Installation "Cube Hamburg" Ruhe im Karton

Erst stieß Gregor Schneiders Vorhaben, in Venedig einen der Kaaba in Mekka nachempfundenen schwarzen Kubus aufzustellen, auf schroffe Ablehnung. Doch seitdem man sich in Hamburg für den Würfel ausgesprochen hat, dreht sich der Wind: Plötzlich herrschen Friede, Freude, Eierkuchen.

Von Heiko Klaas und Heiko Klaas


Gregor Schneider galt bisher immer als einer der manischsten und gleichzeitig verschlossensten Künstler der Gegenwart. Seine von funzeligen Kellerlampen beleuchteten Raumlabyrinthe sind Orte der Beklemmung, die bei nicht wenigen Betrachtern Angst und Abwehr auslösen. Geheimnisvolle Spiegel, eklige Flecken, Ansammlungen organischer Materialien und unangenehme Gerüche trugen ebenfalls dazu bei, dass man diesem Künstler eher mit dem Gefühl des Unbehagens als mit vorbehaltloser Begeisterung in seine düsteren Inszenierungen folgte. Man konnte ja nie genau wissen, was drinnen passieren würde.

Erklärungen verweigerte Schneider, Pressekonferenzen blieb er fern, und seine eigenen Ausstellungs-Eröffnungen verfolgte er bisweilen als unbeobachteter Zaungast von draußen. Dennoch, im Kunstbetrieb ist Schneider seit Jahren ein Star. 2001 erhielt er für seine Arbeit im Deutschen Pavillon den Goldenen Löwen der Biennale Venedig. Plötzlich jedoch ist aus dem kapriziösen und menschenscheuen Rheinländer - er lebt bis heute in Rheydt bei Mönchengladbach, wo er 1969 auch geboren wurde - ein umtriebiger Tausendsassa geworden, der die Öffentlichkeit sucht, sich filmen lässt und an Podiumsdiskussionen über sein Werk teilnimmt.

So auch in der Hamburger Kunsthalle. Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner hatte zur "Kulturpolitischen Diskussionsrunde" geladen. Auf dem Podium im übervollen Foyer saßen ein sichtlich nachdenklicher und ernsthaft wirkender Gregor Schneider, der freundlich-dialogbereite Vertreter vom Bündnis der Islamischen Gemeinden, Ahmet Yazici, die Stern-Journalistin Silke Müller und der Architekt Joachim Reinig. Anlass für die Debatte war die Aufstellung des 14 x 13 x 13 Meter großen, sogenannten "Cube Hamburg" von Gregor Schneider.

Die Arbeiten dafür haben bereits begonnen. Und zwar auf einer zugigen Plattform zwischen dem historischen Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle und der 1997 eröffneten Galerie der Gegenwart des Kölner Architekten Oswald Matthias Ungers. Bekanntlich gehören auch zu seinen Markenzeichen das Quadrat und der Quader.

Marketingtechnisches Husarenstück

Normalerweise trifft sich hier am Rand zwischen der Innenstadt und dem multikulturellen Stadtteil St. Georg die Hamburger Skater- und BMX-Rad-Szene. Jetzt aber wird auf der Plattform das stählerne Gerüst für einen schlichten, aber gewaltigen Kubus errichtet. Als symbolisch besetzter Raum in verkehrsumtoster Innenstadtlage könnte das Ding die Gemüter erregen. Denn der "Cube Hamburg" wird am Ende mit schwarzen Stoffbahnen gleichmäßig bespannt sein und annähernd die Form und die Größe des zentralen Heiligtums der islamischen Welt haben: der Kaaba im Innenhof der Großen Moschee in Mekka.

Der von Hubertus Gaßner nach Hamburg geholte Kubus ist das zentrale und sicherlich medienwirksamste Ausstellungsstück der Gaßner-Schau "Das schwarze Quadrat. Hommage an Malewitsch", die ab Ende März die Rezeption zum Werk des russischen Abstraktionsgurus von 1945 bis heute reflektieren soll. Marketingtechnisch sicherlich ein Husarenstück.

