Homosexualität im TV Ungeheuer sexy

Mit "Queer as Folk" und "The L-Word" starten auf ProSieben zwei US-Serien, die in ihrer Heimat für reichlich Kontroversen gesorgt haben: Unverstellter wurde homosexuelle Liebe und gleichgeschlechtlicher Sex im Fernsehdrama noch nicht thematisiert.


Es scheint im amerikanischen Fernsehen ein Gesetz zu herrschen, nach dem die besten Serien von homosexuellen Autoren geschrieben werden: "Six Feet Under", "Desperate Housewives", "Nip/Tuck" und "Sex and the City" stammen aus der Feder schwuler Männer, auch wenn Homosexualität selbst darin - die Ausnahme aus "Six Feet Under" verstehe man als Regelbestätigung - höchstens eine Nebenrolle spielt.

US-Serie "The L-Word", Darstellerinnen: Unverschämter Blick auf sexuelle Identitäten
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US-Serie "The L-Word", Darstellerinnen: Unverschämter Blick auf sexuelle Identitäten

Nun kommen zwei Serien ins deutsche Fernsehen, die das schwule und lesbische Dasein direkt thematisieren, und die sich deshalb in den USA im Bezahlsender Showtime verstecken - obwohl sie es mit den oben genannten Erfolgsformaten durchaus aufnehmen können: Russell Davies' "Queer as Folk" und Ilene Chaikens "The L-Word". Die vielleicht größte Überraschung für Hetero-Herzen: Beide sind ungeheuer sexy.

Sex mit und ohne Drogen, Sex mit Minderjährigen, Sex allein und Sex zu dritt, mit dem gleichen oder dem anderen Geschlecht - "Queer as Folk" und "The L-Word" sind nicht auf heiteres Gekicher aus wie "Will & Grace", sondern auf den unmittelbaren, im wahrsten Wortsinn unverschämten Blick auf sexuelle Identitäten. Sie sind ein etwas anderes "Sex in the City" und ein ganzes Stück erwachsener. "Sex und Sexualität", sagte Ilene Chaiken in einem Gespräch mit dem Magazin Screentalk, "sind wichtige Bereiche unserer menschlichen Geschichte, und wir haben diese Geschichten nur deshalb noch nicht erzählt, weil wir in einer puritanischen Gesellschaft leben."

"Homophobe Arschlöcher!"

In "Queer as Folk", das heute im ProSieben-Nachtprogramm (23.45 Uhr) startet, wird Sex derart deutlich erzählt, dass Empörung wohl auch in einer Gesellschaft, die sich für nicht-puritanisch hält, vorhersehbar ist. Als 1999 das britische Original auf Channel Four anlief, gab es wegen der drastischen Sexszenen und der anschaulichen Verführung eines 15-Jährigen einen öffentlichen Aufschrei; nach der dritten Episode zog der Bierhersteller Becks verschämt seine Werbespots zurück. "Homophobe Arschlöcher!", befand der Autor Russell Davies, doch obwohl seine Serie nach nur zwei Staffeln eingestellt wurde, adaptierte 2000 das amerikanische Fernsehen Davies' Figuren für den Sender Showtime.

"Queer as Folk" handelt vom Abschleppen und Angeschleppt-Werden in der Schwulenszene von Pittsburgh und wird aus der Sicht einer Clique erzählt, zu der der Anpasser Michael (Hal Sparks), der Selbstzweifler Ted (Scott Lowell), der hyper-feminine Emmett (Peter Paige) und der Draufgänger Brian (Gale Harold) zählen. Michael erscheint auf den ersten Blick mit liebenswertem Lächeln und unschuldiger Art als Abziehbild des unanstößigen TV-Schwulen, wie man ihn bislang - etwa in "Will and Grace" - lieb haben konnte. Doch der Sonnyboy, der in seinem Supermarkt-Job mit seiner sexuellen Orientierung lieber hinterm Berg hält, leidet an einer übermäßig verständnisvollen Mama, die sich als eine Art Mutter Beimer in die schwule Community einklinkt. Und er hängt immer noch heimlich seinem Ex-Lover Brian nach.

