Hypochonder-Doku Der Hartmut und sein Darmmodell

Gegen Krähenangriffe beim Joggen wappnet er sich mit einem Waschmaschinenschlauch, sein Müsli besteht aus 20 Spezialzutaten und Alzheimer nennt er liebevoll "Alzi": Ein Fernsehfilm zeigt das Leben von Hartmut, dem Hypochonder - dessen Ärzte viel verrückter wirken als er selbst.

Ich bin mal kurz im begehbaren Darmmodell: Der Hypochonder Hartmut Steegmaier
WDR

Ich bin mal kurz im begehbaren Darmmodell: Der Hypochonder Hartmut Steegmaier

Von Jörg Böckem


Hartmuts Probleme, erfahren wir zu Beginn dieses außergewöhnlichen Porträts, wurden in der Antike unter dem Rippenknorpel, im altgriechischen hypo chondros, verortet. Dort, glaubte man, sei die menschliche Seele zu finden, und damit der Ursprung der Erkrankung.

Den Zustand seiner Seele hat Hartmut Steegmaier, Protagonist der WDR-Doku "Hartmut, der Hypochonder - und seine Ärzte", stets im Blick. Zu den zehn Ärzten, die er regelmäßig konsultiert, zählen auch zwei Psychotherapeuten. Doch seine Sorgen sind viel allumfassender: Er sorgt sich um sein Augenlicht, seine Blutgefäße, den Cholesterinwert, den Blutdruck, den Ischiasnerv. Er ficht gegen Kopfschmerzen, Schlafstörungen und vermeintlichen Darmkrebs, Krampfanfälle und Alzheimer, den er beinahe zärtlich "Alzi" nennt.

Zugegeben: Dieser Typ wirkt erst mal ziemlich seltsam. Nach dem Aufstehen schwingt er sich in seinem vollgestellten Wohnhaus auf sein Trainingsfahrrad und während des Strampelns koordiniert er telefonisch seine Arzttermine - nicht ohne ausführlich seine zahlreichen Beschwerden zu beschreiben.

Frühpensionierter Kunst- und Werklehrer; ein kauziger Sonderling, der mit dem normalen Zuschauer eher weniger zu tun hat, so scheint es. Einer, der im Fernsehen sonst eher in Nachmittagstalkshows oder Doku-Soaps ausgestellt wird. Wie schnell dann voyeuristische Neugier des Zuschauers in echtes Interesse und gar Sympathie für diesen Menschen und seine Eigenarten umschlägt, gehört zu den ganz großen Stärken des Films.

Für die eigene Leiche vorgesorgt

In der Doku aus der preisgekrönten WDR-Reihe "Menschen hautnah" begleitet der Regisseur Martin Weinhart den Hypochonder durch seine Tage. Der Fernsehfilm zeigt die allmorgendliche, fast rituelle Müslizubereitung - rund 20 gesundheitsförderliche Zutaten sind es mittlerweile. Mit jedem Ernährungsratgeber, den Hartmut gelesen hat, wurden es mehr: Zwei verschiedene Sorten Kleie für die Darmbewegung, Reisflocken der kinetischen Wärme wegen. Eine halbe Stunde dauert das, mindestens.

Danach Blutdruckmessung, Vitaminpillen, die Lektüre von medizinischen Fachbüchern und Gesundheitsratgebern, irgendwann beginnt der Ärztemarathon. Bewegung, natürlich, aber nicht ohne Notfallausrüstung - wenn Hartmut joggt, führt er ein Stück Waschmaschinenschlauch mit sich, um mögliche Krähenangriffe abzuwehren. Die Vögel, vermutet er, hätten es auf seine Augen abgesehen. In seiner Tasche steckt ein Zettel, auf dem er eine Adresse notiert hat. Dorthin soll im schlimmsten Fall seine Leiche gebracht werden.

Aber der Film zeigt auch den Menschen jenseits oder inmitten seiner Krankheit: Hartmut Steegmaier, der Künstler, der in seinen bunten geometrischen Bildern seine Gefühle und Ängste zu verarbeiten versucht.

Seine dritte, mittlerweile geschiedene Frau lebt direkt nebenan. Sie ist ihm immer noch sehr zugetan, musste aber vor der Krankheit kapitulieren. Mit seinem 90-jährigen Vater verbindet Hartmut eine schwierige Beziehung - und viele Gemeinsamkeiten. "Mein Vater, sagt Hartmut, "war noch verrückter als ich."

Der Arzt schwadroniert von Energiefeldern

Weinharts Blick auf Hartmut, den Hypochonder, ist poetisch, beinahe liebevoll. Er zeichnet das Bild eines modernen Don Quichotte, gefangen in "metaphysischer Obdachlosigkeit". Der Hypochonder als Suchender, den letzten Mysterien auf der Spur; einer der Wissen anhäuft und dabei nur noch mehr die Orientierung verliert. Einer, der uns alle an Vergänglichkeit und Tod gemahnt. Und er zeigt Hartmut, den Privatpatienten, als Spielball und Melkkuh des kommerziellen Gesundheitssystems - erschütternd, mit welcher Chuzpe einer seiner Ärzte vor der Kamera von Energiefeldern schwadroniert, die sämtliche Beschwerden lindern, und dem krankheitsbedingt willfährigen Patienten Tinkturen andreht.

Erschütternd auch Hartmuts Besuch bei seiner Psychologin: Ergeben sitzt er da, während sich die Therapeutin vor ihm produziert, selbstgefällig von "eingebildeter Krankheit" doziert und ihn mit inbrünstig vorgetragenen, hohlen Allgemeinplätzen traktiert - er müsse "in die Seele reinschauen", "die modrigen Leichen aus dem Keller" holen und sich den "dunklen Schatten und der Leere, die da hochkommen" stellen.

In diesen Momenten wirkt Hartmut gesünder als seine Ärzte. Sympathischer sowieso.


"Hartmut, der Hypochonder - und seine Ärzte", 10. September, 22.30 Uhr, WDR



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