Houellebecq auf der Bühne Gefangen in der Kopie der Kopie

Ein erfolgreicher Künstler hadert mit sich selbst, ein gefeierter Schriftsteller wird ermordet: Im Düsseldorfer Schauspielhaus ist eine gelungene Dramatisierung des Romans "Karte und Gebiet" von Michel Houellebecq zu sehen - ein stimmiger Einstand des neuen Hausregisseurs Falk Richter.

Szene aus "Karte und Gebiet" im Düsseldorfer Schauspielhaus: Der Künstler und sein Abbild
Sebastian Hoppe

Szene aus "Karte und Gebiet" im Düsseldorfer Schauspielhaus: Der Künstler und sein Abbild

Von Christine Wahl


Missmutig steht der Künstler Jed Martin in seinem Atelier herum. Er sticht mit seiner Gabel auf eine Portion Dosen-Ravioli ein, als wolle er sie nicht essen, sondern exekutieren. "Es ist wirklich ein beschissenes Bild", entfährt es ihm schließlich beim hasserfüllten Blick auf die Staffelei. Dort droht gerade sein jüngstes Werk "Jeff Koons und Damien Hirst teilen den Kunstmarkt unter sich auf" zu scheitern. Koons sehe aus wie ein "Verkäufer von Chevrolet-Cabrios", konstatiert der unglückliche Künstler knochentrocken.

Im "Kleinen Haus" des Düsseldorfer Schauspielhaus ist Jed Martins Staffelei eine Videowand: eine Produktions- wie Projektionsfläche für flüchtige Bilder, die sich immer wieder auflösen, überlagern und gegenseitig aushebeln. Damit hat der Dramatiker und Regisseur Falk Richter eine zwar naheliegende, aber absolut treffsichere Bühnen-Übersetzung für Michel Houellebecqs jüngsten Roman "Karte und Gebiet" gefunden. Schließlich spielt das als literarische Sensation gefeierte Buch, das im Frühjahr auf Deutsch erschien, virtuos mit der begehrten Ware "Authentizität". Jeder will das Echte, Unverfälschte in Houellebecqs raffiniertem Gesellschaftsporträt: Man feiert die alte Handwerkskunst, kauft regionale Produkte und möchte auch wohnorttechnisch zurück zur Natur. Dabei verfängt man sich freilich - wie sollte es in postmodernen Zeiten anders sein - in der Kopie der Kopie und sitzt einer Inszenierung nach der nächsten auf.

Spontan einleuchtende Adaption

Der Aufstieg des Houellebecq'schen Protagonisten Jed Martin ist dafür exemplarisch: Seine millionenschwere Künstler-Karriere beginnt mit einer Ausstellung abfotografierter Michelin-Straßenkarten unter dem Titel "Die Karte ist interessanter als das Gebiet". Den entscheidenden Schub bekommt Martins verheißungsvolle Laufbahn ausgerechnet von einem weltberühmten französischen Autor, der sich hinreißen lässt, ein 50-seitiges Katalogvorwort zu schreiben. Er heißt: Michel Houellebecq - und wird nach ein paar launigen philosophischen Gesprächen mit Jed Martin bestialisch ermordet. Kurz: Michel Houellebecq parodiert in seinem stoff- und ebenenreichen Roman nicht nur die Kunstszene und das Krimi-Genre. Sondern er spielt vor allem gewitzt mit der Inszenierung der eigenen Person, liefert gleichsam seine Autobiografie als Fake.

Aufgrund dieses Inszenierungscharakters leuchtet die Dramatisierung von "Karte und Gebiet" spontan ein - im Gegensatz zu vielen anderen Romanadaptionen, die derzeit landauf, landab die Bühnen fluten. Und deshalb trifft es hier ausnahmsweise auch mal mit einem tieferen konzeptionellen Sinn zusammen, wenn der Regisseur sich die Mühe spart, den Erzähltext in eine ureigene dramatische Fassung zu übertragen. Richter, der sich mit dieser Arbeit als neuer Hausregisseur in Düsseldorf einführt, kann den distanzierten Erzählton beibehalten, weil er das Inszenierungsmotiv - die permanente Produktion von Kopien - kurzerhand zum ästhetischen Prinzip erhebt.