Brian ist der genaue Gegenentwurf zu Michael: Ein Männer fressender Casanova, dessen hinreißende Schönheit nur noch von seiner kompromisslosen Arroganz überboten wird. Brian nimmt sich vom Leben, was er will - einen naiven 15-Jährigen Adonis ebenso wie den Schwarm seines besten Freundes. "Ich glaube nicht an Liebe, nur ans Ficken. Liebe ist ein Hirngespinst von Heteros", schleudert er dem rettungslos verknallten Schüler Justin (Randy Harrison) entgegen, nachdem er ihn entjungfert hat. Als ein paar Kids nachts "Schwuchtel!" auf seinen Jeep sprühen, fährt Brian demonstrativ damit weiter. "Es gibt zwei Sorten Heteros", sagt Brian, "die einen hassen dich offen und ehrlich, die anderen hinter deinem Rücken."

"Fernsehen ist wie Disney"

Derartige Tiraden gegen Heteros (und gegen Lesben, mit deren einer Brian ein Kind zeugt) gibt es zuhauf in "Queer as Folk" - Autor Russell Davies hat das allzu verständnisvolle Wohlfühl-Fernsehen, in dem sich Schwule und Lesben bisher wiederfanden, auf den Kopf gestellt. "Fernsehen", sagte Davies in einem Interview mit dem Magain "PlanetOut", "ist ein hochmoralisches Universum. Es ist wie Disney, die Bösen werden besiegt und die Guten gedeihen - sehr, sehr schlichter Kram. Aber wenn man was macht, das ein wenig anders ist, etwas näher am Leben, dann reißen die Kleingeister plötzlich die Augen auf und schreien: Das geht nicht!"

Dennoch schnappen die ersten Episoden von "Queer as Folk" hier und da ein wenig über vor lauter Willen zur Offensive - wenn auch einiges davon der deutschen Synchronisation geschuldet sein mag, die bisweilen ("Fotzenleckerinnen") mit abstoßender Härte zu Werke geht. Doch die Serie wird zusehends besser, je mehr sie sich statt auf ihren Schauwert auf ihren sensiblen und klugen Unterbau konzentriert.

"The L-Word", voraussichtlich erst ab September auf ProSieben zu sehen, gibt sich gemäßigter. Die Serie von Ilene Chaiken, die im Übrigen auch den Pam-Anderson-Film "Barb Wire" schrieb, zielt weniger krass auf Zuschauerverstörung, auch wenn sie Homosexualität ähnlich kompromisslos thematisiert. "Frauen", sagt die Autorin, "tendieren nun mal stärker zur Selbstergründung als Männer."

Angesiedelt auf dem Glamourpflaster von L.A. dreht sich die Serie um ein halbes Dutzend attraktiver Freundinnen mit tollen Jobs und komplizierten Seelen. Shane (Katherine Moennig) stylt Promis wie Madonna die Haare und ist mit ihrer Rockstar-Erscheinung die Herzensbrecherin im L-Land. Die bisexuelle Journalistin Alice (Leisha Hailey) kümmert sich mehr um die Beziehungen ihrer Freundinnen als um ihre eigenen. Bette (Jennifer Beals) und Tina (Laurel Holloman) wünschen sich nach einer siebenjährigen Beziehung ein Kind; ihre Suche nach einem willigen und geeigneten Samenspender pendelt zwischen amüsant und tragisch. Die angehende Schriftstellerin Jenny (Mia Kirshner), die sich eben mit ihrem Freund Tim verlobt hat, verknallt sich überraschend in eine Frau und stürzt sich damit in tiefes Unglück. Und die Profi-Tennisspielerin Dana (Erin Daniels) verfällt über ihre Befürchtung, dass ihre Sponsoren ihr das Outing nie verzeihen könnten, in zynische Zickigkeit.

Stimmung gegen den "all gay channel"

"The L-Word" fand 2004 ebenfalls bei Showtime einen Sendeplatz - was dem Sender den Ruch eines "all gay channel" gab und nach Ansicht mancher Fans schließlich zur Einstellung von "Queer as Folk" führte. Doch das Bezahlfernsehen fungiert nun mal als Tabu-Spielplatz, auf dem die strengen Regularien der amerikanischen Medienbehörde nicht gelten - siehe HBO, wo couragierte Shows wie "Six Feet Under" und "Rome" geboren wurden. Ein Kritiker des "San Francisco Chronicle" gab zu bedenken: "Wäre dies eine Network-Show, wäre es die Kopfgeburt von fünf heterosexuellen Männern, die aus einem Trend Kapital schlagen wollten" - dem Trend, Sex zwischen Frauen als "Eye Candy" für männliche Zuschauer einzusetzen.

