Illustrationen Der letzte Bohemien von Berlin

Mit einer Ausstellung über den vergessenen Illustrator und Künstler Marcus Behmer hat der Kölner Galerist Daniel Buchholz in Berlin eine Dependance eröffnet.


Vergangener Freitag, abends in der Berliner Fasanenstraße 30 im alten Charlottenburg. Auf dem Bürgersteig steht eine Traube junger Leute, die entweder darauf warten, dass es sich im ersten Stockwerk etwas leert, oder die sich gerade aus dem Gedränge in der Wohnung oben auf die Straße gerettet haben. "Oben" in der Fasanenstraße 30 läuft die erste Ausstellung des Kölner Galeristen Daniel Buchholz, der eigentlich nie nach Berlin kommen wollte. Und jetzt ist er da, der "Kölsche Jung", und die Berliner Kunstszene scheint nur auf ihn gewartet zu haben.

Warum er nun doch gekommen ist? "Meine Künstler wollen in Berlin ausstellen", sagt Buchholz. Und wenn er nicht gekommen wäre? Blöde Frage. Als Partner und Freunde versteht man sich und diskutiert alles aus, oft hat Buchholz die ersten Ausstellungen "seiner" Künstler gezeigt, hat sie gefördert und beraten, und manchmal ist er auch ihr Sammler - genauso stellt sich ein Künstler den "idealen" Galeristen vor.

Darüber herrscht Konsens auch bei den Sammlern und anscheinend bei allen, die gekommen sind. "Fast gerührt" sei er über soviel Interesse, sagt Buchholz, und ein bisschen wundere er sich über die Begeisterung in Berlin, denn schließlich bleibe er ja auch noch in Köln, mit seinen beiden Ausstellungsräumen - dem legendären, den er 1986 hinter dem Antiquariat seines Vater in der Neven-DuMont-Straße eröffnete - und seinem zweiten, neueren Ausstellungsraum in einem fünfziger-Jahre-Gebäude um die Ecke.

Aber über Berliner Galerien-Konkurrenz hat er keine Lust zu reden, lieber über seine erste Hauptstadt-Ausstellung, denn der Künstler Marcus Behmer sei einfach "ganz, ganz großartig". Keine Frage, die erste Schau der Berliner Buchholz-Galerie ist ganz großartig, ganz unerwartet - und unverkäuflich. Die Zeichnungen, Drucke, illustrierten Bücher, Briefe und Manuskripte von Marcus Behmer, einen 1958 kurz nach seinem 79.Geburtstag in Berlin verarmt gestorbenen genialen Künstler und Illustrator, gehören nämlich ihm. Schon als Junge hatte er von Behmer illustrierte Bücher im Antiquariat seines Vaters gesehen, später hat er hier und da eine Illustration oder ein Buch gekauft, was ihm "so in die Hände fiel", dann irgendwann begann er die Arbeiten systematisch zu sammeln und zu katalogisieren. Inzwischen gilt Buchholz als großer Behmer-Kenner, und die Ausstellung mit ergänzenden Leihgaben aus der Sammlung Sternweiler im Schwulen Museum, dem Städelschen Kunstinstitut, dem Klingspor-Museum in Offenbach oder aus der Berlinischen Galerie hätte genauso gut ins Kupferstichkabinett der Nationalgalerie gepasst.

In mehreren Tischvitrinen sind hauptsächlich illustrierte Bücher ausgestellt, die Behmer für den Insel Verlag und Harry Graf Kesslers Cranach Presse gestaltet und illustriert hat. Bis zum ersten Weltkrieg hatte der Autodidakt, angeregt durch die Illustrationen Aubrey Beardsley, einen eigenen, modernen Zeichnungsstil mit viel Ironie und sexueller Offenheit entwickelt, mit dem er z.B. Oscar Wildes "Die heilige Buhlerin" oder Herman Bangs "Exzentrische Novellen" illustrierte. Aber schon in den zwanziger Jahren kriselte es in der Buchkunst - die Auswirkungen sind in Briefen nachzulesen, in denen Behmer z.B. immer wieder um die ausstehenden Honorare bitten muss. An der Wand in drei Räumen hängen Federzeichnungen, Aquarelle und Radierungen, in Vitrinen liegen private Fotos und Briefe.

Buchholz kann stundenlang über Behmer reden, über dessen offenes schwules Leben, für das er unter den Nazis zwei Jahre inhaftiert wurde, über seine frühen Comics, seinen Witz, die Spottlust und verzweifelte Ironie, seinen Stolz und seine Eleganz, wofür sein Freundeskreis "den letzten Bohemian von Berlin" liebte. Einer liebte ihn besonders, nämlich der Berliner Galerist Rudolf Springer, der Behmer 1951 in Berlin ausgestellt hat. Wie sehr, zeigte sich am vergangenen Freitag, als der 99-jährige Springer im Rollstuhl vor den Treppen zur Galerie Buchholz stand um die Ausstellung anzusehnen - das sei wie ein Ritterschlag für Daniel gewesen, sagt ein Freund. Auf jeden Fall ein gutes Omen für die Galerie Daniel Buchholz in Berlin.



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