Seehofer und der Islam Harter Hund Horst

Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht? Der neue Bundesinnenminister Horst Seehofer hat eine alte Debatte wieder aufgewärmt. Jetzt tobt sie mal wieder - und löst kein einziges Problem.

Horst Seehofer
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Ach, es ist schon ein hektisches Rein und Raus mit diesem Islam. Mal gehört er zu Deutschland, wie Bundespräsident Christian Wulff einst verkündete. Neuerdings gehört er wieder nicht zu Deutschland, wie der neue Bundesinnenminister Horst Seehofer in einem Interview erklärte. Dem widersprach kurz darauf die Kanzlerin, doch, immer rein in die gute Stube mit dem Islam. Aber benehmen soll er sich! Und nicht die Füße auf den Tisch legen!

Es zieht nun also auf der übliche Debattensturm, schon blähen sich die politischen Segelchen in alle nur denkbaren Richtungen. Konservative stimmen zu. Grüne und die Linken geißeln "Verantwortungslosigkeit" und "Zündeln". Sozialdemokraten verweisen auf Artikel 4 des Grundgesetzes: "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich". Und die Rechtspopulisten behaupten, Seehofer habe seine Meinung "wörtlich aus unserem Programm entnommen".

Hat er nicht. Hat er nämlich nicht nötig. Horst Seehofer ist das, was man früher, vor dem Aufkommen der neuen Rechten, einen "echten Rechten" nannte. Mit ehrgeizigen Plänen für konsequente Abschiebungen präsentiert er sich als "harter Hund". Nun macht der Katholik in bewährter bayerischer Tradition die Räume rechts seiner CSU so eng, dass eben kein Parteiprogramm der AfD mehr hineinpasst. Und stiehlt, ganz nebenbei, seinem ungeliebten Nachfolger die Schlagzeilen. Söder zum Ministerpräsidenten gewählt? Interessiert keinen Menschen, denn: Seehofer hat etwas über den Islam gesagt!

Im Video: Seehofer und der Islam

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Seine Äußerung mag also politisch und ideologisch motiviert sein. Die Frage ist nicht, ob man der Meinung sein darf, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Mit Blick auf seine Geschichte ist schlicht nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Land durchaus eher vom Christentum, aber auch vom Antisemitismus, vom Nationalsozialismus, von der Deutschen Bank, von Volkswagen, vom Dosenpfand und von Helene Fischer geprägt worden ist als von den Worten des Propheten. Die Frage ist vielmehr, was eine solche Meinung bewirkt. Und das kann im Hinblick auf ein gedeihliches Beisammensein in dieser Gesellschaft nichts Gutes sein.

Regelrecht perfide ist die Unterstellung, auch nur ein einziger Muslim in Deutschland würde ernsthaft wünschen, dass "wir", wer immer das genau sein mag, "unsere landestypischen Traditionen und Gebräuche aufgeben". Zumal Seehofer als leitkulturelle Beispiele dafür neben dem "freien Sonntag" nur "kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten" auffahren kann. Hat jemals ein Imam gefordert, damit müsse es ein Ende haben?

Kann, praktischer gefragt, die muslimische Mutter beim Kindergartenfest auch in Zukunft noch angstfrei darum bitten, dass auch solche Würstchen auf den Grill kommen, die nach ihrem Glauben "rein" sind? Oder wäre ein Eingehen auf diese Bitte schon diese ominöse "falsche Rücksichtnahme", die Seehofer gegen eine noch ominösere "richtige" Rücksichtnahme in Stellung bringt?

Neid auf den vitaleren Aberglauben der anderen

Fünf Millionen Muslime leben in Deutschland, von denen die meisten ungefähr so muslimisch sind wie die Christen christlich - nämlich gar nicht mehr. Weshalb es überdies ein unterschwelliger Neid auf den vermeintlich vitaleren Aberglauben der anderen ist, der in Seehofers Worten zum Ausdruck kommt. Die Kirchen sind allerorten auf dem Rückzug? Tja nun. Was kümmert das den Humanisten, die Atheistin, den aufgeklärten Menschen?

Sind denn die Errungenschaften unserer liberalen Gesellschaft nicht deshalb Errungenschaften, weil sie (wo sie uns nicht geschenkt wurden) errungen worden sind? Gegen autoritäre Bevormundungen religiöser oder ideologischer Natur? Auch jene von reaktionären Gestalten, die darüber schwadronieren, was zu Deutschland "gehört" und was nicht? Könnten wir nicht endlich mit diesem weihevollen Geraune aufhören? Zu einem Bus "gehört", wer in diesem Bus sitzt. Fertig. Könnten wir jetzt bitte klären, wohin dieser Bus fahren soll?

Statt über "landestypische Traditionen und Gebräuche" könnten wir uns Gedanken darüber machen, wie Einwanderung vernünftig zu organisieren wäre. Und anfangen damit, endlich.

Es wäre viel zu gewinnen. Vielleicht sogar eine Gesellschaft, in der ohne Ansehen von Religion, Geschlecht, Kontostand oder Hautfarbe gelebt werden kann. Es muss nicht einmal "gut und gerne" sein. Leben reicht.



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