Hotelabriss in Berlin "Das letzte Stückchen Heimat"

In der DDR ein Promi-Treffpunkt, nach der Wende beliebte Billigabsteige und letztes Überbleibsel sozialistischer Architektur in der Friedrichstraße: Das Hotel Unter den Linden ist eine Berliner Institution. Heute begann die Räumung, am Montag folgt der Abriss. Abschied von einer Legende.

Von Eva Lodde


Es sieht aus als würde das Hotel geplündert: Lampen, Betten, Kissen, Stühle, Küchengeschirr, selbst Bibeln werden hastig durch die leere Empfangshalle getragen. Die Aufzüge funktionieren schon nicht mehr. Kabel hängen von der Decke. Zehn karitative Organisationen aus Berlin bekommen die Überbleibsel des sozialistischen Tophotels. Das riesige Wandgemälde von Manfred Kandt aus dem Jahre 1966 wird abmontiert, um im Restaurant des Deutschen Historischen Museums wieder aufgehängt zu werden. Das Hotel "Unter den Linden" ist Geschichte: Heute wird es leergeräumt, am Montag soll die Entkernung beginnen. Stück für Stück wird der Plattenbau abgetragen.

Hotel "Unter den Linden" in der Friedrichstraße: Wagnis der DDR-Architektur
DPA

Hotel "Unter den Linden" in der Friedrichstraße: Wagnis der DDR-Architektur

Kandts Wandgemälde zeigt das hektische Berlin im Jahr 1912: Frauen mit weiten Röcken und ausladenden Hüten, Männer im feinen Zwirn, die von Pferdekutschen springen oder sich am Straßenstand ein warmes Würstchen kaufen. Mitten hindurch marschiert eine Gruppe von Frauen: eine Demonstration für Gleichberechtigung. So turbulent ging es auch noch in den letzten Tagen des Hotels zu. Elli und Ingeborg haben am Freitag noch einen der Tische im hauseigenen Restaurant Tilia ergattert, für ein letztes Mal Kaffee und Kuchen im Café von "Unter den Linden". Die Aussicht auf die baumgesäumte Straße wird an dem sonnigen Tag schon vom Bauzaun für den Abriss versperrt.

"Das ist das letzte Stückchen Heimat", sagt Ingeborg leidend, "so viele Jahrzehnte habe ich hier gewohnt, und jetzt soll es einfach abgerissen werden. Schrecklich." Ingeborg ist 83 Jahre alt, das Hotel "Unter den Linden" war ihr zweites Zuhause. In der ehemaligen DDR hat die gebürtige Oberschlesierin als Dolmetscherin für Polnisch, Englisch und Russisch gearbeitet und im sozialistischen Nobelhotel übernachtet, nach dem "Berolina" lange Zeit die Nummer zwei der Osthälfte Berlins.

Ein Wagnis der DDR-Architektur

Pastellgelbe Platten kombiniert mit einem hellblauen Band - architektonisch war das Hotel für DDR-Verhältnisse 1966 zumindest von außen ein Wagnis. Denn in den fünfziger und sechziger Jahren triumphierte ansonsten die radikale Modernisierung mit groben Wohnklötzen im Einheitsgrau - der Alexanderplatz ist dafür das klassische Beispiel. Das "Unter den Linden" mit seinen 331 Zimmern war ein Versuch, sozialistische Moderne mit den vom Krieg unversehrten Gebäuden zu kombinieren.

"Es ist traurig, dass gerade dieses hochwertige und behutsame Beispiel der Spitzhacke zum Opfer fällt", meint Frank Roost, Stadtplaner an der Technischen Universität Berlin - auch, weil damit der Platz vor dem Hotel verlorengeht. Der neue graue Riesenkomplex mit Wohnungen und Geschäften auf 40.000 Quadratmetern wird wieder bis an die Straße gebaut werden, wie schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Ende 2008 will die Meag, eine Gesellschaft des Versicherungskonzerns Münchner Rück, das achtgeschossige Gebäude für 200 Millionen Euro an der prestigeträchtigen Kreuzung hochgezogen haben.

