Krachts "Imperium" erstmals auf der Bühne Der Jünger der Kokosnuss

Was wollte Christian Kracht mit seinem Roman "Imperium"? Der Regisseur Jan Bosse bringt die Abenteuergeschichte in Hamburg zur Uraufführung und traut sich nicht, eine Antwort zu geben. Aber das Zuschauen macht Spaß.

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Weiße Hosen; Hemden und Pullis in sanftem Pastell. Die fünf jungen Menschen, die da auf der Bühne in einem Sandhaufen stehen, könnten sich an einem Sylter Strand befinden und aus Christian Krachts Roman "Faserland" stammen, jenem Buch, das den heute 48-jährigen Autor vor genau 20 Jahren berühmt gemacht hat. Obwohl - ob damals wirklich Pastellfarben angesagt waren, darüber müsste man erst noch mal nachdenken, wenn man es denn für relevant erachten würde.

Aber die fünf sind ohnehin auf einem ganz anderen Trip, hinein in den bislang letzten Roman von Kracht, "Imperium", 2012 erschienen und jetzt im Thalia in der Gaußstraße, der Nebenbühne des Hamburger Thalia Theaters, vom Regisseur Jan Bosse in zwei kurzen Stunden zur Uraufführung gebracht.

Hinein ins "Imperium", das bedeutet: raus aus der Zivilisation, die hier ein Haufen Plastikmüll auf der linken Bühnenseite ist (Bühne: Stéphane Laimé). Krachts Roman spielt im Bismarck-Archipel in der Südsee, ehemals "Deutsches Schutzgebiet", wohin 1902 der Nürnberger August Engelhardt, den es tatsächlich gegeben hat, auswandert. Er will eine Gemeinschaft der Kokosnuss-Gläubigen gründen, weil er die Frucht für das allein seligmachende Nahrungsmittel hält.

Und so verwandeln sich die Schauspielerin Marie Löcker und ihre Kollegen Jörg Pohl, Sebastian Zimmler, Daniel Lommatzsch und Steffen Siegmund mit wenigen Tricks - ein T-Shirt wird zum Lendenschurz, Sonnenbrille und Schuhe werden abgelegt (Kostüme: Kathrin Plath) - von Sylter Schnöseln in freakige Aussteiger. Nach bewährter Roman-auf-der-Bühne-Manier berichten sie reihum die Geschichte und schlüpfen immer wieder in verschiedene Rollen. Wer den langen fusseligen Bart um hat, ist Engelhardt. Für die philosophischeren Passagen über Tod und Vorbestimmung ist Christoph Bantzer zuständig, der, ebenfalls mit langem Bart, wie ein Märchenonkel rechts auf der Bühne in einem Haufen Kokosnuss-Schalen sitzt.

Wie bei Kracht ziemlich zu Beginn des Romans fällt auf der Bühne bald die Bemerkung, dass die Geschichte des deutschen Aussteigers Engelhardt Parallelen aufweise zu Hitler und dies "durchaus beabsichtigt" sei. Aber wie im Roman bleibt das auch bei Bosse so als Behauptung stehen, ohne dass man sich im weiteren Verlauf noch eingehender damit beschäftigt.

"Ich allein bestimme hier!"

Überhaupt ist die Inszenierung ziemlich nah am Roman, wenn auch der mäanderne Erzählfluss von Kracht radikal begradigt wurde. Der Ton des sanft ironischen, allwissenden Erzählers wird beibehalten, der Sprache vor allem anfangs viel Raum gegeben. Selbst in Dialogen bleibt die indirekte Rede stehen, Engelhardt spricht von sich in der dritten Person. Nur selten wird das durchbrochen, etwa als der Insel-Guru (da gerade verkörpert von Zimmler) sich mit einem vehementen "Ich, Ich, Ich, Ich"-Geschrei Luft verschafft: "Ich allein bestimme hier!" Und damit meint er vielleicht das Verhältnis der Figur zum übermächtigen Erzähler genauso wie Engelhardt, der sich von Lützow befreien will, seinem ungebetenen Gast aus Deutschland. In Lützow zeigt die Zivilisation ihre hässliche Fratze; Jörg Pohl gibt dem Affen nicht nur in dieser Rolle ordentlich Zucker.

Je verzweifelter Engelhardts Situation, desto mehr treibt Bosse seine Schauspieler ins wilde, manchmal auch alberne, aber immer kurzweilige Spiel. Das ist ein Vergnügen, dank der famosen Darsteller, die am Ende wie das ganze Team bejubelt werden (der Autor ließ sich nicht blicken). So dürfen sich etwa alle in einen Tanz reinsteigern, bei dem die Gesten aus Clubnächten und Ureinwohner-Ritualen mehr und mehr eins werden (zur Live-Hammondorgel-Musik von Jonas Landerschier), und Pohl und Zimmler liefern sich ein blutiges Beißduell unter Weißen, bei denen wertvolle Körperteile abhandenkommen.

Denn natürlich ist die Südsee nicht das Paradies, als die sie Engelhardt zunächst erscheint. Zwar findet er einen Gefährten, aber er nimmt ihn nicht wahr: Der junge Ureinwohner Makeli (gespielt von Steffen Siegmund, der statt Kleidung nun nur noch etwas Farbe am Körper hat), der ihm treu zur Seite steht. Mit allen anderen geht es schief - Lützow will selbst die Rolle des Gurus übernehmen, und Aueckens, der zweite deutsche Gast, entpuppt sich als Kinderschänder und Antisemit. "Du bist wahrscheinlich ein Nazi - damit will ich nichts zu tun haben" schreit Engelhardt (Lommatzsch) ihn an. Das kann man auch lesen als ironischen Kommentar des Regisseurs zum Vorwurf meines SPIEGEL-Kollegen Georg Diez, der Kracht bei Erscheinen von "Imperium" einen "Türsteher der rechten Gedanken" nannte, und um das zu belegen, Autor, Erzähler und Romanfigur weitgehend gleichsetzte. Andere widersprachen ihm heftig.

Bosse geht es nicht um Ideologien. Aber was will er uns dann erzählen? Auch hier ist er ganz nah bei Krachts Roman, dessen allwissender Erzähler sich hinter einem vielleicht nur scheinbar überlegenen Lächeln verbirgt und die Antwort schuldig bleibt. Eigentlich lehrt Engelhardts Geschichte ja, dass der Verlust (oder der Verzicht) der manchmal so lästigen Zivilisation direkt zurück in die Barbarei führt. Oder ist es die selbstverschuldete Einsamkeit, an der der Jünger der Kokosnuss zugrunde geht? Seine Lebensuntüchtigkeit? Gibt es eine Moral? Falls ja, ist Bosse fast noch mehr als Kracht daran gelegen, sie hinter der Abenteuergeschichte gut zu verstecken.


"Imperium". Hamburg, Thalia in der Gaußstraße, nächste Vorstellungen am 27.4. (ausverkauft) sowie 7., 13., 14., 16., 21. und 22.5., Tel. 040 32 81 44 44.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
derweise 27.04.2015
1. Der Nürnberger Engelhardt war schon super!
Solche Leute gibt es heute leider gar nicht mehr!
david.wrase 27.04.2015
2. Berlin?
Da ich den Roman uneingeschränkt grossartig finde interessiert mich eine Bühnenumsetzung sehr. Somit äussere ich hiermit den Wunsch einer Aufführung in Berlin.
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