Ideologie-Debatte Warum die Linken die Krise nicht lösen können

Wer die Finanzkrise als Triumph der Linken über den Kapitalismus deutet, hat nichts verstanden. Tatsächlich ist sie eine Bestätigung für die Konservativen dieser Welt. Denn sie haben keine Illusionen - sondern verinnerlicht, dass die Menschen feige, opportunistisch und gierig sind.

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Ich bin in den vergangenen Monaten verschiedentlich von Kollegen in ein Gespräch gezogen worden, die mich zu einer Erklärung bewegen wollten, dass die Linke doch recht behalten habe. Das hat mich amüsiert, weil es ein Bedürfnis nach Bestätigung verrät, das so gar nicht zu der Selbstgewissheit passen will, mit der die linken Weltweisheiten gern unters Volk gebracht werden.

Mal ungeschminkt: Der Kapitalist, wie er wirklich ist
Corbis

Mal ungeschminkt: Der Kapitalist, wie er wirklich ist

Zudem musste ich meine Gesprächspartner, zu ihrer Verblüffung, enttäuschen: Wenn überhaupt, hielt ich ihnen entgegen, dann mache einen die gegenwärtige Krise doch eher konservativ.

Der Liberale und der Linke sind sich näher, als sie selber vermuten: Beide sind Idealisten, die prinzipiell an das Gute glauben.

Den Linken verführt dieser Glaube, eine ideale Wirtschaftsordnung anzusteuern, in der alle von sich aus ihr Bestes geben, auch ohne Aussicht auf die Akkumulation materieller Güter, mit der sie sich von weniger fleißiger oder glücklicher agierenden Nachbarn absetzen können. Nur so kann ja eine Gesellschaft gelingen, in der die Einkommensunterschiede weitgehend eingeebnet sind und auch der Untüchtige ein Grundeinkommen erwarten darf, das dem Gehalt eines einfachen Arbeiters entspricht.

Der Liberale hingegen erwartet das Gute vom Markt: Er leugnet nicht die Existenz niederer Antriebe wie Gier, Geiz und Habsucht, glaubt aber daran, dass sie sich gegenseitig aufheben oder doch, zusammengenommen, zu einem größeren Nutzen verbinden. Dass die Leidenschaften einzelner das ganze System an den Rand des Zusammenbruchs führen können, ist bei ihm nicht vorgesehen.

Die Linke hatte ihren geistesgeschichtlichen "Enttäuschungswendepunkt" (Peter Sloterdijk) mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltreichs, die Liberalen ereilt es nun mit dem Niedergang der Wall Street, der mit dem Konkurs von Lehman Brothers - 26.000 Angestellte, 613 Milliarden Dollar Schulden, ein Chef mit einem Bürosessel für 18.000 Dollar und einem Papierkorb für 1400 Dollar - seinen Anfang nahm.

Buchtipp
In seinem Buch "Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde" beschreibt SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation.

Das Buch (352 Seiten, 16,90 Euro) ist im Rowohlt Verlag erschienen.

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Wer seine Klassiker gelesen hat, dem bereitet der jetzige Zusammenbruch der Finanzwirtschaft nach einem Jahrzehnt außerordentlicher, man kann auch sagen: teuflischer Gewinne keine wirkliche Überraschung. Der Mensch braucht Regeln und Grenzen, die Abwesenheit von Aufsicht und damit der Angst vor Entdeckung, Bloßstellung und Strafe fördert sittliche Auflösung und Bürgerkrieg.

Auf die Internalisierung moralischer Schranken durch Einsicht zu setzen, ist angesichts der Verlockungen der modernen Warenwelt eine gewagte Strategie, zumal die vergangenen vier Jahrzehnte nicht gerade gesteigerten Wert auf Tugenden wie Selbstdisziplin und Affektkontrolle gelegt haben. Noch bis gestern galt es als anrüchig, wenn einer wie der ehemalige Internatsleiter Bernhard Bueb gegen die "puddinghafte Pädagogik" zu Feld zog, die für alles Verständnis habe und sich scheue, schon im Kindesalter auch "Strenge, Härte und Verzicht" zu praktizieren. Das war dann gleich ein Rückfall in "schwarze Pädagogik" und die Heimkehr zu "rechtsextremen Bildungsidealen", wie es in einer Reihe von Gegenschriften hieß. Insofern entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn nun ausgerechnet die Verächter der Sekundärtugenden den Zusammenbruch aller Werte beklagen und mehr ethisches Betragen einfordern.

Wenn das Wachstum einer Volkswirtschaft zu 40 Prozent auf eine Industrie entfällt, die nur die Mittel zur Arbeit an anderer Stelle bereitstellt, kann etwas nicht stimmen - so wie es zuvor schon nicht stimmen konnte, dass ein Internet-Dienst wie AOL mehr wert war als die Hälfte aller Stahlkonzerne der Welt. Das eigentlich Verblüffende ist nicht die hohe Prävalenz von Gier und Dummheit im Kapitalismus, erstaunlich ist, dass sich jemand ernsthaft darüber wundert, wie weit man es damit bringen kann. Wäre die Marktwirtschaft eine allein auf Tüchtigkeit und Können beruhende Veranstaltung, dürfte kein Haustürgeschäft funktionieren und nicht die Gründung einer Briefkastenfirma.

