Frauen in Indien Die Pink Gang knüppelt gegen das Patriarchat

Sie tragen pinkfarbene Saris und pinkfarbene Knüppel, belagern Polizeistationen und Regierungsgebäude, blockieren Straßen und stürzen Politiker: Die Frauen der Gulabi Gang setzen sich in Indien gegen die Herrschaft der Männer zur Wehr. Ihre Methoden sind unkonventionell. Und effektiv.

Von Susanne Kaiser

Amana Fontanella-Khan

Neu-Delhi - "In Indien ist es ein Fluch, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter zu stehen, aber mindestens genauso schwierig ist es, eine Frau zu sein." Das sagt die Frauenrechtsaktivistin Sampat Pal Devi über die gesellschaftliche Situation von Frauen in einem Land, dessen Geschicke vorwiegend in der Hand von Männern liegen. Aus eigener Erfahrung mit tyrannischen Schwiegereltern und gewalttätigen Ehemännern in der Nachbarschaft trat Sampat Pal eine Gegenbewegung los, die wenig später unter dem Namen Gulabi Gang bekannt werden sollte, zu Deutsch: Pinkfarbene Bande.

Sie setzt sich für Frauen und Mädchen in Uttar Pradesh ein, einem der bevölkerungsreichsten und ärmsten Bundesstaaten Indiens mit einer der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Die Gang kämpft gegen sexuelle und andere körperliche Gewalt, soziale Ungerechtigkeit, Korruption, Kinderehen.

Ihre Methoden sind genauso unkonventionell wie effektiv. Ihre Stärke liegt in der Masse - und ihrem unverkennbaren Markenzeichen. Wenn sich Hunderte von Frauen in pinkfarbenen Saris und mit pinkfarbenen Knüppeln auf einer Polizeistation einfinden, um gegen die unrechtmäßige Inhaftierung einer "Schwester" zu protestieren, macht das Eindruck. Gefürchtet sind die Frauen der Gulabi Gang aber nicht bloß wegen ihrer Knüppel oder bloßen Präsenz. Sie verfügen über eine Waffe, die untätige Polizeibeamte, korrupte Abgeordnete oder brutale Verbrecher gleichermaßen in die Knie zwingt: Publicity.

Analphabeten, die Politiker stürzen

Hinzu kommt die Bereitschaft der Frauen, sich aggressiv gegen Männer zu wehren und Kriminelle hartnäckig zu verfolgen, wie Amana Fontanella-Khan sagt, die einige Jahre mit den Frauen verbracht hat. Ihr Buch "Pink Sari Revolution - Die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang und ihrem Kampf für die Frauen Indiens" ist gerade auf Deutsch erschienen.

Laut Fontanella-Khan findet die Idee, dass mit Knüppeln bewaffnete Frauen rebellieren und mit einem traditionellen Rollenverständnis brechen, großen Rückhalt in Bevölkerung und Presse. Das hat es so vorher nicht gegeben: Frauen, die ihr Leben und Schicksal selbst in die Hand nehmen und nicht länger nur Opfer sein wollen. Nicht allein gewaltbereite Ehemänner sind von dem unziemlichen Verhalten beeindruckt, sondern auch Staatsbeamte bis in die höchsten Ränge der Politik. Mit ihren Aktionen hat die Gulabi Gang schon mächtige Abgeordnete zu Fall gebracht.

Dies ist umso erstaunlicher, als dass viele der Frauen weder lesen noch schreiben können. Die Mehrheit der Mitglieder rekrutiert sich aus der untersten sozialen Gruppe der Dalits (auch als "Unberührbare" bezeichnet), die aus dem Kastensystem ausgeschlossen sind. Sie haben als Mädchen kaum die Möglichkeit, die Schule zu besuchen. Ihre mangelnde Bildung kompensieren die Frauen durch Solidarität und Organisation. Zu einer Zeit, in der vor allem Gewalt gegen Frauen das Bild von Indien in den Medien prägt, setzt die Gulabi Gang mit ihrer Wehrhaftigkeit ein deutliches Zeichen gegen das Patriarchat.

Die Taktik der Gulabi Gang

Die Vorgehensweise der Gulabi Gang ist dabei nicht spezifisch weiblich; nicht einmal die Farbe Pink wird in Indien mit Weiblichkeit assoziiert. Es war einfach die einzige Farbe, die nicht schon durch eine politische Gruppierung besetzt war. Und die Taktik der Gulabi Gang ist von einer Form des Protests inspiriert, die in Indien unabhängig vom Geschlecht Tradition hat: dem sogenannten Gherao.

Spontan finden sich dabei aufgebrachte Menschen zusammen, denen kollektiv Unrecht widerfahren ist und die vom Justizsystem keine Gerechtigkeit zu erwarten haben. Sie besetzen Polizeistationen, Gerichte, Universitäten oder Fabriken und lassen niemanden heraus - bis ihr Anliegen Gehör gefunden hat.



