Homosexualität im Iran Real verbotene Liebe

Auf Homosexualität steht im Iran die Todesstrafe. Viele Menschen flüchten deshalb und hoffen auf freie Liebe in einem anderen Land. Fotografin Laurence Rasti möchte in Porträts ihre Zuversicht abbilden.

Laurence Rasti/ Edition Patrick Frey

Ein Interview von


Zur Person
    Laurence Rasti, Jahrgang 1990, wurde als Kind iranischer Eltern in Genf geboren. Sie wuchs in der Schweiz auf und hat in Lausanne an der ECAL Fotografie studiert.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Ländern der Welt wurden den letzten Jahren die Rechte von LBGT-Menschen gestärkt und gleichzeitig scheinen diese Rechte auch schnell wieder verschwinden zu können. Wie ist die Situation im Iran?

Laurence Rasti: Momentan haben Homosexuelle keine Rechte im Iran, im Gegenteil: Schwul oder lesbisch zu sein, ist verboten, die Menschen werden dafür bestraft, manchmal mit dem Tod. Viele Homosexuelle entscheiden sich daher, zu fliehen. Erster Anlaufpunkt für viele ist die Transitstadt Denizli in der Türkei. Dort verharren Hunderte Iraner und Iranerinnen seit Jahren in der Hoffnung, eines Tages in einem neuen Land ein freies Leben beginnen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben diese Geflüchteten porträtiert. Die meisten bleiben inkognito, ihre Gesichter werden verdeckt von Stoffen, Pflanzen oder Tieren. Welche Konsequenzen haben die Porträtierten zu fürchten?

Rasti: Die Menschen auf meinen Fotos sind noch nicht frei. Sie warten auf eine Antwort der Uno-Flüchtlingshilfe auf ihre Asylanträge, möglicherweise aber müssen sie zurück in den Iran. Dort würden sie bestraft und von ihren Familien verstoßen. Denn viele der Geflüchteten haben nicht mal ihren Verwandten den wahren Grund für ihre Flucht genannt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Familien nicht eingeweiht?

Rasti: Weil auch Eltern und Geschwister Homosexuelle nicht akzeptieren, sodass diese ihr gesamtes Leben auf Lügen aufbauen. In jungen Jahren ist es für viele noch einfach, ihre Sexualität zu verstecken, denn der Umgang mit dem anderen Geschlecht ist vor der Heirat verboten. Erwachsenen aber ist es unmöglich, in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung zu leben. Der heteronormative Druck ist enorm.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?

Rasti: Einer meiner Protagonisten berichtete, dass seine Familie ihn zu einem Arzt schickte, weil sie sein Schwulsein für eine Krankheit hielten. Pedrams Familie zwang ihn zu einer Hormontherapie, er bekam zehn Monate lang Testosteron gespritzt. Eines Tages wurde Pedram verhaftet, weil er in einem Park mit anderen Männern Schach spielte. Er verlor seinen Job, und seitdem steht sein Name auf einer schwarzen Liste. Jahrelang fand Pedram keine neue Anstellung, deshalb ließ er alles hinter sich. Manche werden auch zum Schritt in die Transsexualität gedrängt, die gilt im Iran zwar als "Geisteskrankheit", doch diese Diagnose ziehen viele Angehörige vor. So kam es, dass der ehemalige Präsident Ahmadinedschad im Jahr 2007 in einer Diskussion an der Columbia Universität in New York behauptete, es gäbe keine Homosexuellen im Iran.

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Laurence Rasti:
There Are No Homosexuals in Iran

Edition Patrick Frey; 136 Seiten; 52 Euro

SPIEGEL ONLINE: Ein Zitat, das zum Titel Ihres Buches wurde.

Rasti: Ja, denn die Aussage ist auf eine paradoxe Weise wahr. Die Menschen, die ich fotografiert habe, sind allesamt aus dem Iran geflüchtet. Einige verbleibende Homosexuelle wurden zu Transsexuellen gemacht, der Rest ist nicht sichtbar. So gesehen gibt es tatsächlich keine Homosexuellen im Iran.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Hoffnung auf Veränderung?

Rasti: Ob es die im Iran gibt, kann ich nicht sagen. Ich hoffe, dass das Internet die Denkmuster der Menschen verändert. Meine Protagonisten aus Denizli zumindest leben für die Hoffnung, ihre Liebe irgendwann ausleben zu dürfen.



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