"Idomeneus"-Premiere in Berlin Einfach alles, knallhart

Ein Gedankenspiel über Schuld und Liebe, Tod und Todesangst: Jürgen Gosch inszenierte am Deutschen Theater in Berlin eine grandiose und sehr bewegende Version von Roland Schimmelpfennigs "Idomeneus". Der schwerkranke Regisseur wurde am Ende der Premiere tränenreich bejubelt.

Von Christine Wahl


Der Mythos ist gnadenlos: Idomeneus, der König von Kreta, gerät auf seiner Schiffsreise in einen lebensbedrohlichen Sturm. Er hat gerade einen zehnjährigen Krieg gegen die Trojaner überlebt. Und jetzt, auf der Heimfahrt zu Frau und Sohn, soll er durch höhere Gewalt ertrinken? Nein, Poseidon ist kein Ungott: Der Meeresbeherrscher gibt dem König noch eine Chance. Er bietet ihm einen Tauschhandel an: Idomeneus kann sein eigenes Leben retten, wenn er verspricht, dafür den ersten Menschen zu töten, den er bei seiner Rückkehr antrifft. Es wird sein Sohn sein, Idamantes, noch keine 20 Jahre alt.

"Idomeneus"-Ensemble: Wenn das Leben in die Kunst einbricht
Iko Freese / drama-berlin.de

"Idomeneus"-Ensemble: Wenn das Leben in die Kunst einbricht

Der Mythos ist versöhnlich: Da sich zu Hause sogar die ganze Familie für den König opfern will, verzichtet Poseidon - beeindruckt von derart grenzenloser Liebe - auf das Menschenopfer.

Nein, alles Unsinn: Die Dinge liefen völlig anders! Diesen Gedanken spielt Roland Schimmelpfennig in aller Konsequenz in seinem Stück "Idomeneus" durch, das Jürgen Gosch jetzt im Berliner Deutschen Theater inszeniert hat.

Schimmelpfennigs Auseinandersetzung mit dem Mythos - eine Auftragsarbeit für das Bayerische Staatsschauspiel, die Dieter Dorn letztes Jahr in München zur Wiedereröffnung des Cuvilliéstheaters uraufgeführt hat - ist eine Art Wortkonzert für zehn Schauspieler. Hier gibt es keine szenischen Aktionen, sondern Kopftheater. Statt im klassischen Sinn zu spielen, denken die Darsteller einfach öffentlich über diese gnadenlose Geschichte nach.

In verschiedenen Chor-Konstellationen - mal spricht nur einer, mal alle, mal sinnieren nur die Männer, dann spötteln ausschließlich die Frauen -, philosophieren sie verschiedene Varianten durch. Wie könnte die Ankunft ausgesehen haben? Keine Frage: Idomeneus findet seine Frau Meda im Bett mit Nauplios, "früher einmal einer der Männer Jasons, heute ein alter Mann und ein Ficker", glauben drei Männer. Eine romantische Gegenfraktion rettet den Glauben an die Monogamie und hält die Behauptung zehnjähriger Enthaltsamkeit dagegen. Später stockt einem der Atem, wenn Meike Droste als Meda ihren Mann in aller Nüchternheit auffordert, den Sohn zu töten: "Fick mich", rechnet sie ihm pragmatisch vor. So könne man neue Kinder zeugen. Warum, argumentiert Meda knallhart, beim eigenen Kind zögern, wenn man in Troja Hunderte Kinder getötet hat?

Schnell wird klar: Mit seinem Gedankenspiel über Tod und Todesangst, Schuld, Liebe, Endlichkeit und die Vernichtung des Anderen als Bedingung eigenen Überlebens behandelt der Abend die Basisfragen der Spezies Mensch überhaupt. Und weil Goschs atemberaubendes Ensemble diese Fragen mit einer Intensität stellt, in der Komik und Tragik, Lakonie und Grauen und noch mindestens hundert Facetten mehr Platz haben, geht es an diesem Abend wirklich um: alles.

