Generalintendanz im Humboldt Forum Sieg der preußischen Kulturbürokratie?

Er gilt als geräusch- und farbloser Verwalter. Nun soll Hartmut Dorgerloh nach Wunsch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Generalintendanz im Humboldt Forum übernehmen.

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Man will nicht so genau wissen, wer in Berlin gerade alles Monika Grütters verflucht. Die alte und neue Kulturstaatsministerin hat über eine Tageszeitung verkündet, wer ihr Lieblingskandidat für die Generalintendanz im Humboldt Forum ist - und damit viele hochrangige Kulturfunktionäre vorgeführt, ihren Kandidaten Hartmut Dorgerloh eigentlich gleich mit.

Zur Erinnerung: Das Humboldt Forum soll als Hauptmieter ins neue alte Stadtschloss einziehen, es soll eine Mischform aus Museum, Kulturzentrum und Wissenschaftslabor werden. Klang eine Zeitlang nach Zukunft. Doch das Projekt hat zunehmend Kritiker, die ethnologischen Sammlungen, die im Schloss-Imitat gezeigt werden sollen, gelten als historisch belastet, vieles gelangte in und wegen der kolonialen Zeiten nach Berlin. Deutschland hat diesen Teil seiner Geschichte kaum aufgearbeitet - stellt die außereuropäischen Artefakte aber bald hinter neopreußischen Fassaden aus.

Vieles ist noch ziemlich nebulös. Die drei so genannten Gründungsintendanten, die geholt worden waren, um die Ersteinrichtung des Schlosses (genauer: des Humboldt Forums und seiner Museumsflächen) zu übernehmen, verdichteten den Nebel nur noch. Diese drei Innengestalter - unter ihnen der berühmte britische Museumsexperte Neil MacGregor, 71 - sollen Visionen vorgeben, machen diesen Job aber nur in Teilzeit.

Land der Dichter, Denker und Sammler

Einer von ihnen äußert gerne die Bitte, man möge im Schloss mal wieder ein anderes Deutschland feiern, das Deutschland vor der NS-Diktatur, das Land der Dichter, Denker und Sammler. Nur war das Deutschland vor der NS-Diktatur auch nicht immer eine Vorzeigenation - woran doch gerade die ethnologischen Objekte erinnern.

Der neue, noch zu berufene Generalintendant soll der eine Nachfolger dieser drei amtierenden Gründungsintendanten werden, der endgültige Schlossherr, der die Visionen seiner Teilzeit-Vorgänger hegen, pflegen und gelegentlich abstauben darf. Es steht nicht gut ums Schloss, um die Visionen dafür, und die aktuelle Personalpolitik macht es nicht besser.

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Humboldt Forum: Er soll Berlins Kulturvermittler werden

Nun also hat Grütters - auf ihre Weise - eben klargemacht, wen sie will. Nämlich Hartmut Dorgerloh, der die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg leitet. Schloss Sanssouci, Ausstellungen zu Kronschätzen und Monarchentum, das ist es, was man mit ihm verbindet. 2018 soll unter dem Motto "Zu Tisch!" die einstige höfische Esskultur im Zentrum der Aktivitäten stehen.

Wen hätte man sich für dieses Zentrum der Weltkulturen, das das Humboldt Forum angeblich werden will, nicht alles vorstellen können? Eine Persönlichkeit, die es gewohnt ist, mit unterschiedlichsten Kulturen zu kommunizieren, die, noch naheliegender, vielleicht sogar selbst aus einem außereuropäischen Land stammt.

Geräuschloser Verwalter

Nun wird es wohl jemand, der vor allem die preußische Kulturbürokratie repräsentiert. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg leidet zwar unter einem sinkenden Besucheraufkommen, alles in allem hat Dorgerloh sie aber ordentlich und vor allem geräuschlos verwaltet. Zum Dank dafür, dass er aus Grütters' Sicht damit nichts falsch machte, darf er nach all den Ausflugsziel-Schlössern jetzt das eine, das besondere Schloss in der City übernehmen, das bis Ende 2019 fertiggebaut sein soll.

Eine Karriere von Grütters Gnaden. Was die anderen wollen, spielt keine Rolle mehr, denn eigentlich soll die vielköpfige Stiftung Humboldt Forum erst noch entscheiden, aber nur eigentlich. Vielleicht stört es einige dieser Köpfe nicht einmal, dass Grütters vorprescht, vielleicht war da irgendetwas mit irgendwem abgestimmt worden, so oder so werden sie nun alle blamiert. Man wird aber eben auch Dorgerloh künftig nicht wahrnehmen, ohne an Grütters und ihre Form der Politik zu denken: So feudal also läuft das mit der Demokratie im Jahr 2018.

