Humor nach 9/11 Wo war King Kong, als wir ihn brauchten?

Schluss mit lustig: Als am 11. September 2001 die Türme des World Trade Center einstürzten, brach auch die kommerzielle Humor-Produktion in sich zusammen. Die Folgen der Anschläge wirken bis heute fort - denn mit 9/11 hat die Satire ihre Immunität verloren.

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Zwei Männer im Cockpit, bester Laune. Sie sind fast am Ziel ihrer Mission. Bald, so meinen sie, werde Allah sie ins Paradies aufnehmen, wo 99 Jungfrauen auf sie warten. Moment, sagt der eine, 99? Waren es nicht hundert? Ach, sagt der andere, 99, hundert, ist doch egal, er wäre auch mit 70 zufrieden. Aber, sagt der andere, wenn das mit den hundert Jungfrauen nicht stimmt, vielleicht stimmt ja dann der ganze Rest auch nicht. Was, wenn es nur fünf Jungfrauen wären - für die gesamte Ewigkeit? Und die würden dann ja auch nicht lange Jungfrauen bleiben! Hm. Sie beschließen, den Boss anzurufen. Er soll ihnen die exakte Anzahl garantierter Jungfrauen nennen. Osama hebt an, spricht, aber was er sagt, empört die beiden Männer im Cockpit: Es habe in letzter Zeit zu viele Märtyrer gegeben, die Jungfrauen im Paradies sind knapp, garantiert sind jetzt nur noch 20. Und dafür der ganze Aufwand? Die beiden Männer beschließen, das Flugzeug doch lieber in eine andere Richtung zu lenken. "Bahamas!", ruft der eine - da brechen die Passagiere die Türe zum Cockpit auf und fallen über die Entführer her. Schnitt. Das Flugzeug rast in einen der WTC-Türme.

Haben Sie gelacht? Oder wenigstens geschmunzelt? Sind Sie erheitert - oder doch eher empört? Uwe Boll wäre wohl beides recht. Die geschilderte Szene ist die Eröffnungssequenz seines Films "Postal" (2007), eine von vielen Videospielverfilmungen dieses möglicherweise schlechtesten Regisseurs der Welt. Boll schockiert gerne, am Rande der Berlinale 2011 hat er einen Auschwitz-Film präsentiert, der zeigen sollte, "wie es wirklich war". Der Film war eher unfreiwillig komisch. Und "Postal"? Eine, schreibt das "Internationale Filmlexikon", "durchgedrehte Trash-Satire, die weltanschauliche Eiferer auf die Schippe nimmt" - das allerdings "viel zu amateurhaft, trivial und proletenhaft".

Wo vorher gescherzt wurde, war plötzlich Patriotismus Pflicht

Dennoch ist Bolls Trash bemerkenswert, ist er doch eines der wenigen Beispiele für eine komisch gemeinte, direkte und kommerzielle Auseinandersetzung mit den Anschlägen vom 11. September 2001. Kaum jemand aus der professionellen Humorproduktion hat in den vergangenen zehn Jahren die Anschläge zum Thema eines Scherzes gemacht. Wenn man sich dieser Tage wieder die Aufnahmen der verzweifelten Notrufe aus dem World Trade Center anhört, die Bilder der aus den Türmen springenden Menschen sieht, wenn sich auch zehn Jahre danach wieder der Hals zusammenschnürt, dann weiß man auch, warum: Das ist kein Thema zum Lachen.

Nach dem 11. September 2001 fielen die Humorprofis in eine Schockstarre. Mehr als das: Die US-amerikanischen Late-Night-Shows haben mit den Anschlägen ihre "Immunität der Komik" verloren, stellt der amerikanische Kulturwissenschaftler Ted Gournelos in dem Band "A Decade of Dark Humor" ("Ein Jahrzehnt des schwarzen Humors") fest, einer Sammlung von Texten, die Reaktion und Wandlung der US-amerikanischen Satire-Industrie nach 9/11 beleuchtet. Wo vorher ohne Rücksicht auf Verluste gescherzt wurde, war plötzlich Patriotismus angesagt.

