlich sein? Wird man das Mahnmal rund um die Uhr bewachen müssen? Was passiert bei Schnee und Glatteis? Wird es einen Streudienst geben oder wird man Schilder aufstellen: "Betreten auf eigene Gefahr"? Und was passiert, wenn ein Besucher kommt und fragt: "War hier irgendwo nicht auch der 'Führerbunker'?" Dann wird man ihm vielleicht antworten: "Der ist alle, jetzt hamwa den Holocaust."


Der Text ist erstmals in dem Buch "Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung - heute" von Stephan Porombka/Hilmar Schmundt (Hrsg.) erschienen; Claassen Verlag, Berlin 2005; 224 Seiten, ca. 19,90 Euro



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