Tatsächlich gehört die Suche nach der Abzweigung zum schnellen Reichtum zum Wesen des kapitalistischen Systems, das macht in gewisser Weise ja auch den Charme aus: Eine Welt, in der ein Felix Krull seinen Aufstieg machen kann, ist allemal attraktiver als eine, die nach den strengen Regeln der Kolchose funktioniert. Der Mensch will betrogen werden, weil er in die Idee verliebt ist, dass es auch ohne Mühe und Plackerei gehen könnte - manchmal gilt das für ganze Volkswirtschaften.

Als ich in Amerika lebte, habe ich meinen Nachbarn Bill dabei beobachtet, wie er sich vergrößerte. Bill lebte mit seiner Familie die Straße runter in White Plains, einem Vorort von New York, wo ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern im Sommer 2001 ein Haus bezogen hatte. Er war Buchhalter bei einem kleinen christlichen Verlag, wir lernten uns auf einem Schulfest kennen, und jedes Mal, wenn wir uns danach sahen, hatte er ein neues Auto, ein neues Boot oder sogar ein neues Haus.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 227 Beiträge
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Seite 1
Linus Haagedam, 11.05.2009
1. unter Niveau
...das klingt alles nach persönlich motivierter Abneigung, wenig nach politischer Analyse. Pauschal und nicht klug. Außerdem ist es Werbung in eigener Sache. Ich gehöre nicht zu den "Linken", wie sie hier beschrieben sind aber etwas geistvoller als auf dem Niveau dieses Autors darf schon debattiert werden. Na ja, auch egal...
Carnival Creation, 11.05.2009
2. .
Zitat von sysopWer die Finanzkrise als Triumph der Linken über den Kapitalismus deutet, hat nichts verstanden. Tatsächlich ist sie eine Bestätigung für die Konservativen dieser Welt. Denn sie haben keine Illusionen - sondern verinnerlicht, dass die Menschen feige, opportunistisch und gierig sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623961,00.html
Ich glaube das weiß jeder, der schonmal über sich und seine Motive objektiv (!?) nachgedacht hat. Die Frage ist: wie soll eine Gesellschaft damit umgehen? Wollen wir die (konservative?) Wolfsgesellschaft? Davor hab' ich zuviel Angst. Nicht vor den anderen Wölfen. Sondern vor mir als Wolf. Oder wollen wir den Menschen immer wieder Zeit und Gelegenheit geben, ihre eigene Niederträchtigkeit zu begreifen? Immer im Hinblick darauf daß der Ex-Raucher der vehemnteste gegner des Rauchens ist und eventuell der Ex-Opportunist das genauso sieht? Und vor allem im Wissen darum, daß das BEGREIFEN die schlimmste Strafe überhaupt ist?
Rurik, 11.05.2009
3. Konservative?
Zitat von sysopWer die Finanzkrise als Triumph der Linken über den Kapitalismus deutet, hat nichts verstanden. Tatsächlich ist sie eine Bestätigung für die Konservativen dieser Welt. Denn sie haben keine Illusionen - sondern verinnerlicht, dass die Menschen feige, opportunistisch und gierig sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623961,00.html
Das entscheidende ist doch, dass die bei uns üblicherweise als Konservative bezeichneten genau auf dieser marktgläubigen Linie gelegen haben, also welche Konservative meint er eigentlich? Und über die Presse kann ich auch nur staunen! Hat sie seinerzeit nicht den medialen Boden für diese Ideologie der "freien Märkte" bereitet? Waren alle etwa nicht in diesem Herdentrieb gefangen? Und war nicht jeder, der sich kritisch geäussert hat, gleich ein Linker - waren also nun die Linken die Konservativen? Fragen über Fragen...
bleys 11.05.2009
4. rofl...
2 Seiten Geschwafel am Thema vorbei. Es bleibt immer noch einfache Mathematik die beweist das der Kapitalismus IMMER eine tickende Zeitbombe ist. Mit einer Sprengkraft die wir erst einordnen können wenn sie hochgeht. Und wer glaubt das sie schon hochgegangen ist hat wie der Autor wirklich nichts verstanden...
BardinoNino 11.05.2009
5. Ja klar...
Zitat von Linus Haagedam...das klingt alles nach persönlich motivierter Abneigung, wenig nach politischer Analyse. Pauschal und nicht klug. Außerdem ist es Werbung in eigener Sache. Ich gehöre nicht zu den "Linken", wie sie hier beschrieben sind aber etwas geistvoller als auf dem Niveau dieses Autors darf schon debattiert werden. Na ja, auch egal...
...vielleicht ist es aber auch das berühmte Pfeiffen im Walde von einem Journalisten, der sich Gedanken darüber macht, wie er Zeiten verhindern kann, in denen Lohnschreiber nicht mehr benötigt werden. Der Artikel hat wenig Substanz, um nicht zu sagen: Er ist überflüssig wie ein Tr...äääh Kropf!
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