Mexikanischer Reporter als Justizopfer "Es waren 1100 Tage in der Hölle"

Um den kritischen Lokalreporter Jesús Lemus mundtot zu machen, erklärte ihn die mexikanische Justiz kurzerhand zum Drogenbaron und brummte ihm 20 Jahre Hochsicherheitsknast auf. Im Gespräch erzählt er von den Torturen, die er erlebt hat.

AFP

Ein Interview von , Mexiko-Stadt


Es sind diese Geschichten, von denen man nicht glaubt, dass es sie in einem demokratischen Land geben kann. Um einen kritischen Reporter mundtot zu machen, verwandelte die mexikanische Justiz den Lokaljournalisten Jesús Lemus in ein gefährliches Mitglied eines Drogenkartells. Bis heute kann Lemus nur ahnen, warum.

In seinen Artikeln prangerte er immer wieder die Komplizenschaft von Staat und Mafia auf lokaler Ebene an, und er geht davon aus, dass er dabei einem der Freunde des damaligen Präsidenten Felipe Calderón (2006 bis 2012) zu nahe gekommen ist. Und so saß Lemus vom 7. Mai 2008 bis 11. Mai 2011 - 1100 Tage - im gefährlichsten Hochsicherheitsgefängnis Mexikos, in dem sonst vor allem Schwerverbrecher der Drogenmafia ihre Strafe verbüßen.

20 Jahre bekam der Reporter für eine Tat aufgebrummt, die er nie beging, erst internationaler Druck brachte ihm die Freiheit. Über seine Erlebnisse hat Lemus jetzt ein Buch geschrieben. "Los Malditos" (Grijalbo, 2013) belegt, dass Pressefreiheit in Mexiko nur so weit geht, wie Staat und das Organisierte Verbrechen es zulassen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Lemus, dass man als Journalist in Mexiko gefährlich lebt, ist bekannt. Aber Ihre Geschichte ist außergewöhnlich.

Lemus: Ich wurde Opfer eines Rachefeldzugs des Präsidenten. Ohne Vorwarnung und ohne Verbrechen haben sie mich in einen Hochsicherheitsknast gesteckt, wo sonst nur Bosse und Schergen der Drogenkartelle verwahrt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat man Ihnen vorgeworfen?

Lemus: Drogenhandel und Mitglied eines Drogenkartells zu sein. Das war in jeder Hinsicht willkürlich, zumal im Laufe der Anschuldigungen die Kartelle, für die ich angeblich arbeitete, immer wechselten.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Ihre Festnahme angeordnet?

Lemus: Die Staatsanwaltschaft. Aber hinter all dem steckte der damalige Präsident Mexikos, Felipe Calderón.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie da sicher sein?

Lemus: Es sind Dinge passiert, die nur mit Anordnung von ganz oben möglich sind: Ich wurde an einem Tag festgenommen, an dem ich über einen Auftritt der Gattin des Präsidenten als Chefin der staatlichen Familienfürsorge berichten wollte. 79 Journalisten waren akkreditiert, aber nur mir verweigerte die Präsidialgarde den Zutritt. Und in dem Moment ruft ein Informant von mir bei der Polizei mich an und bestellt mich unter dem Vorwand wichtiger Informationen an einen anderen Ort. Dort wurde ich von vermummten Männern festgenommen und als angeblich besonders gefährliches Element in den Hochsicherheitsknast gesteckt.

SPIEGEL ONLINE: Zur Zeit Ihrer Festnahme 2008 arbeiteten Sie für ein Lokalblatt in einem kleinen Ort im Bundesstaat Michoacán. Wie können Sie da dem Präsidenten auf den Wecker gefallen sein?

Lemus: Sicher nicht ihm, aber einem Freund von ihm. Calderón stammt aus Michoacán. In meinen Artikeln habe ich hin und wieder auch die Lokalpolitiker, so zum Beispiel den Bürgermeister meines Wohnorts La Piedad, für ihre Politik kritisiert. Ich habe über Drogenrouten und mögliche Verquickungen der lokalen Regierung mit den Kartellen geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Aber dafür sollten Sie gleich in den Knast?

Lemus: In Mexiko haben die Mächtigen die Justiz immer dafür benutzt, persönliche Rechnungen zu begleichen. Calderón hat das perfektioniert. Es war sozusagen sein Charakteristikum als Präsident. Allein in Michoacán sind unter Calderón fünf tote Journalisten zu beklagen, drei sind verschwunden. Das ist kein Zufall. Auch bei mir haben sie es ja versucht. Zudem sind im Laufe des Prozesses und meiner Gefangenschaft drei meiner Anwälte erschossen und meine Frau bedroht worden.

SPIEGEL ONLINE: Aber eigentlich galt doch die konservative PAN von Calderón und seinem Vorgänger Vicente Fox, der von 2000 bis 2006 regierte, als weniger pressefeindlich als die Vorgängerregierungen.

Lemus: Nein, unter Calderón ging es uns besonders schlecht. Er war intolerant und dünnhäutig. In seiner Zeit gab es 244 Übergriffe gegen Journalisten. Während der Amtszeit seines Vorgängers waren es nur 32. Natürlich wurden nicht alle von Staatsorganen verübt.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch beschreiben Sie auch die Zustände im mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande. Da saß auch Chapo Guzmán, Chef des Sinaloa-Kartells ein, bis er 2001 einfach so rausmarschierte. Wie blicken Sie zurück auf diese Zeit?

