"Inferno"-Autor Dan Brown "Wir befinden uns an einem kritischen Punkt in der Menschheitsgeschichte"

In der Verfilmung des Dan-Brown-Bestsellers "Inferno" muss Tom Hanks die Welt retten. Der Autor sorgt sich um den Trend zur globalen Desinformation - und ruft dazu auf, für die Wahrheit zu kämpfen.

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mr. Brown, der US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump geht in seine letzte, vermutlich hässliche Phase. Wie blicken Sie als Thriller-Experte darauf? Sehen Sie eine spannende Geschichte?

Brown: Es steht ohne Frage einiges auf dem Spiel bei dieser Wahl. Aber ich beschäftige mich mehr mit langfristigen Veränderungen, der Politik des Vatikans zum Beispiel, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt. Wahlen kommen und gehen. Sie sind sehr wichtig, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber unabhängig davon, wer gewinnt, Clinton oder Trump - in der Geschichte wird diese Wahl nur ein Wimpernschlag sein.

SPIEGEL ONLINE: Entspannt es Sie, die Dinge abseits der Hektik und Atemlosigkeit aktueller Nachrichten betrachten zu können?

Brown: Nicht wirklich. Wir befinden uns an einem kritischen Punkt in der Menschheitsgeschichte. Die USA, als eine Art Welt-Anführer, tragen Verantwortung, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die fundiert und intelligent sein müssen. Und ich hoffe, dass uns das gelingt.

SPIEGEL ONLINE: Sachverstand und Intelligenz scheinen aktuell nicht gerade Konjunktur zu haben. Gerade im US-Wahlkampf werden dem Volk zurzeit viele Lügen und Unwahrheiten unterbreitet, sogenannte "Truthisms", gefühlte Wahrheiten, die Ressentiments und Ängste bedienen. Verwischen die Unterschiede zwischen Fakt und Mythos?

Brown: Ich glaube, das ist ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Es ist heute so einfach, Informationen in der Welt zu verbreiten, die sich wahrhaftig anfühlen. Für den Menschen, der versucht, sich ein Urteil zu bilden, wird es daher immer schwieriger, zwischen Lüge und Fakt zu unterscheiden. Es scheint, als wäre dabei jede Moral abhandengekommen: Ich behaupte einfach, was nicht wahr ist, weil es meiner Agenda nützt! Das ist beängstigend, eine Art globale Desinformationskampagne.

SPIEGEL ONLINE: Warum fällt es den Fakten zunehmend schwer, sich durchzusetzen?

Zur Person
  • DPA
    Dan Brown, 1964 in New Hampshire geboren, gehört zu den weltweit erfolgreichsten Schriftstellern. Seine mit Symbolismus, Religion und Kunstgeschichte verwobenen Thriller wurden mehr als 200 Millionen Mal verkauft. "The Da Vinci Code - Sakrileg", "Illuminati" und "Inferno" (Kinostart am 13.10.) wurden mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt. Brown, der einst Pop-Musiker werden wollte, lebt mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Blythe Newlon, in Neuengland.

Brown: Das Problem ist die Überfülle an Informationen. Früher war es relativ leicht, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, aber heute ist ein Partikel Wahrheit ummantelt von 99 Teilchen, die mit anderen Informationen geladen sind. Es ist eine große Herausforderung, dennoch dieses Körnchen Wahrheit zu finden. Wichtig ist aber vor allem, dass wir uns alle daran beteiligen. Es ist dringend notwendig, dass Menschen, die sich Sorgen und Gedanken um die Zukunft machen, aufstehen und sagen, was sie denken. Sie dürfen sich nicht darauf verlassen, dass die richtigen Entscheidungen schon für sie getroffen werden. Was sonst passiert, haben Sie zum Beispiel beim Brexit-Referendum in Großbritannien gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Wir alle sollen uns erheben, um Vernunft und Aufklärung zu verteidigen?