Chaiken dagegen, einer homosexuellen Mutter, geht es um etwas anderes: "Auch schwule Männer sieht man zu wenig, aber das ist kein Vergleich zu der regelrechten Unsichtbarkeit von lesbischen Frauen in der Welt." Und auch wenn die vielen schönen Frauen der Serie kaum abtörnend auf (Hetero-)Männer wirken werden, weisen Beziehungsdramen in "The L-Word" doch den Sexszenen, die hier ebenfalls vielzählig und anschaulich inszeniert werden, eher eine Nebenrolle zu. So werden zwar Tina und Bette von ihrer Frauenärztin zum Sex in der Gynäkologenpraxis angeregt, weil "Erregung die Empfängnischancen erhöht". Doch aus der schnellen Nummer wird nichts, weil die Beziehung der beiden kaum noch spontane Lust kennt. Zum Glück sind die Spermien ohnehin untauglich.

Übrigens bergen die beiden Serien noch eine Überraschung: Die guten alten Geschlechterklischees existieren unabhängig von der sexuellen Orientierung. Bei den Damen vom "L-Word" stehen Familiengedanken und Beziehungsprobleme im Vordergrund, bei "Queer as Folk" geht es vor allem um Partys, Drogen und Sex. Die Damen verlieben sich über eine gemeinsame Vorliebe für Poesie, die Herren über eine knackige Erscheinung. Und auch der ganz normale Beziehungsstress unterscheidet sich wenig vom Hetero-Universum: One-Night-Stands bergen hier wie dort die Gefahr, dass der vergnügliche Sex als Liebe des Lebens missverstanden wird, und langjährige Beziehungsroutine droht auch einem lesbischen Paar den erotischen Funken zu rauben. Auch wenn das hier im Szenejargon "lesbian bed death" heißt.

