Design-Star Werner Aisslinger Mein Wohnzimmer, meine Wabe

In seiner Ausstellung "Home of the Future" in Berlin zeigt der Designer Werner Aisslinger, wie Menschen nachhaltiger und gleichzeitig gemütlicher wohnen können. Im Interview berichtet er von einer Speisepilzzucht in der Küche und dem Wohnzimmer als Gegenpol zum Internetwahn.


SPIEGEL ONLINE: Herr Aisslinger, vor zwei Jahren haben Sie auf der Mailänder Möbelmesse mit einem Stuhl aus Hanf Furore gemacht und 2012 mit Möbeln aus Bambus. Was haben Sie in diesem Jahr gezeigt?

Aisslinger: Im Vergleich zu den Vorjahren sind meine Möbel in diesem Jahr weniger experimentell. Ich habe eine Sofalandschaft, einen Stuhl, einen Lounge-Chair und eine Leuchtenserie entworfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fahren seit 1988 jedes Jahr nach Mailand. Warum?

Aisslinger: In Lambrate, einem nördlichen Stadtteil, zeigen viele Design- und Kunsthochschulen ihre innovativen Projekte. Außerdem besuche ich in Mailand meist Rossana Orlandi - eine ältere Dame mit einer wilden Brille. In ihrem Innenhof kann man Kaffee trinken und sich Objekte von Designern anschauen. Ich liebe es sehr, einen halben Tag dort zu verbringen. Überhaupt: Die Mailänder Messe ist immer noch so wichtig wie die Art Basel für die Kunstszene. Sie zeigt den Pegelstand des Designs.

SPIEGEL ONLINE: Deutet der Pegel in Mailand derzeit auf Nachhaltigkeit?

Aisslinger: Eher nicht. Für die Italiener ist Nachhaltigkeit nur eine Mode. Als ich den Hanfstuhl mit der italienischen Designmarke Moroso weiterentwickelt habe, fanden die Kollegen das Material zwar interessant, aber ob es ökologisch ist, war ihnen egal.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es auf dem italienischen Designmarkt heutzutage aus?

Aisslinger: Die italienischen Hersteller dominieren den Markt, dennoch lebt das skandinavische Design neu auf. Vor allem in Dänemark gibt es viele Kreative, die für Leichtigkeit, einen hellen, aber auch farbigen Stil stehen - zu finden bei Marken wie Hay oder Muuto.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Ihre Arbeiten in Mailand zu sehen waren, werden sie jetzt auch in Berlin im Haus am Waldsee gezeigt. Ihre Ideen für das "Home of the Future" muten dabei sehr eigenwillig an. Wollen Sie die Villa aus den zwanziger Jahren in ein Ufo verwandeln?

Aisslinger: Ich wollte die Villa als Wohnort installieren und einen Ausblick geben, der nicht ganz ernst gemeint ist.

SPIEGEL ONLINE: Inklusive futuristischer Küche.

Aisslinger: Ja, aber sie ist kein repräsentativer Vorzeigeort wie so viele Küchen heutzutage - sondern Produktionsstätte für Nahrungsmittel. Es gibt nur ein Kochfeld und sonst vor allem Regalbiotope: Die Berliner Gruppe Topfarmers hat uns einen Kreislauf aus Fischzucht und Gemüseanbau konstruiert, bei dem Stoffe aus dem Fischwasser das Gemüse düngen. Außerdem kann man in der Küche Speisepilze im Kaffeesatz züchten, er gilt als guter Nährboden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn in der Küche Nahrung produziert wird, tut es im Bad der Spiegelschrank Alibert vermutlich auch nicht mehr.

Aisslinger: Wir wollten das alte Konzept des harten, gefliesten und gläsernen Bades verändern. Dafür haben wir Erkenntnisse von Wissenschaftlern verwenden können. Sie haben Käfer untersucht, die mit ihren Oberflächen Wasser aufnehmen. Das haben wir auf eine Dusche übertragen: Ihre textilen Wände absorbieren den Wasserdampf, der wiederum Pflanzen bewässert. Eine Art Naturbad also, in dem Pflanzen nicht nur dekorativ herumstehen, sondern auch in diesen Wasserkreislauf miteingebunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Also duschen statt Blumen gießen. Kann ich mir so eine Apparatur bestellen?

Aisslinger: Nein. Das ist eine spielerische Konzeptidee für die Ausstellung. Kein käufliches Produkt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie stellen Sie sich die Wohnzimmer der Zukunft vor?

Aisslinger: Ich habe oft mit Wabenstrukturen gearbeitet. In den industrialisierten Ländern wächst man in einer streng rechteckigen Welt auf. Dabei bevorzugen wir im Unterbewusstsein organische Formen. Die Bienenwabe hat, was Statik und Oberfläche anbelangt, eine perfekte Struktur. Für das Haus am Waldsee haben wir eine große Rückzugslandschaft entworfen: eine vergrößerte Bienenwabenwelt. Mit einer zweiten, treppenförmigen Sitzlandschaft wollen wir einen Gegenraum zur digitalen Welt schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Die Sofaecke von morgen soll also das Online-Fasten unterstützen?

Aisslinger: Ich habe zwei Kinder, mit denen ich mich kaum noch unterhalten kann. Ständig denke ich: Hört der noch zu oder chattet der schon wieder mit seinen Freunden? Zu dieser medialen Welt könnte der Wohnbereich in Zukunft einen Gegenpol bilden.

SPIEGEL ONLINE: Vor zehn Jahren haben Sie den Loftcube entwickelt: einen Wohnwürfel für nomadisches Leben auf Hochhausdächern. Wird er heute so genutzt, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Aisslinger: Der Cube kostet 100.000 Euro - das ist vielen zu teuer. Deshalb kaufen ihn eher Menschen, die schon alles haben. Zwanzig Stück haben wir verkauft. Die stehen jetzt im Libanon, in Schottland und Belgien.

SPIEGEL ONLINE: Sie führen Ihr Berliner Designbüro jetzt seit zwanzig Jahren. Wird die Ausstellung für Sie auch eine Zäsur sein?

Aisslinger: Ja. Für mich ist sie ist auch der Versuch einer Neuorientierung. Die Designwelt ist ein Hamsterrad. Da gibt es Ermüdungserscheinungen. Ich denke darüber nach, den Betrieb effizienter zu gestalten und mehr zu tun, was mich interessiert. Ich möchte freier sein, mehr Raum für visionäre Projekte haben.


Werner Aisslinger - Home of the Future. Ausstellung vom 21. April bis 9. Juni im Haus am Waldsee, Berlin, www.hausamwaldsee.de

Das Interview führte Karin Schulze

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Seite 1
deoog 24.04.2013
1. Star Design
'mit einem Stuhl aus Hanf Furore gemacht und 2012 mit Möbeln aus Bambus' Furore gemacht auch deshalb, weil das Grundkonzept schlichtweg aus der Architektur -sagen wir mal: entliehen- war, Stichwort Baubotanik...
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