Feministische Utopien "Der Leistungsdruck auf gestaltende Frauen ist problematisch"

Am Donnerstag starten das Gunda-Werner-Institut und das "Missy-Magazine" in Berlin eine große Konferenz zu feministischen Utopien. Doch was beinhalten die eigentlich? Ines Kappert, die neue Leiterin des GWI, erklärt.

Szene aus der TV-Serie "Borgen": Leistungsfeminismus, der einzelnen Frauen den Aufstieg ermöglicht, aber strukturell nichts ändert
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Szene aus der TV-Serie "Borgen": Leistungsfeminismus, der einzelnen Frauen den Aufstieg ermöglicht, aber strukturell nichts ändert

Ein Interview von Carolin Wiedemann


  • Stephan Röhl/ Gunda-Werner-Institut
    Ines Kappert, Jahrgang 1970, leitet das Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung. Bis zum Sommer 2015 war sie acht Jahre lang bei der "taz" für das Meinungsressort verantwortlich. 2008 veröffentlichte sie das Buch "Der Mann in der Krise - oder: Konservative Kapitalismuskritik im kulturellen Mainstream".
SPIEGEL ONLINE: Frau Kappert, die vom Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete Konferenz ruft dazu auf, das Unmögliche zu wagen. Feministische Perspektiven sind doch aber gar nicht mehr so utopisch. Ab Januar gilt eine 30-Prozent-Quote bei Dax-Unternehmen.

Kappert: Natürlich gibt es Fortschritte. Aber natürlich müssen wir über 30-Prozent-Quoten hinausdenken. Eine feministische Perspektive ist immer eine herrschaftskritische Perspektive, die das Gegebene nicht hinnimmt und eine gewalt- und diskriminierungsfreie Welt zum Ziel hat, in der Geschlecht kein Platzanweiser mehr ist. Und davon sind wir noch Lichtjahre entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll "Dare the im_possible" es schaffen, uns da näher heranzuführen?

Kappert: Wir werden weniger die eine große Utopie formulieren, sondern vielmehr an aktuelle gesellschaftliche Themen, sei es Netz- und Vertriebenenpolitik oder Syrien feministisch herangehen und damit neue Visionen entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret, eine feministische herrschaftskritische Perspektive etwa auf Syrien anzuwenden?

Kappert: Man würde begreifen, dass in Syrien ein Genozid stattfindet, statt einfach zuzusehen, wie Putin aktuell Terrain gewinnt. Und man hätte die spezielle Situation von Frauen im Blick, die als Akteurinnen und auch als Opfer überhaupt nicht auftauchen. Dass Frauen nicht gesehen werden, ist Symptom davon, dass man nicht hinschaut und den Betroffenen keine Stimme gibt, und Vertriebene nicht nach den Gründen ihrer Flucht fragt und ihnen zuhört. So bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung der IS am bedrohlichsten, obwohl die Gewalttaten, die vom Assad-Regime ausgehen, viel gravierender sind, wie die Erzählungen der Menschen und ebenso die Zahlen bezeugen, mit denen auch die Uno arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Eine feministische Perspektive wäre also eigentlich aufklärerischer?

Kappert: Richtig, denn sie fordert, genau hinzusehen und den Marginalisierten, den Diskriminierten, den Vertriebenen eine Stimme zu geben, zuzuhören, und von dort aus Maßnahmen und Visionen zu entwickeln. Dann bekommt man auch ungeahnte Schwierigkeiten in den Blick, etwa die Situation von Frauen in den befreiten Gebieten Syriens, also in den Gebieten, aus denen das Assad-Regime erfolgreich verdrängt wurde. Die sind häufig komplett abgeschnitten von der Versorgung von außen, es gibt keine Lebensmittel, keine Medikamente. Die einzige Verdienstmöglichkeit läuft über Milizen, denen viele Frauen Sexarbeit anbieten müssen, um nicht zu verhungern - Verhütungsmittel gibt es aber natürlich genauso wenig wie Medikamente. Sie können sich den Teufelskreis vorstellen. Lubna Alkanawati, die in so einer Region gelebt und gehungert und trotzdem Frauenprojekte aufgebaut hat, wird bei der Konferenz dabei sein. Sie wird diese Geschichte erzählen, die bislang noch nicht gehört wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden auf der Konferenz auch über die Situation von geflüchteten Frauen hierzulande sprechen.

Kappert: Ich sage nicht "geflüchtet", sondern "vertrieben". Die Menschen hatten keine Wahl, sie haben keine Überlebenschance in ihren Herkunftsländern, egal ob aus wirtschaftlichen oder aus Kriegsgründen. Wir werden über den systematischen Ausschluss von Vertriebenen vom Arbeitsmarkt in Deutschland sprechen und dabei die Frage stellen, wie insbesondere vertriebene Frauen arbeiten können. In den Studien, die sich mit der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt befassen, fehlt diese Perspektive bislang komplett.

SPIEGEL ONLINE: Weiße Feministinnen haben auch ihre blinden Flecken und gerade im Umgang mit geflüchteten Frauen müssen sie aufpassen, nicht paternalistisch zu werden.

Kappert: Viel zu lang haben weiße Feministinnen viel zu wenig ihre Privilegien und deren Geschichte reflektiert. Unser Anliegen ist, feministische Bündnisse mit schwarzen Frauen und "feminists of color" in Deutschland zu schließen, um gemeinsam gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck vorzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Sexismus verschränkt sich oft mit kapitalistischen Machtverhältnissen. Für deren Überwindung müsste ein herrschaftskritischer Feminismus doch ebenfalls eintreten - das fehlt aber im Programm.

Kappert: Ja, das kommt zu kurz. Wir müssen uns dafür einsetzen, Formen systematischer Ausbeutung und Umwandlung von Lebewesen in Ware zu überwinden. Hier braucht es innerhalb der feministischen Diskussion noch neue Visionen und den Mut, das scheinbar Unmögliche anzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Sonst wird diese Kritik vergessen und dann kommt es zum Leistungsfeminismus, der einzelnen Frauen den Aufstieg ermöglicht, aber strukturell nichts ändert. Um Leistungsfeminismus zu analysieren, ziehen Sie in früheren Artikeln Fernsehserien wie "Borgen" oder den "Tatort" heran. Was ist an diesen Sendungen interessant?

Kappert: Da lässt sich zeigen, wie der Leistungsfeminismus vermittelt, dass Schwäche und Faulheit schlecht seien, à la: "Wir stehen unseren Mann." Als Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts als Pendant zu Schimanski antrat, da war es natürlich feministisch, dass sie die Waffe richtig hält, dass sie anpackt und alles für ihre Arbeit gibt, das brachte damals etwas gegen den gesellschaftlichen Diskurs, in dem galt: Frauen können sowas nicht. Das Leistungsvermögen von Frauen ist aber inzwischen angeeignet. Der aktuelle Leistungsdruck, der auf Frauen ausgeübt wird, die einen Gestaltungsanspruch haben, ist hoch problematisch. So gilt es als total normal, dass Frauen, wenn sie mitreden möchten, mehr arbeiten müssen als ihre männlichen Kollegen in einer vergleichbaren Position. Damit wird Burn-out strukturell produziert. Heute braucht es deshalb eine "Tatort"-Kommissarin, die einfach mal faul ist, die nicht vor dem Kollegen aufsteht, die vielleicht auch mal betrunken in den Dienst kommt wie Schimanski das stets gemacht hat. Feminismen müssen immer im Fluss sein.

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