Homosexuelle in San Francisco Hauptstadt der Schwulen, ja. Aber.

Daniel Schumann hat in San Francisco gleichgeschlechtliche Paare und Eltern gesucht. Gefunden hat der deutsche Fotograf oft glückliche Menschen, die aber bis heute mit ihrer Vergangenheit kämpfen.

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Daniel Schumann

Familien begleiten Daniel Schumanns Leben, mit all ihren Schicksalen und Schicksalsschlägen. Als Zivildienstleistender kümmerte er sich in einem Hospiz um Sterbenskranke. Die Bewohner porträtierte er in seinem Fotoband "Purpur Braun Grau Weiß Schwarz". In "Prinzessinnen und Fußballhelden" näherte er sich Familien mit Kindern, die lebensbedrohlich erkrankt sind. Seine neueste Fotoarbeit widmet er nun erneut Familien. Dieses Mal aber dem Leben, nicht dem Sterben: In "International Orange" zeigt Schumann Homosexuelle. Pärchen mit und ohne Kinder, Alleinerziehende, Männer, Frauen.

Mehr als ein Jahr verbrachte der 1981 geborene deutsche Fotograf dafür in San Francisco: Die Stadt steht für Cable Cars. Für Alcatraz. Für die Golden Gate Bridge, die sich in der Farbe "International Orange" über die Bay erhebt. Und dann ist die Metropole in Kalifornien ja auch so etwas wie die Hauptstadt der Homosexuellen in den USA.

"San Francisco ist weltoffen, liberal und positiv", sagt Schumann. "Ich habe den Eindruck, dass Menschen verschiedener Kulturen und sexueller Einstellungen dort gut miteinander leben können." Sie ziehen dorthin, um ihr Glück zu finden oder zumindest vor dem Unglück zu fliehen - vor den Konservativen im Mittleren Westen zum Beispiel, vor dem Kleinstadt-Mief und den schiefen Blicken.

Vater, schwul - und schwarz

Jeden seiner Protagonisten bat der Fotograf, sein Schicksal in eigene Worte zu fassen. Einige von ihnen haben nur einen einzigen Satz geschrieben, andere ganze Seiten. "Ich wollte, dass sie ihre Situation selbst beschreiben", sagt Schumann. Ungeschönt, unverändert, authentisch sollten ihre Berichte sein.

Karen, die mit ihrer Freundin Robin seit 20 Jahren zusammen ist, notierte: "Robin ist der Mittelpunkt meines Lebens" und "In meiner Vergangenheit existiert das Wort homosexuell nicht. (...) Teil meiner Gegenwart ist es, dass ich aus einer Familie komme, die für Politiker und Gesetze stimmt, die zum Ziel haben, dass Menschen wie wir Bürger zweiter Klasse bleiben."

Eigentlich traurig, dass es dieses Buch gibt. Braucht es wirklich einen Beweis dieses "modernen" Zusammenlebens? Doch Schumanns Fotoserie ist mehr als nur ein Album von Patchwork-Familien oder eine Ansammlung von Bildern, auf denen man Eltern des gleichen Geschlechts sieht. Schumann verleiht oft langen Leidensgeschichten nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Stimme. "Meine Fotoprojekte sind eine Auseinandersetzung mit meinen Fragen an das Leben", sagt der Fotograf.

Schumann hat seine Protagonisten zu Hause fotografiert oder an Orten, die ihnen wichtig sind: an Straßenecken, an denen sie sich kennengelernt haben, an öffentlichen Plätzen, die sie lieben, auf Terrassen, in Wohnzimmern, vor ihren Häusern. Sie umarmen sich, tragen ihre Kinder auf dem Arm oder sitzen nebeneinander auf dem Sofa. Es sei schon eine Herausforderung gewesen, sie zu finden, sagt er. Zuerst hat er Menschen auf der Straße angesprochen, Flyer mit den Infos über sein Projekt und seinen Kontaktdaten verteilt. Dann wandte er sich an Organisationen und Verbände, die für die Rechte gleichgeschlechtlicher Familien eintreten. Doch die Mehrzahl seiner Protagonisten fand er über Mundpropaganda. Freunde empfahlen Freunde, die Freunde empfahlen.

Um Vertrauen aufzubauen, überließ Schumann den Porträtierten die Wahl, wie sie sich gerne fotografieren lassen wollen. "Ich wollte die Menschen in der für mich typischen Bildsprache darstellen und ihnen gleichzeitig den Raum geben, ganz sie selbst zu sein. Ich wollte herausfinden, wie sie sich verhalten, ohne dass ich darauf Einfluss nahm." Manche Protagonisten seien sehr aufgeregt gewesen, konnten nicht aus sich herausgehen. Dann zeigte Schumann ihnen seine bisherigen Aufnahmen und erklärte, dass er nicht das perfekt inszenierte Bild suche, sondern echten Ausdruck.

Besonders bewegt habe ihn das Schicksal von Dewayne, sagt Schumann. Dewayne wuchs mit seiner alleinerziehenden Mutter und vielen Halbgeschwistern auf. Er wurde jung Vater, trennte sich von seiner Freundin und bekannte sich dann zu seiner Homosexualität. Jedoch: "Mein Schwulsein ist nicht der Hauptgrund für meinen Kampf als Vater, es ist meine Hautfarbe. Ich fühle mich verfolgt, weil ich ein alleinerziehender, afroamerikanischer Vater bin." Auf Spielplätzen werde er angestarrt, vor Gericht im Sorgerechtsstreit benachteiligt. Er kämpft an vielen Fronten. Auch wenn vieles in San Francisco liberaler ist, sagt Schumann - perfekt ist die Welt dort nicht.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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woodeye 16.04.2014
1. Nette, jedoch z.T. gewoehnungsbeduerfte Fotos
Wie kommen die Maenner bzw. Frauen an die (goldigen) Kinder? Gibt es Berichte von Maennern und Frauen, die bei Homos bzw. Lesben aufgewachsen sind ? Irgendwie habe ich bei dem Thema noch Vorbehalte und auch Vorurteile, obwohl ich der festen Meinung bin, kein Brett (zumindestens kein grosses) vor dem Kopf zu haben.
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