Humorbombe Marc-Uwe Kling Kängurus aller Länder, vereinigt euch

Comedy? Blöde. Kabarett? Öde. Der Humorkünstler Marc-Uwe Kling beweist, dass man jenseits aller Genres witzig sein kann. Zusammen mit einem kommunistischen Känguru bekämpft er den absurden Alltag - und macht sich voller Ernst über die echten Probleme in Deutschland lustig.

Marc-Uwe Kling

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Ein junger Mann wohnt mit einem Känguru zusammen, das ein Faible für Schnapspralinen und Karl Marx hat. Klingt absurd, doch Marc-Uwe Klings neuester Roman hat tatsächlich autobiografische Züge.

"Ich habe keine Kopfschmerzen", sagt der Ich-Erzähler in "Das Känguru-Manifest". "Ich habe Migräne." - "Ist doch dasselbe", wendet das Känguru ein. Doch der Ich-Erzähler insistiert: "Nein, das ist nicht dasselbe. Das verhält sich zueinander wie ein Kanarienvogel zu einem Monstertruck oder wie ein Monstertruck zu... äh... einem Sternenzerstörer." Das Känguru nennt ihn "Jugendlichen mit Migränehintergrund".

Zum Interview in Berlin-Kreuzberg kommt Marc-Uwe Kling mit feinen Ringen unter den Augen. Am Abend zuvor hatte er Premierenlesung mit seinem neuen Buch, dem "Känguru-Manifest". Rund 400 Leute waren in den Heimathafen Neukölln gekommen - ausverkauft, Ende erst nach drei Zugaben um kurz vor 23 Uhr. War der Abend anstrengend? "Ich bin eigentlich immer müde", winkt Kling ab. "Migräne."

Seit über acht Jahren ist der gebürtige Schwabe auf deutschen Bühnen zu sehen. Nach einem Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Berliner FU gründete er 2004 die Lesebühne "Lesedüne", 2005 startete er sein erstes Soloprogramm mit dem Titel "Wenn alle Stricke reißen, kann man sich nicht mal mehr aufhängen", kurz danach kamen die ersten Auszeichnungen. Neun Kabarettpreise hat der 29-Jährige bislang gewonnen. Für seinen Podcast "Neues vom Känguru", der wöchentlich auf der Berliner Radiostation Fritz läuft, gab es 2010 außerdem den Deutschen Radiopreis in der Kategorie "Beste Comedy".

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Marc-Uwe Kling: Humorist mit Migränehintergrund
Kabarett, Comedy - irgendwo dazwischen bewegt sich Marc-Uwe Kling, ob nun mit seinen Songs, Bühnenprogrammen, Podcasts oder Büchern. Auf eine der Humorsparten mag er sich nicht festlegen - denn er findet beide blöd. "Comedy klingt für mich zu sehr nach RTL 2, Kabarett dagegen zu trocken und verbissen." Bei der Buchpremiere in Neukölln, sagt er, habe er zum Beispiel bewusst auf Stand-up-Elemente verzichtet. "Diese aufgesetzte Spontaneität stört mich zunehmend. Wenn ich ein Buch vorstelle, versteh ich mich als Autor, der einfach eine lustige Lesung macht."

Ein Känguru geht um in Europa

Die lustige Lesung in Neukölln beginnt eher verhalten. Kling kommt grußlos auf die Bühne, setzt sich an einen Tisch, nimmt kurz Textwünsche entgegen, dann fängt er an vorzulesen. So richtig will das am Anfang aber noch nicht fließen. Die Dialoge zwischen Känguru und Ich-Erzähler geraten monoton; Pausen, die es zum Sackenlassen der Pointen braucht, überliest Kling - wohl aus Aufregung wegen der Premierensituation. Und wenn das Publikum lacht, zückt er sofort einen Stempel und stempelt "witzig" auf die betreffende Passage. Danach ist meist wieder Ruhe im Saal.

Trotzdem lässt sich das Publikum den Spaß an den absurden Geschichten vom revolutionär gestimmten Känguru nicht nehmen und wird mit einer Lesung belohnt, die sich fast minütlich steigert. Am Ende, nach über zwei Stunden Lesung und Gesang, macht Kling ausgelassen einen Drumcomputer nach - allerdings mit den Bezeichnungen von Fleischwaren. Kraftwerks "Boing-Bumm-Tschak" wird zu "Boeuf-T-Bone", dazwischen ruft Kling "Grilling in the name of!"