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micromiller 30.03.2014
1. in der pseudo demokratie indien
endlich ein lebenszeichen der unterdrueckten und ausgebeuteten, sie sollten von uns und unseren frauen unterstuetzt werden. waere auch eine nette aufgabe zur geistigen genesung unseres tebby van elst, in seinem roten anzug wuerde er dort rein optisch recht gut hinein passen.
Alphabeta 30.03.2014
2. Erst freut man sich...
wenn man so etwas liest und die leuchtend farbigen Saris sieht, aber dann kommt zum Bewußtsein, wie stark der Leidensdruck dort gewesen sein muß und immer noch sein muß, um diese seit Jahrtausenden unterdrückten Frauen in Indien so zur emanzipazion zu bringen! Ich wünsche diesen Frauen alle Kraft der Welt, um ihre natürlichen Rechte als gleichwertiges Geschlecht gegenüber den Männern immer mehr zurück zu gewinnen und letztendlich für immer zu manifestieren! Die meisten wissen ja leider immer noch nicht, daß diese Ungleichheit der Rechte der Menschheit nicht "angeboren" ist! genauso, wie die schreiende Ungerechtigkeit, mit der der größte Teil der Menschheit immer noch glaubt, über das Leben von anderen Tieren entscheiden zu dürfen! Die sturen Kirchen-und Bibelgläubigen, die sich so sehr auf dem rechten Weg wähnen, seien gefragt, was es denn zu bedeuten hat, wenn in der Bibel steht "Du sollst nicht töten"! Ich sage: Gleichberechtigung der Geschlechter und Tiernutzung abschaffen weltweit!
squirrel1 30.03.2014
3. Hier die website!
Zitat von sysopAmana Fontanella-KhanSie tragen pinkfarbene Saris und pinkfarbene Knüppel, belagern Polizeistationen und Regierungsgebäude, blockieren Straßen und stürzen Politiker: Die Frauen der Gulabi Gang setzen sich in Indien gegen die Herrschaft der Männer zur Wehr. Ihre Methoden sind unkonventionell. Und effektiv. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/indien-gulabi-gang-betreibt-die-pink-sari-revolution-a-960508.html
Und sie haben eine website, die tapferen mutigen Frauen: http://www.gulabigang.in/ schleierhaft, wieso diese site nicht gleich mal dazu genannt werden konnte hier?
123456789abc 30.03.2014
4. schrieb schon der alte Marx,
Fanatiker aller Länder vereinigt Euch. Und wenn ich die Beschreibung der Bewegung so lese, erinnert es mich sehr an die damaligen Verhältnisse. Eine breite ungebildete Masse, zugegebenermassen sehr schlecht behandelt, wird von selbsternannten Führern (damals meist vor Ort, heutzutage tummeln sich da auch westliche Fundamentalisten) instrumentalisiert. Das Schicksal dieser schlecht Behandelten ist den Führern natürlich egal, es geht primär um die Befriedigung des eigenen Egos, der eigenen Ideologie. Hoffen wir, dass bald die entsprechende Bildung diesen Frauen helfen wird, die Probleme besser zu artikulieren, effektiver und vorallem in ihrem tatsächlich eigenen Interesse zu lösen.
spotmakesmyday 30.03.2014
5. lol
Zitat von 123456789abcFanatiker aller Länder vereinigt Euch. Und wenn ich die Beschreibung der Bewegung so lese, erinnert es mich sehr an die damaligen Verhältnisse. Eine breite ungebildete Masse, zugegebenermassen sehr schlecht behandelt, wird von selbsternannten Führern (damals meist vor Ort, heutzutage tummeln sich da auch westliche Fundamentalisten) instrumentalisiert. Das Schicksal dieser schlecht Behandelten ist den Führern natürlich egal, es geht primär um die Befriedigung des eigenen Egos, der eigenen Ideologie. Hoffen wir, dass bald die entsprechende Bildung diesen Frauen helfen wird, die Probleme besser zu artikulieren, effektiver und vorallem in ihrem tatsächlich eigenen Interesse zu lösen.
Der weise, überlegene Europäer erklärt den doofen ungebildeten Inderinnen, wie sie ihre Probleme (welche die sind, wissen Sie natürlich besser als so eine Dalit, gell) "effektiver" lösen können und sie "besser artikulieren" können... ich lach mich tot. Sollte ich je in eine Situation geraten, die für diese Frauen oft Alltag ist (mißhandelt/vergewaltigt/zu Schweigen gebracht/bedroht/... werden), wären mir im Notfall ein paar "uneffektive" Frauen im rosa Sari lieber als ein gebildeter Schwätzer, der sich gut ausdrücken kann.
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