Bill Maher, damals Gastgeber einer Show namens "Politically Incorrect", war sechs Tage nach den Anschlägen wieder auf Sendung. Witze kamen nicht vor, stattdessen arbeitete eine Diskussionsrunde das Geschehene auf. Maher äußerte die Ansicht, dass man den Attentätern nicht vorwerfen könne, Feiglinge zu sein - sie seien Krieger, schließlich hätten sie für die Erreichung ihrer Ziele mit ihrem Leben bezahlt. Feige hingegen sei es, ferngesteuerte Cruise Missiles auf feindliche Ziele abzuschießen, aus sicherer Distanz, wie es die USA zu tun pflegten. In der Sendung selbst wurde die Bemerkung hingenommen, weder Publikum noch Gäste reagierten darauf, aber schon Tage darauf war Maher, dessen Äußerung von konservativen Kommentatoren bemerkt und verbreitet worden war, zur nationalen Unperson geworden, die US-Soldaten Feiglinge genannt hatte. Werbekunden sprangen ab, der Sender verlängerte seinen Vertrag nicht, "Politically Incorrect" wurde schließlich eingestellt.

Die Teletubbies stürzen aus dem World Trade Center

Seine Kollegen waren vorsichtiger, hielten zu Beginn ihrer Shows Reden über die Unmöglichkeit, wieder Witze zu machen, und über ihre Pflicht, genau das zu tun, weil Amerika gerade im Angesicht des Terrors doch auch einmal wieder lachen müsse, sich nicht unterkriegen lassen dürfe. Jon Stewart, Gastgeber der "Daily Show", begann seinen Humor-Dienst mit einem sehr persönlichen Eingeständnis: "Sie haben gesagt, wir sollen uns wieder an die Arbeit machen. Es gab keinen Job, bei dem man weinend und zusammengekauert unter dem Schreibtisch liegen konnte, sonst hätte ich den gerne angenommen. Also bin ich hierher zurückgekommen." Am 10. Oktober schließlich trat der damalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf: "Ich bin gekommen, um Ihnen die Erlaubnis zum Gelächter zu erteilen. Falls Sie nicht lachen, lasse ich Sie einsperren." Es war offiziell: Es durfte, es musste sogar wieder gelacht werden.

Den kommerziellen Medien war die globale Internetgemeinde da schon weit voraus - wenn auch nicht unbedingt besonders geschmackvoll. Die niederländische Humorforscherin Giselinde Kuipers entdeckte bereits am 13. September 2001 die ersten Witze über die Anschläge im Internet, insgesamt hat sie etwa 850 9/11-Scherze gesammelt, die im Netz kursierten und kursieren: Fotomontagen mit Osama Bin Laden und dem in der ersten Zeit als Co-Drahtzieher vermuteten Saddam Hussein, vielfach auch Zitate aus der Populärkultur wie etwa jene Montage der Teletubbies im freien Fall aus einem WTC-Turm. Oh-oh. Vergleichsweise anrührend ist eine Montage, die den berühmtesten Riesenaffen der Welt am WTC hängend zeigt, mit seinen Pranken nach Flugzeugen ausgreifend - dazu die Zeile: "Wo war King Kong, als wir ihn brauchten?"

Kennen Sie einen guten Islam-Witz, Herr Schmidt? "Das ist mir zu heikel."

Als der erste Schock überwunden war, zeigte sich, dass 9/11 die Humorproduktion nachhaltig verändert hatte. Die Anschläge selbst blieben Tabu, doch die Satire hatte ein neues Ziel gefunden: den Umgang von Medien und Politikern mit den Anschlägen. "The Onion", eine US-amerikanische Satire-Website mit parodistischen Nachrichten, berichtete von aufgebrachten Durchschnittsamerikanern, die entgeistert feststellen mussten, dass sich die Realität in einen schlechten Action-Film verwandelt hatte: Explodierende Flugzeuge, einstürzende Hochhäuser, Panik auf den Straßen - nur Bruce Willis fehlte, der am Ende die Welt rettete. Die Veränderung weg vom Kommentar des eigentlichen Ereignisses und hin zur Kommentierung der medialen Aufbereitung des Ereignisses, dieser Wechsel auf die Metaebene ist die nachhaltigste Veränderung des Humorbetriebs, stellen die Autoren von "A Decade of Dark Humor" fest. Sie wirkt bis heute fort.