Brown: Absolut! Ich kann nur immer wieder Dante zitieren, dessen Ausspruch auch "Inferno" vorangestellt ist: "Die heißesten Orte in der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen." Das gilt heute mehr denn je. Wir leben in einer Zeit moralischer Krise, die viele Länder und Gesellschaften aus unterschiedlichsten Gründen betrifft. Und die größte Sünde wäre es, sich angesichts dessen zurückzulehnen und zu sagen: Wird schon werden.

SPIEGEL ONLINE: "Inferno" (eine Kurzkritik finden Sie am Ende des Interviews) handelt von einem Wissenschaftler, der die drohende Überbevölkerung der Erde mit einer im Labor erzeugten Seuche regulieren will. Werden solche radikalen Ideen, Terrorismus und Populismus, befördert, wenn wichtige politische Entscheidungen nicht getroffen werden?

Brown: Ganz sicher sogar. Das Problem ist, egal ob in Physik, Politik oder in der Gesellschaft, dass die Natur ein Vakuum so vehement ablehnt, dass sie das nächstbeste Ding heranzieht, um es zu füllen, egal was. Wir müssen sicherstellen, dass so ein Vakuum, wenn es entsteht, mit den richtigen, den klugen Entscheidungen gefüllt wird. Dazu braucht es Bildung, Teilhabe und viel soziale Leidenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Soziale Leidenschaft ist aber auch das, was den Wissenschaftler Zobrist in "Inferno" antreibt: Er hält seine synthetische Pest für die einzige Rettung der Menschheit.

Brown: Natürlich! Ist der Mann ein Schurke oder ein Held? Das muss jeder Leser, jeder Kinozuschauer mit seinem eigenen moralischen Kompass entscheiden. Die große Frage zu Beginn von "Inferno" lautet ja: Wenn du die Menschheit retten kannst, indem du die Hälfte aller Menschen tötest - würdest und könntest du es tun? Es gibt darauf keine klare Antwort, das ist es ja, was mich daran reizt. Überbevölkerung ist meiner Meinung nach eine der Hauptursachen vieler unserer Umweltprobleme: Kein Trinkwasser, nicht genug Nahrung, globale Erwärmung, all das kann auf den enormen Einfluss des Menschen auf unseren Planeten zurückgeführt werden. Viele Wissenschaftler glauben, die Erde könne dauerhaft nicht mehr als vier Milliarden Menschen aushalten, und wir steuern aktuell auf neun Milliarden zu. Mein Buch handelt von einem Mann, der glaubt, dass dieses Problem nach einer kühnen Lösung verlangt. Er sieht, dass alle sich der Lage bewusst sind, aber keiner etwas unternimmt - und entscheidet, nach seinem Moralempfinden, dass er derjenige sein kann, der alle rettet.

SPIEGEL ONLINE: Ein Irrsinn.

Brown: Ja? Ich bin ganz sicher nicht derjenige, der sagt, es ist eine gute Idee, einen Virus zu erschaffen und die Hälfte der Menschheit umzubringen. Aber es könnte durchaus sein, dass ein Charakter wie Zobrist heute als Terrorist betrachtet wird, in 100 Jahren aber als globaler Held gefeiert würde.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte sagen, dass die Natur in früheren Zeiten selbst für eine Regulierung der Bevölkerung gesorgt hat, durch Naturkatastrophen oder Krankheiten. Sollen wir unser Schicksal jetzt selbst in die Hand nehmen?

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Kino-Thriller "Inferno": Schnitzeljagd mit Dante

Brown: Es gibt zwei Möglichkeiten, auf diese Frage zu antworten. Die erste: Menschliche Evolution, die Entwicklung des menschlichen Gehirns, ist ebenfalls ein natürlicher Prozess. Vielleicht ist es dann auch Teil der natürlichen Entwicklung, dass wir intellektuell in der Lage sind, unsere eigene Bevölkerungszahl zu regulieren. Eine andere Sichtweise wäre die auf ein Satellitenbild aus dem All. Auf dem würden Sie sehen, dass mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung in Küstennähe lebt. Es könnte also sein, dass Mutter Natur mit dem Anstieg der Meeresspiegel bereits dabei ist, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. So oder so wird die Natur eine Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE: Wobei wir uns, zumal beim Klimawandel, durchaus noch einmischen könnten?