Monty Python und "Calvin und Hobbes" nennt Kling als seine humoristischen Vorbilder. Vor allem in den Comics über den kleinen Jungen Calvin und seinen allwissenden Stofftiger Hobbes entdeckt man viele Parallelen zu Kling und seinem Känguru - nicht nur wegen der sprechenden Tiere. Wie Bill Wattersons Comicstrips sind auch Klings Texte von politischen Anspielungen und Zitaten durchdrungen. So beginnt "Das Känguru-Manifest", sein zweites Buch nach den "Känguru-Chroniken" von 2009, mit einem ausführlichen Zitat aus dem "Kommunistischen Manifest". Allerdings sind zentrale Begriffe durch das Wort "Känguru" ersetzt. "Ein Känguru geht um in Europa."

"Ich möchte, dass meine Pointen auf zwei Ebenen funktionieren", sagt Kling. "Auf einer direkten und auf einer Meta-Ebene." Tatsächlich kann man über vieles in Klings Texten und Songs sofort lachen, weil es so herrlich absurd ist. Zum Beispiel über die ehemalige Eckkneipe "Bei Herta", die jetzt "Tefkabh" heißt - "The eckkneipe formerly known as bei Herta". Da diese ehemalige Eckkneipe im Verlauf von "Das Känguru-Manifest" noch mehrfach den Besitzer wechseln wird - für kurze Zeit wird sie unter anderem "Hafen der digitalen Boheme" heißen -, erzählt der running gag auch etwas über Gentrifizierung und Verdrängung im Kiez.

Das asoziale Netzwerk schlägt zu

"Um es ganz grob zu definieren: Meine Pointen sollen die treffen, die Herrschaft ausüben und nicht auf Kosten derer gehen, die unterdrückt werden", sagt Kling. Er ist sich des Pathos, den dieser Satz enthält, sehr bewusst, nimmt ihn aber nicht zurück. Genau diese Ernsthaftigkeit macht Marc-Uwe Kling auch so besonders in der deutschen Comedy- und Kabarett-Szene: Er sucht sich keine leichten Gegner aus. Witze über Latte-Macchiato-Mütter oder die Deutsche Bahn gibt es bei ihm nicht, aber auch nichts über amtierende Politiker. "Politikername plus Schimpfwort, so, denke ich immer, funktioniert Kabarett", sagt Kling. "Aber das trifft die Probleme ja nicht. Die Probleme sind nicht einzelne Personen, sondern vielmehr die Strukturen, in denen diese wirken."

Zu den Strukturen, die Kling immer wieder angreift, zählt die Arbeitsgesellschaft. In dem Berlin, in dem sein Ich-Erzähler und das Känguru wohnen, gibt es ein Ministerium für Produktivität, das Ausländer in "produktiv" und "unproduktiv" einteilt. An den Litfaßsäulen hängen Plakate mit Slogans wie "Ich arbeite gern - für meinen Konzern" oder "Ich schwimm bis nach Birma - für meine Firma". Auf eben diese Plakate verübt das Känguru einen sogenannten Anti-Terror-Anschlag: Es lässt sie übermalen mit den Worten "Wollt ihr den totalen Arbeitsplatz?" Die Anti-Terror-Gruppe des Kängurus heißt "Das asoziale Netzwerk".

"Die Überhöhung von Arbeit ist wahnsinnig verbreitet", sagt Kling. "Überall, auf Wahlplakaten oder in Talkshows, geht es um Arbeitsplätze und Arbeitsmoral." Er selbst arbeitet teilweise auch sehr viel, am "Känguru-Manifest" hat er nach eigenen Angaben wochenlang von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends geschrieben. "Ich bin schon von Perfektionismus getrieben", sagt Kling. Aber in einem festen Job zu arbeiten und einen Chef zu haben, kann er sich nicht vorstellen. "Es würde mich wahnsinnig machen, ständig Vorgaben von anderen zu kriegen."

Wie so etwas funktioniert - oder besser: nicht funktioniert - , hat er bei seinen ersten Fernsehauftritten erfahren. Bei einer Ausstrahlung fehlte plötzlich in einem Lied eine komplette Strophe. Die Redakteure hatten Angst gehabt, ein zu langer Song würde die Zuschauer verschrecken und ließen die Strophe herausschneiden. "Die vom Fernsehen sagen dir: 'Lied singen geht nicht, aus Buch vorlesen geht nicht', und ich steh da mit Buch und Gitarre und denke: 'Toll'." Kling hat daraus gelernt und lässt sich nun vertraglich zusichern, dass seine Auftritte im TV nicht beschnitten werden. Eine TV-Comedy darf man von Marc-Uwe Kling trotzdem nicht erwarten, eher einen Roman oder ein Drehbuch.

Bevor es aber so weit ist, steht die große Tour mit neuem Bühnenprogramm an, zum anderen ist der abschließende Teil der Känguru-Buchtrilogie angekündigt: "Die Känguru-Offenbarung". Arbeit, so scheint es, ist bei Marc-Uwe Kling ein Thema, das auf mehreren Ebenen funktioniert.