Aktionsraum von zwei Metern

So gesehen schreibt Jürgen Gosch seine jüngsten Tschechow-Arbeiten "Onkel Wanja" und "Die Möwe" fort, die ebenfalls am Deutschen Theater herauskamen. Diesmal hat sich der Regisseur von seinem engsten Mitarbeiter, dem Bühnenkünstler Johannes Schütz, eine die Bühne komplett ausfüllende weiße Wand bauen lassen. Auf einem darin eingelassenen Vorsprung, der als Bank dient, sitzen die Schauspieler. Vom "Wanja" über "Die Möwe", die in ähnlicher Bühnenarchitektur vor einem komplett schwarzen Hintergrund spielte, ist die Wand immer dichter an die Rampe gerückt: Bei "Idomeneus" haben die Schauspieler nur noch einen geschätzten Aktionsraum von zwei Metern.

Die Intensität, die dort entsteht, bestätigt Goschs Methode einmal mehr aufs Eindrücklichste. Sie besteht darin, die Schauspieler zur maximalen (Spiel-)Freiheit zu führen. Das ist weit schwieriger, als es klingt. Die Schauspielerin Corinna Harfouch, die in vielen Gosch-Inszenierungen gespielt hat, sagte einmal, man hole das Material bei keinem anderen Regisseur so blank, so pur aus sich selbst - was aber nicht mit Privatheit zu verwechseln ist. Es meint vielmehr, dass man beim Zuschauen jedes Mal das Gefühl hat, nichts sei hergestellt. Sondern es wirkt, als erfänden die Schauspieler ihren Text immer genau hier und jetzt, in diesem Moment - ohne dass Gosch auch nur ein einziges Komma an der Stückvorlage verändern würde. Die Art, wie dieses Theater das Leben in die Kunst einbrechen lässt und umgekehrt, eröffnet Zuschauern tatsächlich völlig neue Seherfahrungen.

Dafür wurde Jürgen Gosch am Dienstagabend der Welttheaterpreis des Internationalen Theaterinstituts verliehen - im Anschluss an die Premiere, die beinahe gar nicht stattgefunden hätte. Ein Schauspieler hatte anderthalb Stunden vor Beginn einen Kreislaufkollaps erlitten und fiel für die Vorstellung aus. Was für eine Leistung des Ensembles, den Abend trotzdem - und in derartiger Qualität - zu spielen!

Am Ende des Abends steht ein umwerfender Alexander Khuon an der Rampe. "Ich hänge am Leben", spricht er den letzten Satz des Idomeneus. Wie Ulrich Matthes in der Schlussszene von Tschechows "Onkel Wanja" hat er dabei Tränen in den Augen. Und wie bei Matthes ist dieser Moment nicht sentimental, sondern knallhart und absolut stimmig. Den anderen Schauspielern - von Margit Bendokat bis Christian Grashof, von Meike Droste bis Bernd Stempel - geht es genau so.

Beim Schlussapplaus tritt Droste von der Bühne und öffnet eine Seitentür für Jürgen Gosch. Der schwer erkrankte Regisseur kann nicht auf die Bühne kommen. Er sitzt im Rollstuhl. Sein Gesundheitszustand hat sich während der Proben sehr verschlechtert. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen und applaudieren ihm minutenlang im Stehen. Gosch lächelt. In diesem Moment erwischt einen der Abend - Johannes Schütz' Bühne, die existentiellen Fragen - nochmals in aller Heftigkeit. Es ist ein berührender, aber unsentimentaler, gleichermaßen trauriger wie irgendwie versöhnlicher Augenblick. So wie Goschs Theater.

Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierung "Die Möwe" wird kommende Woche beim Theatertreffen zu sehen sein, der alljährlichen Leistungsschau der bemerkenswertesten deutschsprachigen Inszenierungen in Berlin. Sie folgt kurz auf Christoph Schlingensiefs Projekt "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden mit mir", in dem sich der Aktionskünstler offensiv mit seiner Krebserkrankung auseinandersetzt.

Der expressive Schlingensief und der stille, weise, introvertierte Gosch: Selten sind die existentiellen Fragen im Theater - auf komplett unterschiedliche Weise - derart dringlich und berührend gestellt worden.



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