Erst am Montag war beschlossen worden, wer (unter dem Generalintendanten) der Leiter der musealen Schlosssammlungen werden soll, und zwar Lars-Christian Koch, ein Musikethnologe. Er bekam den Job, weil die eigentliche Kandidatin, die renommierte Stuttgarter Museumsleiterin Inés de Castro, abgesagt hatte. Mit Koch hat man eine Hausberufung, er wird rekrutiert aus dem Mitarbeiterstamm der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (zu der die Sammlungen gehören). Er war Abteilungsleiter, bis er vor Kurzem Interimsdirektor des Ethnologischen Museums wurde.

Beide Neuberufene wissen, wie Hierarchie in Berlin funktioniert: kompliziert und simpel zugleich. Beim Humboldt Forum heißt Hierarchie, dass auch der Generalintendant als Schlossherr nur wenig zu sagen hat, über ihm kommt noch der Stiftungsrat - der, wie man jetzt sieht, tagen und abnicken darf, was die Kulturstaatsministerin vorschlägt. Das große Vorhaben Stadtschloss wird endgültig eingemeindet ins Provinzielle, ins Klein-Klein des Berliner Geschachers.

Es sei denn, der Stiftungsrat sorgt für eine Überraschung.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
blurps11 21.03.2018
1.
Tja, hört sich doch eigentlich ganz gut an. Der Mann hat Erfahrung mit ähnlichen Aufgaben und die gut gemeistert. Wo ist denn nun genau Frau Knöfels Problem ? Das bleibt leider etwas "nebulös".
emobil 21.03.2018
2.
Zitat von blurps11Tja, hört sich doch eigentlich ganz gut an. Der Mann hat Erfahrung mit ähnlichen Aufgaben und die gut gemeistert. Wo ist denn nun genau Frau Knöfels Problem ? Das bleibt leider etwas "nebulös".
Ich denke, das eigentliche Problem liegt in diesem abgrund hässlichen und überflüssigen Preussen-Kasten mit Goldkreuz den kaum jemand wollte/ will. Aber was tut man nicht alles für die alte Herrlichkeit.
santoku03 21.03.2018
3.
Ich hoffe doch, dass man die Fassade des Stadtschlosses nun wirklich so belässt wie auf Bild 3 rechts. Sie im Zuckerbäckerstil wiederaufbauen zu wollen (wie ich zuerst angenommen habe) wäre ja auch eine Geschmacklosigkeit sondergleichen gewesen.
drittetreppelinks 21.03.2018
4. Katastrophenvermeidung
Ich kann Frau Knöfels Problem auch nicht erkennen. Vielleicht sollte anerkannt werden, dass angesichts der rezenten Erfahrung unzähliger Großprojektschiffbrüche die Berufung einer erfahrenen Kraft durchaus politisch verantwortungsvoll ist. Bevor Frau Knöfel ihren doch recht tendenziösen Artikel vom Stapel ließ, hätte sie recherchieren können, dass der Kandidat erfolgreich 16 Jahre durchaus nicht "farblos" eine schwierige "Baustelle" leitete. Dass er dabei "geräuschlos" nichts für die Katastrophen-cum-Krawall-Presse lieferte, sollte als Vorteil gesehen werden.
berlinbaer 21.03.2018
5.
1. Was soll der Artikel? Darstellen, dass SPON immer mindestens ein Haar in der Suppe findet? 2. Was hat Frau Knöfel dagegen, wenn in der Hauptstadt eines Landes Museen sich Episoden der eigenen Geschichte widmen? Kein Franzose, Italiener oder Engländer käme auf die Idee, für eine solche zentrale Institution einen Intendanten zu fordern der "vielleicht sogar selbst aus einem außereuropäischen Land stammt". 3. Die Rückseite ist ein architektonisches Armutszeugnis - sieht aus wie hunderte andere Bürobauten in der Stadt. Sie wurde - wie gemunkelt wird - zur Beruhigung der ein modernes Gebäude favorisierenden Gemüter gewählt, weil sie später mit relativ wenig Aufwand an die historisierende Fassade der drei Hauptseiten angepasst werden kann.
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