Holocaust-Mahnmal Über dem Führerbunker, Berlin

Es war einmal ein böser Ort, heute ist es ein guter: Nur 100 Meter vom ehemaligen Führerbunker-Gelände entfernt wird heute das Holocaust-Mahnmal eingeweiht. Bei allem Streit über Ausgestaltung, Sinn und Nutzen der monströsen Gedenkstätte - eine bessere Stelle hätte man nicht finden können.

Von Henryk M. Broder


Holocaust-Mahnmal in Berlin: Kein Anfang und kein Ende, nur Höhen und Tiefen
DDP

Holocaust-Mahnmal in Berlin: Kein Anfang und kein Ende, nur Höhen und Tiefen

An einem klaren und sonnigen Tag liegt das Holocaust-Mahnmal in der Mitte von Berlin da wie der Inhalt eines Lego-Kastens, der von einem Kind ausgeschüttet und dann sauber im Sandkasten aufgebaut wurde. Aus größerer Höhe, von 500 Metern aufwärts, sieht das "Stelenfeld" mit den 2711 Betonpfeilern vielleicht wie der Friedhof einer klassenlosen Gesellschaft aus. Jedes der Gräber ist genau 95 cm breit und 238 cm lang, nur die Höhenmaße sind verschieden, von 0,2 bis 4,7 Meter.

"Das 19.000 Quadratmeter große Stelenfeld ist sanft aber unregelmäßig geneigt", heißt es in der Projektbeschreibung, die am Zaun hängt. Die Stelen ergeben optisch eine Welle, die ihrerseits endlose Weite und Ewigkeit suggerieren soll, denn eine Welle hat keinen Anfang und kein Ende, nur Höhen und Tiefen. Es ist suggestive Architektur, die den Besucher in ihren Bann ziehen soll. Wie im Jüdischen Museum, wo es einen fensterlosen "Holocaust-Turm" gibt, den die Besucher neugierig betreten und erschüttert verlassen. Eine, zwei Minuten lang haben sie das Gefühl, allein und von der Welt verlassen zu sein. Ja, so müssen damals die Juden auf dem Weg in den Tod gefühlt haben...

Verzicht auf Geschmacksverstärker

Suggestive Architektur, die temporäre Aufwallungen erzeugt, gehört in ein Gruselkabinett. Der Holocaust war so gruselig, dass ein Holocaust-Mahnmal auf solche Geschmacksverstärker verzichten könnte. Wer jemals ein KZ besucht oder nur an der Rampe am Bahnhof Grunewald gestanden hat, von wo aus die Juden in den Osten deportiert wurden, der weiß, welche Kraft authentische Orte haben. Nun ist auch das Berliner Holocaust-Mahnmal ein authentischer Ort, denn kaum hundert Meter südlich der Stelen liegen die Ruinen des "Führerbunkers", in dem Hitler und seine Höflinge die letzten Tage vor dem Kriegsende verbracht haben.

Die niemals ganz fertig gestellte unterirdische Anlage im Garten der Neuen Reichskanzlei soll gewaltig gewesen sein: Ein "Vorbunker" für 150 Menschen, der "Hauptbunker" mit zwanzig Zimmern, darunter auch Büros, Wohn- und Schlafräume, eine Arztpraxis, ein Konferenzzimmer, eine Telefonzentrale. Es existieren nur zwei Fotos vom Bunker aus der Zeit vor dem 30. April 1945, auf einem lachen SS-Männer scheinbar unbeschwert in die Kamera wie bei einer Party. Auf dem letzten überlieferten Foto starrt Hitler stumpf in die Trümmer der Neuen Reichskanzlei über dem Vorbunker. Besser dokumentiert sind die Abrissarbeiten aus den Jahren 1947, 1959 und 1988. Der Marmor aus der Neuen Reichskanzlei wurde in der nahe gelegenen U-Bahnstation Mohrenstraße und im Treptower Ehrenmal für die Rote Armee verbaut. An den Orten selbst, die mit den Resten so fein geschmückt worden sind, fehlt allerdings jeder Hinweis darauf.

