Homosexuelle Paare Idylle im Schatten von Aids

Die Homo-Szene in den USA der Achtziger galt als promisk und von Aids zerstört. Die Fotografin Sage Sohier hat schwule und lesbische Paare fotografiert, ihre Bilder zeigen eine andere Wirklichkeit - voller Harmonie, Kitsch und Bürgerlichkeit.

Von , New York

Sage Sohier

Es ist eine Idylle wie aus dem Familienalbum: Die glücklichen Eltern mit dem Quirl am Küchentisch, vor sich eine Schüssel Teig, Backöl, Milch und eine Schachtel mit Pfannkuchenmix, Marke "Hungry Jack". Die vierjährige Tochter, im Blümchenkleid, hockt voller Vorfreude dabei. Gleich gibt's Frühstück!

Der Ort: San Francisco. Das Jahr: 1987. Die Namen der glücklichen Eltern: Bill und Ric.

Eine Familie bei der Morgenroutine: auf den ersten Blick ein amerikanisches Klischee. Auf den zweiten Blick aber natürlich genau das Gegenteil: Bill und Ric sind ein schwules Pärchen, beide tragen die homosexuelle Uniform jener Jahre - karierte Hemden, fesche Schnäuzer.

Die private Szene ist eine von Hunderten, die die Bostoner Fotografin Sage Sohier in den Achtzigerjahren festzuhalten begann: Schwule und lesbische Pärchen, viele seit Jahren zusammen, verliebt, happy, einander treu - so ganz anders als das Zerrbild jener Ära, das die Szene als promisk, panisch und im Würgegriff von Aids darstellte.

Hinter verschlossenen Türen aber, so zeigen Sohiers einprägsame Schwarz-Weiß-Fotos, bemühten sich die Gays um ein "ganz normales", wenn auch in der Regel heimliches Leben abseits der homophoben Gesellschaft.

Sheia und Dorothy, Santa Fe (1988)
Sage Sohier

Sheia und Dorothy, Santa Fe (1988)

"At Home With Themselves: Same-Sex Couples in 1980s America" heißt das fotografische Mammutprojekt, das, nach drei Jahrzehnten, nun endlich als Buch erschienen ist und erstmals auch als Ausstellung in Portland gastierte, demnächst sollen weitere folgen, unter anderem in New York. Sohier nahm es ganz bewusst in Angriff, um Stereotypen auszuhebeln. "Alles, was man damals in der Presse las, waren Berichte über promiske Männer, die an Aids starben", sagt sie SPIEGEL ONLINE. "Doch alle Schwule und Lesben, die ich kannte, waren in Langzeitbeziehungen."

Im Sommer 1986 reiste Sohier - die selbst heterosexuell ist - ins Homo-Mekka Provincetown auf Cape Cod. Sie ging auf die Tea Dances, sprach Pärchen an, verteilte Flugblätter: Ob sie sich zu Hause fotografieren ließen? "Viele waren erstaunlich bereitwillig", sagt sie. Bald weitete sie ihre Suche auf San Francisco aus, Key West, Fire Island, Santa Fe.

Die Pärchen ließen Sohier hinter die Kulissen ihrer nach außen oft verborgenen Existenzen blicken - und offenbarten dabei die gleiche konventionelle Bürgerlichkeit wie Heterobeziehungen: Kitsch, Plüsch, Stilmöbel. Viele Fotos entstanden spontan im Schlafzimmer, auf dem Ehebett: "Hier fühlten sie sich am wohlsten miteinander."

Doris und Debie mit Junyette, Los Angeles (1987)
Sage Sohier

Doris und Debie mit Junyette, Los Angeles (1987)

Sohier interviewte die Fotografierten auch und entlockte ihnen bewegende Geständnisse. Zum Beispiel Bill und Ric, die beiden mit dem Pfannkuchenmix: Seine Tochter Kate habe ihn gefragt, warum er Onkel Bill "dauernd küsst", sagte Bill. Seine Antwort: "Weil ich es mag. Ich liebe Onkel Bill. Ich küsse ihn gerne."

Die durchgehend tiefe Melancholie der Bilder fiel Sohier erst später auf. "Da hing eine Schwere darüber", sagt sie. "Aids warf seinen Schatten auch auf diese behüteten Momente." Etwa Sonny und sein Partner Tony in San Francisco, porträtiert mit Stoffbär und männlichem Pin-Up-Poster: "Aids hat mir riesige Angst gemacht", sagte Tony ihr 1987. "Ich hatte für rund zwei bis drei Jahre keinen Sex mehr."

Einige Paare suchte Sohier 2002 erneut auf, um zu sehen, was aus ihnen geworden war. Lloyd und Joel, 45 und 44 Jahre alt, hatte sie erstmals 1987 in San Francisco fotografiert. "Was Aids angeht, glaube mir - ich habe mehr Angst als sonst wer", sagte Lloyd damals. 2002 waren sie immer noch zusammen, seit 45 Jahren nunmehr. Der üblich schnelle Partnerwechsel der Szene liege ihnen nicht: "Wir empfanden das nie so."

Für Sohier hatte das Projekt aber auch noch eine sehr persönliche Wirkung. Ihr Vater, der die Familie verlassen hatte, hatte nie offen zugegeben, dass er schwul war, obwohl er Liebhaber hatte. Die Fotos der Pärchen, so merkte Sohier, waren ihre eigene Art, sich in ihren Dad hineinzufühlen.

Jahrelang suchte Sohier vergeblich nach einem Verleger. Schließlich, als das Reizthema der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA Fahrt aufnahm, gewannen ihre Fotos einen neuen, tieferen Sinn - als Symbole einer Bewegung, die nach Anerkennung ihrer mondänen Menschlichkeit strebt.

"Unsere Beziehung ist wahrscheinlich die beste Beziehung in der Familie", sagte Alan, den Sohier 1988 und 2002 mit seinem Partner Trip fotografierte. "Wir sind dankbar für das, was wir haben."

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