Videoprojektionen als komplette zweite Ebene

Das Atelier, in dem der Schauspieler Christoph Luser als staunend durch die Welt gehender Künstler anfangs so frustriert vor seinem Jeff-Koons-Missgeschick steht, sieht mit seinen vielen Arbeitstischen, Kameras und Mikrofonen wie eine funktionale Mixtur aus Tonstudio, Filmsetting und Großraumbüro aus: Hier werden markttaugliche Inszenierungen verfertigt. Da ist es nur logisch, dass der Bühnen-Martin immer wieder mit vor- oder auch live produzierten Bildern von sich selbst auf diversen Leinwänden konfrontiert wird. Der Videokünstler Chris Kondek hat sozusagen eine komplette zweite Ebene erschaffen, die sich still kommentierend neben das Bühnengeschehen schiebt.

Entsprechend zeichnen fünf Schauspieler in insgesamt 20 verschiedenen Rollen Jed Martins Lebensgeschichte wie ein Stereotyp aus der biografischen Bestsellerschmiede nach. Dabei hat Richter schon beherzt Nebenfiguren gestrichen, viel gesellschaftlichen Roman-Überbau gekürzt und sich inhaltlich stark auf Martins Begegnungen mit Michel Houellebecq zum einen und mit seinem sterbenden Vater zum anderen konzentriert. Auch wenn die Repräsentanten der Single-Gesellschaft dabei meist weit auseinander stehend in Mikrofone sprechen, fallen - wie bei jeder guten Inszenierung - als Nebenprodukt zutiefst identifikatorische Momente ab: Werner Rehm berührt als Martins Vater, der kurz vor seinem Tod das gigantische Ausmaß seines Scheiterns offen legt, ohne pathetisch zu werden. Und Olaf Johannessen liefert eine tolle Performance als grantelnder Houellebecq ab.

Unfreiwillige Auftaktpremiere

Man muss Richters Inszenierung sicher nicht immer geschmackssicher finden, wenn sie zum Beispiel nach der Pause für ein paar Minuten unverhohlen in die Parodie einer schlechten Vorabendkrimiserie kippt. Und wenn Karin Pfammatter als Martins Presseagentin und Moritz Führmann als Galerist der Kunstszene zu Malte Beckenbachs Live-Musik in einem flotten Liedchen mit dem Titel "Fette Beute" beizukommen suchen, mag das recht leichtgewichtig und ein wenig abgedroschen daherkommen.

Alles in allem aber ist Richters Düsseldorfer Erstaufführung, die unfreiwillig zur programmatischen Auftaktpremiere unter dem neuen Düsseldorfer Intendanten Staffan Valdemar Holm avancierte, ein gelungener Einstand. Eigentlich hatte der neue Chef auf der großen Bühne selbst "Hamlet" inszenieren wollen. Doch die dringend nötigen Sanierungsarbeiten verzögerten sich, die Premiere musste verschoben werden. "Karte und Gebiet" ist mehr als ein würdiger Nachrücker.


"Karte und Gebiet" nach dem Roman von Michel Houellebecq, aus dem Französischen von Uli Wittmann, für die Bühne bearbeitet von Falk Richter: Düsseldorfer Schauspielhaus, 18., 23. und 27. Oktober, 5., 6., 7., 14., 23. sowie 25. November, jeweils 19.30 Uhr



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tylerdurdenvolland 18.10.2011
1. ..
Zitat von sysopEin erfolgreicher Künstler hadert mit sich selbst, ein gefeierter Schriftsteller wird ermordet: Im Düsseldorfer Schauspielhaus ist eine gelungene Dramatisierung des Romans "Karte und Gebiet" von Michel Houellebecq zu sehen - eine stimmiger Einstand des neuen Hausregisseurs Falk Richter. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,792226,00.html
Zweierlei... Houellebecq ist der einzige lebende europäische Schriftsteller von Bedeutung. Das Wesentliche an "Karte und Gebiet" steht erst im Nachwort, ich hoffe der Regisseur hat das eingebeut. Dem Spiegel Autor ist es ja anscheinend nicht aufgefallen....
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