Lemus: Es waren 1100 Tage in der Hölle. Ich war nie sicher, den nächsten Tag zu erleben, ich wusste nie, ob sie mich nur verprügeln oder umbringen. Und ich rede von den Wärtern, nicht von den Insassen. So verfeindet wie diese als Mitglieder unterschiedlicher Kartelle draußen sein mögen, so vereint müssen sie drinnen sein, um zu überleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah Ihr Alltag aus?

Lemus: Ich war die ersten sechs Monate lang nackt in einer zwei mal drei Meter großen Einzelzelle. Manchmal ohne Essen, fast immer ohne Schlaf, denn es war immer das Licht an. Raus kam ich nur nachts, "zum Spazierengehen". Das hieß, ich wurde im Hof mit einem Hochdruckwasserschlauch abgespritzt, bis ich wie ein Ball über den Boden rollte. Danach haben sie mich mit einem Schlagstock geprügelt, bis ich das Bewusstsein verlor. Das war meine Therapie. Ein halbes Jahr lang. Jeden Tag, jede Nacht. Erst danach kam ich in den Regelvollzug.

SPIEGEL ONLINE: Wie hält man das aus?

Lemus: Was willst du machen? Es gab nichts, mit dem ich mir das Leben hätte nehmen können. So was ist Alltag im mexikanischen Knast. Und es gibt keine Institution, die das verhindern kann oder will. Es gibt keine Menschenrechte in unseren Gefängnissen. Da ist System dahinter. Jeder wird misshandelt in Puente Grande. So wie sie mit mir umgesprungen sind, haben sie es auch mit anderen Häftlingen gemacht. Das sind die gleichen Foltermaßnahmen wie in Abu Ghuraib und Guantanamo.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Wärter wussten, wie sie foltern mussten.

Lemus: Sie wussten, wie und wo sie zuschlagen mussten, damit man nur wenig sieht, damit man nicht stirbt.

SPIEGEL ONLINE: Das mexikanische Gefängnissystem...

Lemus: ...ist das gleiche wie in totalitären Regimen. Unsere Knäste müssen sich hinter denen von Chiles Ex-Diktator Augusto Pinochet nicht verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise bleibt man ein paar Wochen in dem Beobachtungsbereich. Sie mussten dort sechs Monate ausharren.

Lemus: Ja, das war eine kleine Sonderbehandlung für mich - als Journalist.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das alles aufschreiben können?

Lemus: Ich habe eine Bleistiftspitze von einem Mitinsassen bekommen. Und auf den zwei Lagen Klopapier, die wir jeden Tag bekamen, habe ich mir meine Notizen gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen heute, knapp drei Jahre später?

Lemus: Ganz ehrlich, ich bin ein seelischer Krüppel. Ich habe Höhenangst, Angst vor Dunkelheit, vor Nadeln und Messern. Du kommst da nicht heil wieder raus. Und wer zahlt mir das, wer ersetzt mir das? Ich meine nicht Geld. Wer entschädigt mich für das, was sie mir angetan haben? Zudem finde ich keine Arbeit, weil ich ein Ex-Häftling bin. Am Ende bin ich der Reporter, dem Verbindungen ins Drogengeschäft vorgeworfen wurden. Niemand fragt nach den Gründen. Erst jetzt, seit das Buch auf dem Markt ist, habe ich einen Job als freier Mitarbeiter bei einer Online-Zeitung gefunden. So sieht es aus in Mexiko.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
morph2k8 10.02.2014
1. Wenn...
... die Mitglieder verschiedener Kartelle im Knast zusammenarbeiten müssen, um überleben zu können, dann spricht das für sich! Viva la Mexico
studiumgenerale 10.02.2014
2. widersprüchlich...?
Der im Artikel genannte Reporter war 6 Monate im Einzelhaft, hatte "nicht die Moeglichkeit sich das Leben zu nehmen", besaß jedoch vom Mithäfling (!!) eine Bleistift, mit dem er sich durchaus etwas antun konnte?
Cabocorso 10.02.2014
3. Cabocorso
@studiumgenerale Er war drei Jahre im Gefängnis, davon sechs Monate in Einzelhaft. Nirgendwo steht, dass er den Stift schon in Einzelhaft hatte.
ivarmoe 10.02.2014
4. Studiumgenerale,
da fehlt wohl ein Stückchen Wort zum großen Glück: Eine Bleistiftspitze von wenigen Millimetern Länge ist schwerlich für einen Suizid tauglich.
robin-masters 10.02.2014
5. Schlimme Zustände
die Frage ist wie sich Mexiko aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt befreien kann. Die Polizei hat keine Regeln und die Kartelle schon gar nicht. Rechtsstaat sieht anders aus... aber scheinbar ist auch niemand gewillt Korruption etc. zu unterdrücken. Es wäre absolut wichtig ein Muster zu Entwickeln um Staaten aus solchen Zuständen zu befreien... auch für nahes europäisches Ausland .. Bosnien, Rumänien, Ungarn etc. Korruption, Vetternwirtschaft, Rechte werden im wahrsten Sinne mit Füßen getreten und der Rechtstaat besteht nur auf dem Papier. Man muss aufpassen das es sich nicht auch in Deutschland soweit entwickelt das nur noch eine Clique an der Macht ist und die Bevölkerung in die Armut und Rechtlosigkeit getrieben wird.
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