Spurensuche am China-Restaurant

Nach mehreren vergeblichen Sprengversuchen wurde der Bunker, der nach dem Mauerbau plötzlich mitten auf dem Todesstreifen lag, "tiefenenttrümmert", mit Schutt aufgefüllt und planiert. Das DDR-Regime befürchtete, westliche Spione könnten unter dem "antifaschistischen Schutzwall" heimlich den Grenzwechsel organisieren. Wenn heute Touristen nach Spuren des Bunkers suchen, finden sie nichts. Nur Eingeweihte finden eine Tafel, die allerdings an der falschen Stelle steht: fünfzig Meter entfernt, vor dem China-Restaurant "Pekingente" an der Ecke Voßstrasse und Wilhelmstraße. Wer den Hinweis lesen will, der einen Fuß hoch über dem Pflaster angebracht ist, muss sich erst einmal hinknien.

Szene aus "Der Untergang": Herzkammer des NS-Regimes
Constantin Film

Szene aus "Der Untergang": Herzkammer des NS-Regimes

Trotz der Tiefenenttrümmerung wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass es irgendwo im Erdreich noch ein paar Räume geben muss, die teilweise erhalten geblieben sind. Es hält sich die Mythe, dass der Bunker mehrstöckig war, noch viel tiefer in der Erde lag und von fünfzig weiteren Schutzräumen umgeben war. So ist er im retrograden Größenwahn zu einer Art Königspalast geworden, der unter dem märkischen Wüstensand liegt. In Wirklichkeit war der "Führerbunker" trotz seiner vielen Räume ein schäbiger, enger Unterstand mit roh verschalten Betonwänden. Schon damals war er feucht, wegen einiger Baumängel lief er ständig mit Wasser voll und musste permanent leer gepumpt werden. Schon im Juli 1945 stand er handbreithoch unter Wasser.

Wäre dem "Führer" etwas früher der Sprit ausgegangen, wäre er recht schnell ersoffen. Vorschläge, den nicht mehr vorhandenen "Führerbunker" zu einer Gedenkstätte auszubauen, hatten schon allein wegen dieses Zustands keine große Chance. Inzwischen wissen allerdings Millionen Deutsche in etwa, wie es in der Herzkammer des NS-Regimes aussah - aus dem Kino. In dem Film Der Untergang spielt der "Führerbunker" eine zentrale Rolle. Die wenigen Außenaufnahmen - wenn sich der "Führer" zum Beispiel eine Pause im Garten gönnt - unterstreichen nur das Gespenstische des unterirdischen Zuhauses.

"Ein feines Plätzchen"

Käme heute ein Marsmensch nach Berlin oder auch nur ein Besucher aus der Eifel, der von Geschichte keine Ahnung hat, wäre er versucht zu sagen: "Da hat sich der Hitler aber ein feines Plätzchen ausgesucht." Besser, günstiger, zentraler könnte die Lage des Bunkers und des Holocaust-Mahnmals nicht sein. Im Westen macht sich der Tiergarten breit, im Norden wird mit dem Bau der amerikanischen Botschaft begonnen, die Akademie der Künste, das Hotel Adlon und die britische Botschaft sind schon da. Im Süden stehen die Vertretungen der Länder beim Bund: die Landesvertretungen von Hessen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und des Saarlandes.

Nur der Osten muss noch erschlossen werden. Da gibt es schon einen kleinen Sportplatz, einen Sauna- und Fitnessclub und ein "Hotel für Frauen" namens Intermezzo. Die Nähe zum Potsdamer Platz ist ein großes Plus, das einen ständigen Umlauf von Touristen garantiert. Wenn Hitler geahnt hätte, dass er eines Tages das Café LebensArt, eine Filiale der US-Kette Subway, den China Club und Metzkes N.Y. Deli zu Nachbarn haben würde, hätte er sich wahrscheinlich schon eher umgebracht. "Führerbunker" hin, Holocaust-Mahnmal her - das ganze Gelände zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz hat enorm an Attraktivität gewonnen.

