Holocaust-Überlebende Teofila Reich-Ranicki ist tot

Sie war Frau und Gefährtin des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, zusammen mit ihrem Mann entkam sie aus dem Warschauer Ghetto, wo sie ihre Erfahrungen mit der NS-Herrschaft selbst künstlerisch verarbeitet hatte. Jetzt ist Teofila Reich-Ranicki im Alter von 91 Jahren verstorben.

Teofila Reich-Ranicki: Zeugin aus dem Warschauer Ghetto
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Teofila Reich-Ranicki: Zeugin aus dem Warschauer Ghetto


Frankfurt/Main - Teofila Reich-Ranicki, die Frau des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, ist tot. Sie starb am Freitag im Alter von 91 Jahren, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet. Teofila, die Tosia genannt wurde, war zusammen mit ihrem Mann aus dem Warschauer Ghetto geflüchtet.

Das Paar überlebte den Holocaust und kam später in die Bundesrepublik. Lange Zeit führte die kleine Dame ein Leben im Schatten des berühmten und gefürchteten Kritikers. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die dem Paar durch Marcel Reich-Ranickis Tätigkeit für das Blatt eng verbunden war, schreibt in einem Nachruf, der scharfzüngige Kritiker sei das Tosen und die Brandung gewesen, sie der Fels.

1999 aber stellte Teofila dann Zeichnungen aus ihrer Zeit im Ghetto aus und veröffentlichte sie auch in Buchform - was ihr Respekt für ihr eigenes Schaffen einbrachte. Ihre kleinformatigen Grafiken zeugen von den Schrecken der Nazi-Herrschaft, zeigen Angst und Hunger, Terror und Willkür, sind Dokumente des Welt- und Wertzerfalls.

Ein Teil der Werke verdankten ihre Existenz dem mutigen Herzen Teofilas: Weil sie den Chef der deutschen Ghetto-Verwaltung dazu bewegen wollte, 2000 Kinder freizulassen, schuf sie für ihn eine Mappe mit dem Titel: "Heroinen der Opernbühnen".

Teofila Reich-Ranicki wurde 1920 in Lodz in eine großbürgerliche jüdische Familie hineingeboren. Ein dramatischer Einschnitt in ihrem Leben war 1940 der Selbstmord ihres Vaters. Bis 1943 musste sie dann schließlich die Ghetto-Willkürherrschaft erdulden, bis ihr mit ihrem Mann die Flucht gelang - den sie 1942 ebendort geheiratet hatte.

Ihrem Marcel hatte sie auch im Ghetto "Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke" gewidmet - eine mit eigenen Illustrationen versehene Abschrift des Buches, das im Ghetto nicht zu bekommen war. Das Dokument einer ganz besonderen Liebe ist vor Jahren auch als Faksimileausgabe erschienen.

tdo/dpa



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