Brown: Wir können nicht nur, wir müssen! Sonst wird es uns in 200 Jahren nicht mehr geben.

SPIEGEL ONLINE: Der Held Ihrer Bücher ist der kunstsinnige Harvard-Professor Robert Langdon, eine Art James Bond mit Wikipedia-Lizenz. Ist so eine Figur im Zeitalter von Google nicht antiquiert?

Brown: In Roman "Inferno" sagt Langdon zu seinen Studenten: Google ist kein Synonym für Recherche! Aber in Wahrheit ist es natürlich so. Ich selbst benutze Google andauernd. Aber nur als ersten Schritt. Von da aus rufe ich Spezialisten an, lese Bücher, reise zu relevanten Orten. Google liefert mir nur die Basisinformation. Deshalb ist einer wie Robert Langdon wichtiger denn je: Über je mehr Informationen wir verfügen, desto nötiger ist jemand, der sie verarbeitet, einordnet oder kritisch betrachtet. Ein Professor wie Langdon ist wie eine App, ein Tool, das aus diesem Daten-Wust das Relevante herausfiltert. Sonst laufen wir Gefahr, in der schieren Masse an Daten, die wir tagtäglich kreieren, unser kulturelles Erbe aus dem Blick zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Anders als in früheren Zeiten ermöglicht es doch aber gerade das Internet jedem Menschen, sich jederzeit über kulturelle Schätze zu informieren. So viel Zugang zu kultureller Bildung und Wissen wie heute gab es noch nie.

Brown: Das stimmt. Aber sehen Sie, vor 100 Jahren erlebte ein junger Mensch sein kulturelles Wunder, wenn er in der Petersbasilika des Vatikans ein Orgelkonzert hörte: Wow! Das moderne Wunder ist ein völlig anderes: OMG, ich kann auf meinem Handy sehen, wo sich mein bester Kumpel gerade befindet! Natürlich ist heute vieles zugänglicher als früher. Ich kann auf meinem Computerbildschirm durch den Louvre spazieren. Aber gleichzeitig wird das Interesse junger Menschen an Kunstwerken wie der "Mona Lisa" immer geringer - zumal im Vergleich mit einem neuen Computerspiel, einem neuen Technik-Gadget oder einer Social-Media-App. Nichts davon hat noch mit der Vergangenheit zu tun, alles geschieht im Jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das schlimm? Warum, glauben Sie, muss sich der junge Mensch, dessen kulturelle Bezugspunkte heute der Rapper Drake oder die Sängerin Beyoncé sind, für Dante oder Leonardo Da Vinci interessieren?

Brown: Realistisch betrachtet: Muss ich über die ägyptischen Pyramiden Bescheid wissen, um ein produktives, intellektuell informiertes Leben zu führen? Nein. Muss ein Kind die "Mona Lisa" kennen, muss es die "Halle der 500" in im Palazzo Vecchio in Florenz besucht haben? Wollen sich Akademiker und Kunstliebhaber wie ich von einer Brücke stürzen, wenn all die wunderschönen Kunstwerke vergessen und nicht mehr wertgeschätzt werden? Absolut! Abseits von Geschmacksfragen und Generationendifferenzen ist es spannend und wichtig, sich darüber klar zu werden, inwieweit die Kunst früherer Zeiten relevant genug ist, um die Vergangenheit zu reflektieren und uns etwas über unsere Gegenwart zu lehren. Die Geschichte zeigt, dass frühere Dynastien des alten Ägyptens avancierter waren als spätere. Technologisch sind wir heute viel weiter als frühere Generationen, aber kulturell und künstlerisch?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal erzählt, dass es bei Ihnen zu Hause ein ganzes Regal mit Bildbänden gibt, die Ihnen Fremdenverkehrsverbände aus aller Welt schicken, um die Handlung Ihres nächsten Buches und Films dorthin zu lotsen. Sind Sie einer dieser Lockungen schon einmal gefolgt?