In Deutschland ging Harald Schmidt zwei Wochen nach 9/11 wieder auf Sendung. Er sprach, wohl durchaus ernst gemeint, über die Solidarität zu den USA. Und parodierte dann den damaligen Außenminister Joschka Fischer, wie der mit zerknautschtem Gesicht über die Weltlage räsonierte. Das war sicheres Terrain. Als Schmidt jedoch 2006 von der "taz" gefragt wurde, ob er einen guten Islam-Witz erzählen könne, schreckte der Entertainer zurück: "Das ist mir zu heikel." Er wolle es nicht riskieren, Leuten auf den Schlips zu treten, die ihm dann möglicherweise eine Bombe in die Küche legen würden.

Schmidt steht damit nicht allein. Über den Islamismus macht man nach 9/11 lieber keine Witze, wenn einem das Leben lieb ist. Die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" waren denn auch wohl weniger zur Erheiterung der Leserschaft gedacht, sondern eher ein grimmiges Statement gegen religiösen Fanatismus. Allein dem Briten Christopher Morris ist es mit seiner Filmkomödie "Four Lions" (2010) über ein ziemlich vertrotteltes Terroristen-Quartett gelungen, den mörderischen Dschihad lächerlich zu machen - ohne, und das ist seine Kunst, gleichzeitig die gesamte Religion des Islam zu verunglimpfen.

Scharping verdankte sein Verbleiben im Amt Osama Bin Laden

Blickt man auf die zehn Jahre nach 9/11 zurück, ist die Reaktion der Humorschaffenden auf den Terror jedoch vor allem eines zu nennen: hilflos. Dabei lassen sich mit dem Abstand der Jahre durchaus humoristische Aspekte erkennen. Ist es nicht zum Beispiel ziemlich komisch, dass der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping, eigentlich kurz vor dem Rücktritt stehend, seinen Verbleib im Amt einzig Osama Bin Laden zu verdanken hatte? Könnte man nicht grinsen, wenn man heute lesen kann, wie damals die Nato-Bürokraten und die deutsche Bundesregierung den USA ihre militärische Solidarität aufdrängten, wie sie sich offenbar eilfertig und beflissen in einen Krieg drängten, der eigentlich nicht als der ihre gedacht war?

Doch, man könnte darüber lachen. Wenn die Folgen nicht so schrecklich gewesen wären.