Mahnmal-Initiatorin Rosh: Gut vernetzt
SPIEGEL ONLINE

Mahnmal-Initiatorin Rosh: Gut vernetzt

Es war mal ein böser, heute ist es ein guter Ort. So gesehen, gibt es nicht nur historische Kollateralschäden, es gibt auch historische Kollateralnutzen. Wobei man nie im Voraus wissen kann, wie sich die Dinge entwickeln. Am 30. Januar 1989 erschien in der Frankfurter Rundschau ein "Aufruf" der Bürgerinitiative Perspektive Berlin, die sich an den Berliner Senat, die Regierungen der Bundesländer und die Bundesregierung (damals noch in Bonn) richtete. Der Aufruf begann mit den Worten: "Ein halbes Jahrhundert ist seit der Machtübernahme der Nazis und dem Mord an den Juden Europas vergangen. Aber auf deutschem Boden, im Land der Täter, gibt es bis heute keine zentrale Gedenkstätte, die an diesen einmaligen Völkermord, und kein Mahnmal, das an die Opfer erinnert. Das ist eine Schande."

Es stand eins zu eins

Es war eine Feststellung, der man nicht widersprechen konnte. Zumal sich die Bundesrepublik ebenso wie die DDR inzwischen mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges arrangiert hatte. Die deutsche Teilung war eine "Tatsache", an der nicht mehr gerüttelt wurde; wenn es so etwas wie eine ausgleichende historische Gerechtigkeit gab, dann war die Mauer die verdiente Strafe für alles, was die Deutschen zwischen 1933 und 1945 angestellt hatten. So deutlich wurde es zwar nicht ausgesprochen, dass aber die Existenz zweier deutscher Staaten die Garantie für den Fortbestand des Friedens in Europa war, das galt als selbstverständlich. Die Deutschen hatten den Krieg angefangen, die Deutschen hatten den Krieg verloren. Es stand also eins zu eins. Am Status quo sollte nicht gerüttelt werden.

Und weil die Deutschen schon "bestraft" waren und zudem "Wiedergutmachung" geleistet hatten, drohte der Holocaust in Vergessenheit zu geraten. Deswegen wollte die Perspektive Berlin ein Zeichen setzen, das die Erinnerung an die Vergangenheit retten sollte. "Deshalb fordern wir, endlich für die Millionen ermordeter Juden ein unübersehbares Mahnmal in Berlin zu errichten. Und zwar auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände, dem Sitz des Reichssicherheitshauptamtes, der Mordzentrale in der Reichshauptstadt. Die Errichtung dieses Mahnmals ist eine Verpflichtung für alle Deutschen in Ost und West."

Unterzeichnet war der Aufruf unter anderem von Willy Brandt und Günter Grass, Christoph Hein und Hilmar Hoffmann, Inge und Walter Jens, Beate Klarsfeld und Udo Lindenberg, Heiner Müller und Horst-Eberhard Richter, Otto Schily und Christa Wolf - der moralischen Elite aus Ost und West und den üblichen Verdächtigen, deren Namen man auch heute noch unter jedem Aufruf für Abrüstung in Europa und gegen Armut in der Dritten Welt findet.

Die Triebkraft hinter dem harmlosen Label Perspektive Berlin war die Berlinerin Lea Rosh, die sich in ihrer journalistischen Arbeit gründlich mit dem "Dritten Reich" und seinen Folgen beschäftigt hatte. Sie galt nicht nur als tüchtig, intelligent und zielstrebig, sie war auch gut vernetzt und kannte die richtigen Leute, die sie auf ihre Seite zu ziehen vermochte, unter anderem den damaligen Verleger des "Tagesspiegel", der sich seinerseits bestens im Berliner Klüngel auskannte.

  • 1. Teil: Über dem Führerbunker, Berlin
  • 2. Teil


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