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In eigener Sache: Gerhard Mauz ist tot

Ein Vorbild für Generationen von Gerichtsreportern: Der SPIEGEL-Autor Gerhard Mauz ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

Gerhard Mauz †
DER SPIEGEL

Gerhard
Mauz †

Berlin - "Guter Journalismus ist stets der Versuch, das, was die Menschen lesen wollen als Brücke zu dem zu benutzen, was sie auch lesen sollten". So lautete die Maxime des Gerichtsreporters Gerhard Mauz, der wie kaum ein zweiter Journalist die Justiz-Berichterstattung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat. Mauz ist in der Nacht zum Freitag im Alter von 77 Jahren in einem Krankenhaus bei Hamburg gestorben.

"Wir verlieren eine der prägendsten und wichtigsten Stimmen des SPIEGEL. Über Jahrzehnte hat Gerhard Mauz den deutschen Journalismus und das deutsche Justizwesen mitgeprägt. Unser Mitgefühl gehört seinen Angehörigen", sagte SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust am Freitag.

Mauz wurde am 29. November 1925 in Tübingen geboren. Nach dem Abitur studierte er Psychologie, Psychopathologie und Philosophie und erwarb dabei die Grundkenntnisse für seine sensiblen, psychologischen Analysen, die zu seinem Markenzeichen wurden. Mauz begann seine journalistische Karriere beim Rundfunk, fand dann als freier Mitarbeiter der "Welt" zum Schreiben, versuchte sich einige Jahre als Verlagslektor, eher er dann über den Umweg als Redakteur der "Welt" am 1. Mai 1964 den Weg zum "SPIEGEL" fand. Mauz begann als Reporter und prägte dann ein Vierteljahrhundert lang nicht nur die Gerichtsberichte des "SPIEGEL", sondern auch das Justizwesen der Bundesrepublik mit. Er wurde ebenso gefürchtet wie geachtet. Bereits 1973 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Als ihm die juristische Monatszeitschrift "Strafverteidiger" 1985 aus Anlass seines 60. Geburtstags ihr Dezemberheft widmete, hieß die Begründung: "Die Strafverteidiger und Strafrechtslehrer aus der Bundesrepublik wollen damit den Einsatz von Gerhard Mauz für eine humanere und rationalere Strafrechtsprechung würdigen." Und Professor Klaus Lüderssen hob im selben Heft hervor, dass "die Zahl der Leser, deren Sachverstand sich (durch die Lektüre von Gerhard Mauz) ausbildet und zu einem Faktor wird, mit dem die Justiz ... rechnen muss, kontinuierlich wächst. Nicht umsonst haben sich die Standesorganisationen der Juristen immer wieder bemüht, ihn als Sprecher zu gewinnen."

"Ein uneigennütziger Förderer"

Als Mauz 1990 in den Ruhestand ging, sagte Rudolf Augstein über seinen Reporter: "Mauz ist kein Mann der distanzierten Darstellung eines Tatherganges, er schreibt nicht von außen nach innen. Immer ist er mitleidender Beobachter, immer auf der Seite der Geschlagenen und Getriebenen, der Opfer, die auch Täter sein können, und der Täter, die Opfer sind. Zu ihnen kann gar nicht so selten auch ein Staatsanwalt gehören. Mauz ist eingenommen, aber nicht fanatisch." Augstein nannte Mauz "einen Glücksfall für den SPIEGEL".

Seine Nachfolgerin beim SPIEGEL, Gisela Friedrichsen, suchte Mauz selbst aus. Er holte sie von der "FAZ" und sie sagt heute über ihn: "Für mich war Mauz der Papst. Er war ein uneigennütziger Förderer. Und der SPIEGEL war sein Leben."

Dieses Leben begleitete ihn auch nach dem offiziellen Abschied. Er schrieb weiter als Autor für den SPIEGEL, als Kolumnist für den "Tagesspiegel" und SPIEGEL ONLINE. Seine Texte werden bis heute nicht nur in Journalistenschulen als Lehrmittel eingesetzt, sondern auch in juristischen Seminaren. Es gab Richter, die verlegten Prozesse, damit Mauz nicht kommen konnte. Und es gab Richter, die verlegten Prozesse, damit Mauz kommen konnte.

In einem seiner letzten Texte für SPIEGEL ONLINE gab er noch mal einen Einblick in sein Mitfühlen und Mitdenken: "Der Einblick in eine Biographie, die in eine katastrophale Tat mündet, kann Einsichten erbringen, die dazu helfen, derartigen Entwicklungen rechtzeitig zu begegnen. Wir schulden das vor allem den Opfern. Das ist kein Trost für die Opfer und die Angehörigen - aber vielleicht lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die uns befähigen, Anzeichen einer Störung so früh zu erkennen, dass noch etwas geschehen kann. Das Mitgefühl und das Entsetzen verpflichten uns dazu. Es gehört zu den Lasten, die auf unserer menschlichen Existenz liegen, dass wir, wann immer wir etwas lernen und begreifen, aus dem Unglück lernen, daraus, dass wir Bedrohungen zu spät realisiert haben. Es ist schmerzlich, dafür um Vergebung bitten zu müssen, dass wir nur so mühsam lernen."

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