Brown: Ich liebe es zu reisen, aber meine Locations suche ich strikt nach Themen aus. Wenn ich über Dante schreibe, dann geht es nach Florenz, wenn es der Vatikan ist, muss ich nach Rom. Für mich stellen große Ideen eine Versuchung dar, und dann entscheidet die Geschichte über den Ort der Handlung. Mein nächstes Buch wird allerdings nicht in Italien spielen, sondern woanders.…

SPIEGEL ONLINE: Es wird "Origin" heißen und laut Verlags-Teaser von den zwei größten Fragen der Menschheit und ihrer überwältigenden Auflösung handeln. Wo genau spielt es, sagten Sie?

Brown: Netter Versuch! Sie werden es abwarten müssen, tut mir leid. Ich kann Ihnen nichts sagen, außer dass es eine große Herausforderung ist, dieses Buch zu schreiben, sowohl thematisch und strukturell, als auch auf emotionaler und philosophischer Ebene. Ich musste sehr viel lernen und tief graben, um mich mit extrem kniffligen Fragen auseinanderzusetzen. Und ich habe keine Ahnung, wie man daraus einen Film machen soll. Aber damit müssen sich zum Glück andere Leute beschäftigen.

Kurzkritik "Inferno"
  • Sony Pictures
    Eine neue Pest bedroht die Menschheit. Der vom Weltrettungswahn befallene Wissenschaftler Zobrist (Ben Foster), will etwas gegen die drohende Überbevölkerung unternehmen und die halbe Menschheit mit einem Virus vernichten. Hinweise auf sein Vorhaben versteckt er u.a. in Botticellis Gemälde-Zyklus über Dantes "Gottliche Komödie". Als kunstverständiger James Bond für Bildungsbürger kommt Harvard-Professor Robert Langdon (Tom Hanks) ins Spiel, der zusammen mit der jungen Ärztin Sienna Brooks (Felicity Jones) auf pittoreske Schnitzeljagd durch Florenz, Venedig und Istanbul geht. Zum atemlosen Thriller-Treiben aus Dan Browns Bestseller-Vorlage addiert Regisseur Ron Howard ("Sakrileg", "Illuminati") diesmal auch Hitchcock-Verwirrspiele und Wackelkamera-Action. Viel spannender wird es dadurch aber nicht. Nur für Brown-Fans ein Muss. (bor)

Kinotrailer ansehen: "Inferno":

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
hinhan 13.10.2016
1.
Ich kann Dan Brown nicht zustimmen. Es haben Machthaber immer versucht seine Macht mit allen Mitteln zu erhalten und das eben auch mit Desinformation und Lügen. Die einen machen es nur ein wenig subtiler und nicht so offensichtlich wie Trump und Co.
wb99 13.10.2016
2. 99 Partikel?
Schau bitte mal bei der "Energiewende" hin. Da sind 100 von 100 Partikel mit "anderen Informationen geladen" und keiner rührt ein Ohrwaschl, weil der Wahnsinn trotz Billionenschaden halt politsch korrekt ist und Kritik mithin unerwünscht. Politik und Medien schauen daher schweigend zu, wie die Proponenten die Bevölkerung schamlos ausplündern, ihnen dabei mit Windparks und Biogasanlagen auch noch die Lebensumwelt ruinieren und sich gegenseitig die Milliarden zuschieben.
noodles64 13.10.2016
3. Wie wahr
>>Das Problem ist die Überfülle an Informationen. Früher war es relativ leicht, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden, aber heute ist ein Partikel Wahrheit ummantelt von 99 Teilchen, die mit anderen Informationen geladen sind. Es ist eine große Herausforderung, dennoch dieses Körnchen Wahrheit zu finden.
Kerze der Freiheit 13.10.2016
4.
Sind nicht Browns Romane voller falscher Informationen? Der soll für die Wahrheit kämpfen?
wastl300 13.10.2016
5. Dan Brown
Ich habe alle Bücher gelesen obwohliCh keine Leseratte (mehr) bin. Spannend und unterhaltend. Einfach gut geschrieben. Seine Ansichten fördern das kritische mitdenken. Klare Empfehlung. Auch für alle, welche nicht katholisch sind. ;)
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