Abriss im "Unter den Linden": Gemälde des hektischen Berlins
SPIEGEL ONLINE

Abriss im "Unter den Linden": Gemälde des hektischen Berlins

Als das "Unter den Linden" 1966 gebaut wurde, wollten die Ost-Berliner Stadtplaner die Friedrichstrasse mit der Zeit nach Osten hin erweitern - damit sie genauso breit wäre wie Unter den Linden. Das Hotel wurde deshalb mehrere Meter von der Straße entfernt gebaut. Der versetzte Plattenbau war Teil ehrgeiziger Pläne der DDR-Führung, eine große Geschäftsstraße im Zentrum Ost-Berlins zu schaffen. Doch die Baulücken blieben, und in den achtziger Jahren wurde die Idee wieder aufgegeben. Der mittlerweile begrünte Platz vor dem Hotel blieb als eine der wenigen Möglichkeiten, wo müde Touristen sich auf einer Bank ausruhen konnten. Vor einigen Tagen sind die Bäume gefällt worden.

Fischstäbchen-Menü für 5,90 Euro

"Dass sie den Palast der Republik abgerissen haben, war schon schlimm", meint Ingeborg. Aus ihrer Handtasche zieht sie zwei Gästepässe, die sie von damals aufgehoben hat: Auf ihnen war genau vermerkt, von wann bis wann sie im "Unter den Linden" übernachten durfte. Ost-Berliner hatten nämlich keinen "Anspruch" auf ein Zimmer im Interhotel, wie es im DDR-Jargon hieß. Da Ingeborg und Elli als Dolmetscherinnen arbeiteten, bekamen sie eine Ausnahmegenehmigung. Das Café des Hotels war auch beliebter Treffpunkt von West- und Ostbekannschaften, angeblich aber stets überwacht von Agenten.

Ingeborgs Kollegin Elli kann sich an den angeblichen Glamour des Hotels, in dem zu DDR-Zeiten auch Karel Gott und Udo Lindenberg abgestiegen sind, nicht erinnern. "Ich hätte selbst mit geschlossenen Augen alles gefunden, so klein war das Zimmer. Ein Bett und zwei Kommoden passten so gerade rein", sagt die 76-Jährige nüchtern, "ganz hässlich."

In den späten siebziger Jahren bekam das "Unter den Linden" dann Konkurrenz: Das Hotel "Metropol" machte 1977 um die Ecke auf; zwei Jahre später das "Palast Hotel" und kurz vor der Wende das "Grand Hotel". Diese Devisenhotels, in denen nur mit ausländischer Währung gezahlt werden konnte, waren schicker, komfortabler - mehr nach dem Geschmack der Westgäste. Ins "Unter den Linden" kamen schließlich nur noch Genossen aus dem Osten - und nach der Wende vor allem Touristen. Am Sonntag mussten die Letzten ihre Zimmerschlüssel abgeben. 

Ein Einzelzimmer gab es schon ab 57 Euro, das Doppelzimmer ab 86 Euro - ein wahres Schnäppchen für die zentrale Lage. Den Ost-Charme hatte sich das Hotel zumindest auf der Speisekarte erhalten: Soljanka und Buletten gehörten zu den beliebtesten Gerichten. Das Tagesangebot: ein Fischstäbchen-Menü mit Kartoffeln, Tomatensauce und einem Dessert für nur 5,90 Euro. Das hauseigene Restaurant Tilia sah aus, als wäre es wahllos mit viel geschmacklosem Mobiliar eingerichtet worden, um damit ungeschickt den Ostcharakter zu verdecken: grau-rot bezogene Stühle, orange-gelbe Wände, eine braune Bar und ein Laminatboden aus weißen und blauen Vierecken.

Die Erinnerung zählt

Beim Personal herrscht kurz vor der Schließung Wehmut - aber sie lächeln tapfer und wortkarg. Der Hotelmanager hat einen Exklusivvertrag mit einer Boulevardzeitung abgeschlossen und gibt keine Interviews. Andere wiederum wollen gar nicht über ihre Geschichte reden. Ein Kellner, der schon seit mehr als 30 Jahren im "Unter den Linden" bedient, sagt im Vorbeigehen: "Darüber möchte ich nicht reden, das ist zu schmerzhaft."

Ingeborg hingegen schwelgt in ihren Erinnerungen: "Das war so gemütlich hier, mit den tiefen Sesseln." Die Dolmetscherin aus Potsdam erinnert sich an goldene Zeiten: Sie traf bei ihrer Arbeit den französischen Chansonnier Gilbert Bécaud oder die Theaterlegenden Helene Weigel und Gisela May. Die haben zwar nicht im "Unter den Linden" gewohnt, aber der Glamour färbte dennoch ab. Ihre Kollegin Elli wundert sich jedenfalls mürrisch, was an dem Hotel so toll gewesen sein soll. "Kannste dich denn nicht erinnern?", fragt Ingeborg, "das war doch 'ne tolle Zeit!"



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.