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Seite 1
frubi 09.09.2011
1. .
Zitat von sysopSchluss mit lustig: Als am 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers einstürzten, brach auch die kommerzielle Humor-Produktion in sich zusammen. Die Folgen der Anschläge wirken bis heute fort - denn mit 9/11 hat die Satire ihre Immunität verloren. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,784866,00.html
Nach einer kurzen Phase der Trauer kann und soll man über alles Witze machen dürfen nur darf eines nicht fehlen: die Qualität. Dumme und unlustige Satire wäre geschmacklos. Ich fand es z. B. super, wie die Macher von Southpark mit der Problematik um das Abbild des Propheten Mohamed umgegangen sind. Ein Schlag ins Gesicht der radikalen Extremisten und meiner Meinung nach Wirkungsvoller als 1000 Bomben und Drohnen.
BlakesWort 09.09.2011
2. The Beast is dead.
"Was, wenn es nur fünf Jungfrauen wären - für die gesane, sorry. zu allgemeinmte Ewigkeit?" - Bitte um Korrektur, oder ist mein Babelfisch kaputt? Humor und Nine Eleven? Für mich ist das ein Thema eines falsch verstandenen Verständnisses, gerade wenn es um den Umgang mit den islamistischen Attentätern und deren Begründungen durch den Islam geht. Mörder sollte man Mörder nennen dürfen, man sollte ihre Ziele und ihre Taten in jeder Form verspotten dürfen, nicht aber ihre Opfer. Wenn man dadurch ganze Personengruppen in Haftung nimmt, sollten diese alles dafür tun, um sich von eben jenen Auslösern zu befreien. Humor hat eine heilsame Wirkung, er ist eine Form des Umgangs mit schwierigen Themen. Ob man nun wirklich jeden Witz machen muss, sei dahin gestellt. Ich kann mich noch an einen Gag von Ingo Appelt erinnern: "Ein Mann besteigt ein Flugzeug, da fragt die Stewardess: Wohin soll es denn gehen?" - "Einmal neunzigstes Stockwerk, bitte." Ich weiß noch, dass wegen der Boshaftigkeit schmunzeln musste, aber humorvoll fand ich es nicht.
Alternator 09.09.2011
3. Übersetzung
Zitat von BlakesWort"Was, wenn es nur fünf Jungfrauen wären - für die gesane, sorry. zu allgemeinmte Ewigkeit?" - Bitte um Korrektur, oder ist mein Babelfisch kaputt? Humor und Nine Eleven? Für mich ist das ein Thema eines falsch verstandenen Verständnisses, gerade wenn es um den Umgang mit den islamistischen Attentätern und deren Begründungen durch den Islam geht. Mörder sollte man Mörder nennen dürfen, man sollte ihre Ziele und ihre Taten in jeder Form verspotten dürfen, nicht aber ihre Opfer. Wenn man dadurch ganze Personengruppen in Haftung nimmt, sollten diese alles dafür tun, um sich von eben jenen Auslösern zu befreien. Humor hat eine heilsame Wirkung, er ist eine Form des Umgangs mit schwierigen Themen. Ob man nun wirklich jeden Witz machen muss, sei dahin gestellt. Ich kann mich noch an einen Gag von Ingo Appelt erinnern: "Ein Mann besteigt ein Flugzeug, da fragt die Stewardess: Wohin soll es denn gehen?" - "Einmal neunzigstes Stockwerk, bitte." Ich weiß noch, dass wegen der Boshaftigkeit schmunzeln musste, aber humorvoll fand ich es nicht.
So wirklich wurden die Attentäter in Postal erst unsicher, als ihnen auffiel, dass im alltäglichem englischen Sprachgebrauch das Wort "Virgin" sich ja auch auf Männer vor der Entjungferung beziehen könnte. Da riefen sie dann Osama an. Was die Sorge vor der Humorlosigkeit des Islam angeht, kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, weshalb zwischen den Religionen so unterschiden wird. Ich entsinne mich an einen netten Abend mit Studienfreunden in einer Bonner Kneipe, wo wir über einen Witz lachten, der in der Pointe das Wort "Gott" enthielt. Wir hatten nicht bemerkt, dass am Nebentisch eine Gruppe freier Christen versamelt war. Danach wussten wir es, und mussten die Kneipe wechseln. Insgesammt muss ich sagen, dass mir, obwohl ich aus sehr christlichem Elternhaus stamme, Religion bis vor etwa 10 Jahren bestenfalls egal war. Seit 9/11 ist dieses Thema allerdings in allen Medien dermaßen laut geworden, dass mir, als mittlerweile zutiefst überzeugtem Atheisten, dieses ewige, leidige Thema von Leuten, die meinen die gesammte materielle Welt sei eine Täuschung, und alles sei von ein paar Schafhirten vor über 2000 Jahren bereits hinreichend erklärt worden, dermaßen auf den Fraß geht, dass ich mittlerweile Witze brauche, um nicht mit blanker Wut auf die Missionierungsversuche in der Fußgängerzone zu reagieren. Witze über den Islam sind genug gerissen worden, hier ist einer für die Katholen: http://www.youtube.com/watch?v=cQ9sJVJMiYM
Ghandi_McLovin 09.09.2011
4. In der Antike schon gelacht.
Ich halte mich an einen wunderschönen Grundsatz der Griechen: Komödie = Tragödie + Zeit
Schweizer, 09.09.2011
5. ..
10 Jahre Schamfrist reichen. Über Hitler machen wir heute auch Witze. Und da geht es um 50 Mio Tote, nicht um 3000. Wer will der soll dürfen, das ist Freiheit. Diese Freiheit ist die, die die Islamisten allen anderen vorenthalten wollen! ... Über das Verhältnis zu anderen Unglücken sollte man auch ab und an nachdenken, damit sich die Unverhältnismässigkeit der Reaktionen nicht noch weiter verschiebt: - Opfer aller Flugzeugabstürze seid 10 Jahren? - Opfer im Strassenverkehr im Jahr? - Die Zahl der Hungertoten in Afrika? 3000 jeden Monate? - Die Zahl von Menschen die langsam und qualvoll (nicht so schnell wie die Opfer des 09.11) an Krankheiten sterben, die bei uns schon lange heilbar sind? Und nicht zuletzt die direkten Opfer von al-Qaida in der muslimischen Welt...
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