"Gift" im Deutschen Theater Süchtig nach Schmerz

Wenn alle alles verlieren: Ein bekannter Filmregisseur inszeniert mit zwei berühmten Theaterschauspielern ein beachtliches Theaterstück über den Verlust der Liebe - das muss doch zu einem begeisternden Abend führen. Oder etwa nicht?

Arno Declair

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Um 19.10 Uhr ging die Tür zu, hinter ihm und hinter ihrer Beziehung. Es war der 31. Dezember 1999, der Abend des Milleniumswechsels. Seitdem haben sie sich nicht gesehen, nicht gesprochen, nicht geschrieben. Nun treffen sie sich wieder. Sie belauern sich, wie sich Ex-Partner belauern, die sich nach Jahren das erste Mal wiedersehen, sie schauen sich an und sehen nicht den Menschen, den sie mal geliebt haben, sondern nur eine gescheiterte Geschichte. Gescheitert, aber noch lange nicht abgeschlossen.

Das allein wäre Drama genug für ein Duell zweier Ex-Partner, aber die Ausgangslage im Theaterstück "Gift" der niederländischen Autorin Lot Vekemans ist noch komplizierter, noch vergifteter: Der Mann und die Frau haben mehr verloren als ihre Liebe. Sie haben ihr Kind verloren, bei einem Autounfall, dann haben sie sich selbst verloren, dann einander. Zuerst war Jacob tot, dann ihre Liebe.

Die beiden treffen sich in der Halle des Friedhofs, auf dem Jacob beerdigt ist. Angeblich ist Gift im Boden gefunden worden, die Toten müssten umgebettet werden. So steht es in einem Brief, den der Mann bekommen hat. Nicht jedoch von der Friedhofsverwaltung, sondern von seiner Ex-Frau, wie sich bald herausstellt. Ein Trick, um ein Treffen zu arrangieren.

Sie klammert sich an ihr Leiden

Er lebt inzwischen in Frankreich, mit einer neuen Frau, die ein Kind von ihm erwartet. Kurz: Er lebt. Seine alte Frau steckt in ihrem alten Dasein fest. Sie war süchtig nach Schokolade und Schlaftabletten, nach Schmerz ist sie es noch. Sie klammert sich an ihr Leiden, weil nur dieses Leiden sie noch ans Leben bindet, weil nur in diesem Leiden ihr Kind noch lebendig ist.

Zunächst versteht keiner der beiden den anderen, aber je länger sie reden, desto näher kommen sie sich. Sie reden nicht aneinander vorbei, sie reden miteinander, sie reden in den anderen hinein, fast wie Therapeuten. Und so hat sich ihr Konflikt am Ende ihres Treffens zwar nicht gelöst, aber doch gelockert. Was ein Wunder ist, vor allem ein Theaterwunder: Dialoge wie jene in "Gift" wollen die meisten Theaterautoren heute nicht mehr schreiben. Und die, die es wollen, können es nicht. "Gift", geschrieben erst 2009, wirkt wie eine Zeitreise in ferne Theaterjahrzehnte, in denen das Reden noch geholfen hat, in denen der postmoderne Theoriediskurs den Glauben an selbstidentische Charaktere und an den Dialog noch nicht zerstört hatte. "Gift" ist psychologischer Realismus at it's best. Egal, wie man dazu steht: Vekemans ist ein beachtlicher, ein großer Text gelungen, den man mit Gewinn liest.

Warum überhaupt auf die Bühne?

Im Deutschen Theater Berlin hat Filmregisseur Christian Schwochow den Text nun inszeniert, mit Dagmar Manzel als Frau und Ulrich Matthes als Mann. Nun sind die Bühnenstars Manzel und Matthes eigentlich jeden Cent wert, aber man kann sich schon fragen, warum man diesen Text, der als Lesedrama so gut funktioniert wie kaum ein anderer zeitgenössischer Text, überhaupt auf eine Bühne stellen soll. Welchen Mehrwert verspricht das?

Es ist schwer, auf diese Fragen eine Antwort zu finden, leider zu schwer für den Regisseur Schwochow, der mit dem Fernsehzweiteiler "Der Turm" kürzlich einen Grimme-Preis gewonnen hat und nun erstmals im Theater inszeniert. Es ist eine karge Inszenierung, die sich ganz auf den Text konzentriert. Auf der Bühne: ein Kaffeeautomat, ein Wasserspender, ein Tretmülleimer, sieben weiße Stühle und zwei Schauspieler. Von drei Seiten, von links und von rechts und von hinten, umgibt die Bühne eine massive graue Metallwand, die an den Eisernen Vorhang erinnert; die massivste Wand aber steht, im übertragenen Sinne, zwischen der Bühne und den Zuschauern.