Marc-Uwe Kling auf Tour mit dem Programm "Das Känguru-Manifest 3D"

2.9. Dresden, Scheune

3. + 4.9. Potsdam, Theaterschiff

9.9. Weimar, Gewölbekeller der Stadtbibliothek

10.9. Eisenach, Schlachthof

20.9. Stuttgart, Rosenau

21.9. Frankfurt am Main, Kabarett Die Käs

22.9. Darmstadt, Central-Station

25.9. Düsseldorf, Zakk

26.9. Mainz, Unterhaus

weitere Termine auf http://www.marcuwekling.de/termine

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Paul Panda 06.09.2011
1. Wohltuende Abwechslung
Zu Comedy kann und will ich nichts sagen, aber nach einer regelrecht inflationären Entwicklung im Bereich Kleinkunst und Kabarett (ich kann aus dem Gedächtnis spontan bis zu 60 Kabarettisten aus dem Fernsehen aufzählen - und es gibt noch viel mehr davon) scheint Kling eine wohltuende Abwechslung darzustellen. Ich erinnere mich dunkel, ihn bereits mit seinen beeindruckenden Geschichten über sein Känguru im WDR gehört zu haben. Was mich, mit wenigen Ausnahmen, genau so nervt wie ihn: Diese zunehmend gekünstelte Spontaneität der Kabarettisten und die Eingrenzung der Themen wie z.B. "Latte Macciato Mütter" und Ähnliches.
Ylex 06.09.2011
2. Geschmackssache
Zitat von Paul PandaZu Comedy kann und will ich nichts sagen, aber nach einer regelrecht inflationären Entwicklung im Bereich Kleinkunst und Kabarett (ich kann aus dem Gedächtnis spontan bis zu 60 Kabarettisten aus dem Fernsehen aufzählen - und es gibt noch viel mehr davon) scheint Kling eine wohltuende Abwechslung darzustellen. Ich erinnere mich dunkel, ihn bereits mit seinen beeindruckenden Geschichten über sein Känguru im WDR gehört zu haben. Was mich, mit wenigen Ausnahmen, genau so nervt wie ihn: Diese zunehmend gekünstelte Spontaneität der Kabarettisten und die Eingrenzung der Themen wie z.B. "Latte Macciato Mütter" und Ähnliches.
Die 60 Kabarettisten würden mich interessieren, ich komme nämlich nicht mal auf die Hälfte. Marc-Uwe Kling - na ja, Geschmackssache, seine Themen und Motive erscheinen mir ziemlich abgegrast, manches wirkt auch zu konstruiert, seinen Humor empfinde ich meistens als etwas zu plump, seine Texte etwas bemüht, er schleppt die Gags mit sich, und dann lädt er sie ab. Aber wie gesagt, alles Geschmackssache, auch das mit Känguru.
jot-we, 06.09.2011
3. °!°
Nachdem meine Einlassung zum Thema von einem ungnädigen Zensor gleich mehrfach geblockt worden ist, ist's nun um meinen letzten Rest an Zivilcourage geschehen: ja! Hannah P. hat einen absolut hinreissenden Artikel geschrieben! Ganz bestimmt! Was aber an dem angepriesenen Comedian so witzig sein soll, hat sich mir allerdings noch nicht in voller Gänze erschlossen ...
README.TXT 06.09.2011
4. Der beste Kabarettist derzeit ist
denn * der macht die Stadien voll, * lacht über seine eigenen Gags wenn er sie vorträgt (Waddewadde, jetzt kommst, hohoho, waddawadde....) * geht im Prinzip schon gefühlt seit über 10 Jahren mit dem gleichen Programm auf Tour ("Meene Freundin, weisste...") * Bei RTL hat er eine eigene Show Der kann nur gut sein!
panzerknacker51, 06.09.2011
5. Linguale Verirrung
Zitat von YlexDie 60 Kabarettisten würden mich interessieren, ich komme nämlich nicht mal auf die Hälfte. Marc-Uwe Kling - na ja, Geschmackssache, seine Themen und Motive erscheinen mir ziemlich abgegrast, manches wirkt auch zu konstruiert, seinen Humor empfinde ich meistens als etwas zu plump, seine Texte etwas bemüht, er schleppt die Gags mit sich, und dann lädt er sie ab. Aber wie gesagt, alles Geschmackssache, auch das mit Känguru.
PP meint Comedians - das sind diese Figuren, die unentwegt irgendwelche Brüll"witze" absondern, die möglichst noch mit Lachern vom Playback unterlegt werden, damit auch alle die Stelle zum Lachen erkennen. Kabarettisten gibt es ja nur noch wenige; ich komme mal gerade auf 10 oder so ;-)
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