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jann, 13.04.2005
1.
Ich bin eigentlich kein Serienfreund bzw. ich gucke eigentlich fast nie Fernsehen. Die einzige Serie, die ich mir zur Zeit auf DVD reinziehe ist "24", so ziemlich das Beste was ich aus diesem Genre bisher gesehen habe. Klasse Konzept, superspannend und man kann einfach nicht aufhören zu gucken....Ich glaube, ich würde vergehen, wenn ich immer erst eine Woche warten müsste, bevor ich die nächste Folge sehen kann, von der Werbung dazwischen mal ganz abgesehen.. :-(
K.Schlüter, 13.04.2005
2.
---Zitat von sysop--- … Was halten Sie von den neuen Serien, hat Ihnen der Start der "Housewives" gefallen? Ist die Qualität der amerikanischen Serien generell besser geworden - oder zeigt sich an den aufwändig produzierten US-Formaten nur die Unzulänglichkeit deutscher Produktionen? ---Zitatende--- Die Verzweifelten Hausfrauen haben mir überhaupt nicht gefallen. Warum? Weil hier ein Verhalten dargestellt wird, das ich als infantil empfinde, Bsp: Ex-Bondgirl, Ex-Superman-Freundin Terri Hatcher, spielt eine erwachsene, hochattraktive Frau von Anfang 40 mit pubertierender Tochter, und alles, was ihr beim "Aufreissen" eines Klempners (wie hat der es in diese Nachbarschaft geschafft?) einfällt ist eine gestottertes "…*ich, äh, äh, …ich, äh…" So benehmen sich 14jährige Collegegirls in US-Serien.- Man könnte jetzt einen Diskurs über die Infantilisierung unserer Gesellschaft anfangen… aber vielleicht erschließt sich mir auch einfach nicht der Humor der Serie.- Zum Bsp CSI fällt mir nur ein: Der sog. production value ist geradezu ungeheuer! Da wird mal eben zur Illustration des Wortes "Blutgerinnungsfaktor" eine 3D Animation abgefackelt, die sich Hr Bublath nur 1x im Jahr vom zdf wünschen darf. Auch das Tempo der Dramaturgie muss positiv bemerkt werden - in der Zeit, in der ein deutscher Polizei Assi behäbig einen Wagen holt&aufschließt, zeigen US Serien gern schon mal den kompletten Tatablauf und reißen zwei vielversprechende Nebenstränge an. Deutsche Serien haben sich m.E. zu Tode gespart; die Sender wollen eine 1stündige Episode am Vorabend mit 12min Werbung nach 1xmaliger Ausstrahlung refinanzieren + ihre 18% Gewinn machen…- das KANN nicht gehen.- Und billig=schlecht. (ausgenommen vielleicht Ausnahmeformate wie Dittsche, die in der Herstellung vermutl. kein Vermögen kosten).
thadeus, 13.04.2005
3.
Deutsche Fernsehserien werden für deutsches Fernsehpublikum produziert – und da ist es allemal ratsam seicht und belanglos zu bleiben, niemanden zu kränken, ein gefälliges Ambiente zu zeigen (immer gut: Münchner Nobelvororte, der Schwarz- oder Bayerische Wald, gerne auch mal ein Kreuzfahrtschiff oder eine tropische Urlaubsinsel) und keine Konflikte über Eifersüchteleien hinaus zu thematisieren. Alternativ kann die Handlung aber auch auf ein Mindestmaß reduziert und ausschließlich Action gezeigt werden. Es ist bezeichnend, dass Volksmusiksendungen prozentual wohl den größten Anteil an der Samstagabend-Fernsehunterhaltung haben. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel. Mut zur Qualität zeigten in den USA wohl zuerst Sender wie HBO (Pay-TV) mit Produktionen wie Sex and the City, Band of Brothers, Six Feet Under aber auch mit noch nicht in Deutschland gezeigten Serien wie Carnivale. Und mittlerweile ziehen die werbefinanzierten Sender nach: Selbst „Durchschnittsproduktionen“ wie Joan of Arcadia (Teenie-Serie), Everwood (Familien-Drama), Battlestar Galactica (SF), um nur mal drei aus verschiedenen Genres zu nennen, zeichnen glaubhafte Charaktere mit Ecken und Kanten, besitzen eine tiefer gehende Storyline und bieten – nicht zuletzt – auch eine adäquate schauspielerische Leistung (wohlgemerkt: für eine TV-Serie). Und haben Erfolg (in den USA). Das Risiko des Scheiterns mit Serien abseits der üblichen Pfade ist den hiesigen Privatsendern wohl zu groß und die öffentlich-rechtlichen wollen sich das Stammpublikum (60+) nicht vergraulen. Wurde eigentlich Six Feet Under von einem Sender der zweiten Garnitur zu später Stunde gezeigt, weil man sich nicht traute den wertvollen Sendeplatz mit Qualitäts-Unterhaltung zu füllen oder wollte man uns Themen wie Tod und (Homo)sexualität nicht in einer TV-Serie zur besten Sendezeit zumuten? Alles in allem glaube ich nicht, dass deutsche und US-amerikanische TV-Produktionen (die besseren) in einer Liga spielen – es handelt sich schlichtweg um unterschiedliche Sportarten!
Kidyoh, 13.04.2005
4. Housewives sind bieder, aber ...
---Zitat von sysop--- ... Was halten Sie von den neuen Serien, hat Ihnen der Start der "Housewives" gefallen? ... ---Zitatende--- Nein, die "Housewives" haben mir nicht gefallen. Das "subversive" an der Serie wurde in Vorberichten maßlos übertrieben. "Sex & the City" war die Clinton-Ära und die "Housewives" sind eben die Bush-Zeit. SATC war neu, anstößig und musste für's amerikanischen Free-TV komplett überarbeitet werden. DH kann Disney sonntags zur besten Sendezeit ausstrahlen und tut niemandem weh. Viel interessanter ist da "Lost". Zum einen führt es den selbstmördischen Sparzwang der deutschen Sender vor (siehe "Verschollen" bei RTL & einem vorherigen Beitrag) und ist zum anderen die Rückkehr der Serie mit fortlaufender Handlung (mal von 24 abgesehen), die ja gerade an die schreibenden TV-Macher hohe Ansprüche stellt. Leider versickern jährlich Millionen in Pfarrarsserien mit alternden Stars für alte Zuschauer (bei den öffentlich-rechtlichen). Gäbe es eine ausgeglichenere Verteilung des vorhanden Budget Mediabudget der Zuschauer, könnte es z. B. mehr und kreativere Pay-TV-Sender geben. Denn eigentlich gehört der werbefreien, gehobenen TV-Unterhaltung die Zukunft (siehe Sex & the City, Six Feet Under, Fat Actress). Danke:-)
Larry David, 13.04.2005
5.
Der Grund für das Scheitern vieler US-Serien ist doch häufig die Synchronisation. Insbesondere bei Comedy Serien, wie Friends, geht jeder Spaß an der Übersetzung und der Wahl dilettantischer Sprecher verloren. Einen guten Weg geht hier Premiere, die Serien kurz nach der US-Austrahlung im O-Ton senden. Amsonsten bleibt nur festzustellen, dass der deutsche Fernsehzuschauer eben das bekommt, was er verlangt und verdient. Das ist offenbar "Hinter Gittern", "Cobra 11" und das Musikantenstadl.
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