Ingrid Steeger zum 60. Die Mini-Marilyn

Die Deutschen haben auch eine Monroe: Sie heißt Ingrid Steeger und wird heute 60. Höchste Zeit sie als große Unterhaltungskünstlerin zu würdigen. Selten lagen bei einem TV-Star Ulk und Tragödie, Klamauk und Charakter so eng beieinander.

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Sicherlich hatte sie damals nur ein beschränktes Mitspracherecht, doch der Titel ihres ersten großen Films aus dem Jahr 1970 könnte glatt als Selbstbekenntnis durchgehen: "Ich, ein Groupie". Ingrid Steeger jagte in der Softsexklamotte als junges Ding einem Rockstar hinterher, mit dem sie eine Nacht verbracht hatte. Das Fan-Sein und die damit einhergehende Abfolge von Sehnsucht und Enttäuschung bestimmte im Grunde genommen auch ihr künstlerisches Schaffen und ihr Privatleben, das sie geradezu professionell mit der Öffentlichkeit teilte.



Da war immer – je nach Gefühlslage und mentaler Verfassung – ein eitler Regisseur, ein betrügerischer Dakota-Indianer oder ein französischer Intellektueller, dem sich Steeger ohne Wenn und Aber hingab. Zumindest so lange, bis sie in den einschlägigen bunten Blättern durch intime, oft verstörend obsessive Beichten den Bruch mit ihren männlichen Idolen verkündete.

Die Kunst des Klamauks

Dabei erledigte die kleine blonde Frau ihren Job schon in ganz frühen Jahren stets mit soldatischer Disziplin: Innerhalb von drei Jahren malochte sie sich durch mehr als 30 "Hausfrauen"-, "Schulmädchen"- oder "Ehemänner"-Reporte, bis durch eine wunderbare Fügung 1973 auf einmal die ganze Fernsehnation ihren Namen kannte: In der Serie "Klimbim", wo Comedy gemacht wurde, als man in Deutschland noch gar nicht wusste, was das sein soll, sorgte sie als oft barbusige Göre Gabi und als bestrapstes Nummern-Girl für Furore.

Die Entertainerin agierte hier als eine Marilyn Monroe für den kleinen Bildschirm, die aus Formatgründen unweigerlich ihre weiblichen Reize und die damit einhergehenden Albereien ins Groteske verzerren musste. Ingrid Steeger strahlte überlebensgroß aus dem kleinen Kasten, auch wenn oder gerade weil sie die jüngeren unter den Fernsehzuschauern nur durch einen heimlich geöffneten Schlitz in der Wohnzimmertür betrachten durften.

"Klimbim" war große Unterhaltungskunst. Regisseur Michael Pfleghar, mit dem Steeger lange Zeit liiert war, brachte in den fünf Staffeln bis 1979 ein Tempo und eine frivole Turbulenz ins deutsche Fernsehen, die bis dahin unbekannt waren – und die man in mancher RTL- oder ProSieben-Produktion heute noch vergeblich sucht.

Ingrid Steeger freilich hüpfte nach dem Ende der legendären Serie keineswegs bequem in eine zweite Karriere. In Zeitungsporträts wird gerne floskelhaft darüber geschwärmt, dass sie danach viele "anspruchsvolle Rollen" gespielt hätte – geradezu so, als wären ihr wunderbar komisches und präzise getaktetes Augenklimpern in "Klimbim" anspruchslos gewesen.

Komplizierte Symbiose mit der Klatschpresse

Tatsache aber ist, dass sich die Mini-Marilyn nie als Schauspielerin wirklich etablieren konnte. Man sah sie in zwei Produktionen des Regisseurs Dieter Wedel ("Der große Bellheim"), der sie eine Zeitlang als Zweit-Frau hielt. Ansonsten war sie dazu verdammt, in Krimis und Vorabendserien ihr Image als ewiges Blondinchen zu variieren. Und in einer Komödie mit Robert Atzorn, auch nicht schön, übernahm sie mal die Stimme von dessen Filmdackel.

Anders als ihre letztes Jahr verstorbene Kollegin Elisabeth Volkmann, die nach dem Ende von "Klimbim" als Mischung aus Gloria Swanson und Fanny Hill den Boulevard der Dämmerung entgegen schritt (und nebenbei eindrucksvolle Auftritte in Fassbinder-Filmen absolvierte), lebte Steeger ihren unverhohlenen Drang zur Tragödie eher in einer komplizierten Symbiose mit der Klatschpresse aus. Die informierte sie sehr dezidiert über ihr funktionierendes oder nicht funktionierendes Liebesleben. Private Wirklichkeit oder Performance? Schwer zu sagen.

Doch nach unendlich vielen und unendlich entwürdigenden Kerner-Talkshows und "Bunte"-Hausbesuchen stieg Ingrid Steeger, die Unverwüstliche, dann doch noch auf aus dem Schattenreich des Yellow-Press-Friedhofs. Vor zwei Jahren ging die damals noch nahezu vollständige "Klimbim"-Familie (Regisseur Michael Pfleghar hatte sich 1991 das Leben genommen) auf Theatertournee, und ironisch kletterten Steeger und ihre Fernsehverwandten zu Beginn der Vorführungen aus ihren Särgen. Es war ein bisschen wie die Rückkehr einer nihilistischen Punkband, die ihre viel zu früh abgebrochene Saga nun konsequent zu Ende erzählen will: Seht her, unsere Leichen leben noch! Weil Steeger zwischenzeitlich ein kaputtes Knie hatte, absolvierte sie die Revival-Shows zum Teil auf dem Po rutschend. In jedem professionellen Komödianten steckt eben eine unerschütterliche morbide Seele.

Zurzeit lebt die Hundefreundin mit ihrem vierten Dackel in einer kleinen Münchner Wohnung, Besuchern zeigt sie dort gerne ihren schon vor Jahren erworbenen Grabstein. Das hat bei Ingrid Steeger, der Unterhaltungssoldatin und Miniatur-Monroe, aber nichts zu bedeuten: Gestorben wird morgen.



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