Schochow sperrt die Schauspieler und mit ihnen das Stück in einen Container. Darin lässt er die Schauspieler aufeinander losgehen wie in einer Versuchsanordnung. Von außerhalb des Containers lässt er die Zuschauer dabei zusehen wie mit einem Kameraauge. Der Blick der Zuschauer ist dadurch eher ein distanzierter, eher kein emotional involvierter. Sie sind von den Darstellern ebenso weit entfernt wie die Darsteller voneinander. Wieso diese Kühle? Wieso diese Distanz?

Es sind zwei gute Schauspieler, sie sind sogar mehr als das: herausragend, aber liefert ihr Spiel in dieser Inszenierung eine intensivere ästhetische Erfahrung als das Lesen des Textes? Eher nicht. Bietet es einen anderen, einen neuen Blick auf das Gelesene? Auf keinen Fall.

Zwei Szenen gibt es, in denen mehr möglich gewesen wäre, mehr als in einem Text und viel mehr als in einer Filmadaption. Es sind zwei Szenen, die keinen Dialogtext haben, die genaugenommen gar nicht im Text stehen, nur als Pausen, in denen nichts geschieht. In beiden Szenen verlässt der Mann den Raum, die Frau bleibt allein zurück; in beiden Szenen nimmt der Text eine Wendung. Es sind die wichtigsten Szenen des Stückes. Und was macht Schwochow? Er macht das Licht aus, setzt also ein Black, wie einen Schnitt im Film - und ignoriert so die Szenen.

Das Medium Theater könnte in diesen Szenen seine Macht ausspielen, wenn Schwochow den Mut hätte, die in der Fiktion verstreichende Zeit auch real verstreichen zu lassen. Wenn er also den Mut hätte, die Frau minutenlang allein auf der Bühne sitzen zu lassen, ohne dass sie etwas sagt. Nach dem Motto: Wenn schon psychologischer Realismus, dann richtig. Das Theater könnte die zäh verstreichende Zeit erlebbar machen, die Einsamkeit der Frau, das Theater könnte erlebbar machen, dass es der Frau unangenehm ist, mit sich selbst allein zu sein, auch weil sie fürchtet, mit ihrem Trick aufzufliegen, und dass es ihr noch unangenehmer wäre, wenn sie wüsste, dass ihr jemand dabei zusieht.

Verschenkt.


Gift. Deutsches Theater Berlin. Nächste Vorstellungen am 12., 14. und 19. November, Karten unter Telefon 030/28441225. www.deutschestheater.de

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insgesamt 4 Beiträge
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BettyB. 11.11.2013
1. Wieso auf der Bühne?
Theater war schon immer eher nichts für Taube, z.B. Leuten mit Leseschwäche kann man aber auf der Bühne Erfahrungen vermitteln, die sie sonst nie hätten...
sebastian.teichert 11.11.2013
2. Hmm...
Also ich finde Theater unglaublich langweilig... Und meist ist es völlig abgedreht um einen Hauch von Spannung zu simulieren. Aber wie gesagt eigentlich nur abgedreht. Dazu werden sich einer Menge billiger Tricks bedient wie in diesem Fall Trauer, Verlust usw. Fertig sind 2 Stunden "Unterhaltung" für Menschen die i.d.R. denken sie sind was besseres, die denken sie müssen sich von allen anderen abgrenzen. Nun gut. Jetzt zwingt mich niemand, mir das angucken zu müssen, weswegen ich jedem viel Spaß wünsche, der sich entscheidet es sich anzugucken! :)
jcsahnwaldt 11.11.2013
3. Anregend
Angenehm konstruktive Kritik. Vielen Dank dafür, und danke für den Hinweis auf Vekemans. Der Text ist wirklich großartig. Die ersten zwanzig Seiten der deutschen Version sind auf der Website der Autorin zu finden. Enthalten für die Pausen, in denen der Mann den Raum verlässt, aber keine Regieanweisungen, keinen Text. Insofern hat sich der Regisseur einfach nach dem Text gerichtet. Was die Anregung des Kritikers aber nicht widerlegt.
sanniv. 11.11.2013
4. Minutenlang schlafen lassen?
Herr Becker ich bin ja nur ein unabhängiger Theaterbesucher, der das Stück gesehen hat aber ob Sie selbst verstehen, was Sie da schreiben, interessiert mich dann schon sehr... "Das Theater könnte die zäh verstreichende Zeit erlebbar machen..." Und im nächsten Atemzug soll "er den Mut haben, die Frau minutenlang allein auf der Bühne sitzen lassen, ohne dass sie etwas sagt"?! Entschuldigung aber ich gehe nicht ins Theater, um mich von "mutigen" Regisseuren minutenlang langweilen zu lassen. Für mich haben zwei brilliante Schauspieler alles was die Geschichte an zwischenmenschlicher Interaktion hergibt, spritzig und unterhaltsam erzählt. Sie waren emotional dem Zuschauer geöffnet und haben Witz, Trauer und Verzweiflung zu den richtigen Augenblicken transportiert. Ich habe diesbezüglich keine Mauer zwischen den Schauspielern und mir wahrgenommen. Saßen SIE vielleicht HINTER der Bühne?
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