Gregor Schneiders Idee vom schwarzen Kubus und dessen Aufstellung hatte bereits in der Vergangenheit für heftige Debatten gesorgt. Zu Beginn der Podiumsdiskussion gab dann auch Hubertus Gaßner in einem langen Dialog mit dem Künstler diesem Gelegenheit, seinen Unmut und sein Unverständnis über die Barrieren, die ihm bisher in den Weg gelegt wurden, zu äußern. Ursprünglich war nämlich geplant, den schwarzen Kubus während der 50. Biennale Venedig 2003 zentral auf dem Markusplatz aufzustellen. Eine knappe E-Mail von Biennale-Präsident Davide Croff beendete damals die Realisierung des Projekts. Croff teilte Schneider mit, in Rom habe man sich entschieden, das Projekt "aufgrund seiner politischen Natur" zu verbieten.

Muslime fühlen sich "gebauchpinselt"

Eine hitzige Diskussion über Toleranz, Zensur, Freiheit der Kunst und die Verletzung der Gefühle von gläubigen Muslimen entbrannte in der Presse und Öffentlichkeit. Schneider ist heute noch ärgerlich: "Ich fühlte mich angegriffen. Wir hatten damals ein Walfangbecken von Lega Nord und Berlusconi in Italien. Von Seiten der Biennale ist nie ein Moslem gefragt worden." Nachdem auch der Plan, den schwarzen Kubus vor dem Hamburger Bahnhof in Berlin aufzustellen, am Veto von Peter-Klaus Schuster, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen, scheiterte, sprang Hubertus Gaßner ein und landete mit seinem Vorstoß, Schneiders umstrittenen Kubus nun in Hamburg aufzustellen, einen großen Medien-Coup.

Gregor Schneider, der bereits 2003 mit einer großen Einzelausstellung in der Hamburger Kunsthalle zu Gast war, kennt die Tücken bei der Konstruktion von Räumen in öffentlichen Gebäuden zur Genüge: "Man hat seine Probleme, wenn man in einem Museum Räume baut, die nicht der deutschen DIN-Norm entsprechen", stellt er trocken fest und erntet damit den Beifall des Publikums.

Damit in Hamburg schon im Vorfeld mögliche Konflikte mit der muslimischen Gemeinde vermieden werden, suchte man seitens der Kunsthalle von vornherein den Dialog. Und stieß sogar auf Gegenliebe, ja pure Begeisterung. Ahmet Yazici gratuliert Gregor Schneider, der sich jetzt auch selbst als Brückenbauer versteht, überschwänglich zu seinem völkerverständigenden Projekt. Die Muslime fühlten sich, so Yazici, "gebauchpinselt". "Ich habe noch nie von Muslimen eine Aussage gehört, dass sie den Kubus schlecht finden", beeilt er sich zu erklären. "Glauben Sie mir, es gibt keine muslimische Gemeinde, die etwas dagegen hätte."

Euphorische Einigkeit

Während Gregor Schneider an anderen Orten Unbehagen und Unverständnis entgegenschlugen, scheint sich in Hamburg alles in Wohlgefallen aufzulösen. Kritik scheint geradezu in Überschwang umzuschlagen. Eifrig werden bereits Szenarien entworfen, dass ganze Schulklassen zur Schneider-Kaaba pilgern sollen, um sie als einmaliges Anschauungsobjekt zu erfahren. Voller Euphorie, verstieg sich Kunsthallendirektor Gaßner sogar dazu, von einer "Zweigstelle der Kaaba" zu sprechen. Doch der Islamvertreter und der in Stadtteilarbeit erprobte Architekt bremsten ihn und stellten richtig: "Die Zweigstellen der Kaaba sind die Moscheen." Gregor Schneider, der sich sonst gerne als Misanthrop stilisiert, wünscht sich beseelt den Dialog mit den Muslimen: "Wenn der Würfel zum Symbol für den Frieden wird, wäre das natürlich ein Geschenk. Was mich an dem Kubus interessiert, ist das Unbekannte, das Unfassbare. Das ist etwas Unaussprechliches."

Silke Müller stellte klar, dass sich an dem umstrittenen Kunstwerk ein Diskurs entzündet habe, der dabei sei, sich zu verselbstständigen. Gregor Schneider entwickelte die Idee, den Kubus zu bauen, zusammen mit einem befreundeten Muslim. Für Schneider ist die Kaaba "eines der schönsten, geheimnisvollsten, faszinierendsten Gebäude der Menschheit." Für Hubertus Gaßner steht der "Cube Hamburg" jetzt im Licht der Öffentlichkeit und hat viele Bedeutungen.

Erst einmal ist er für den Kunsthistoriker eine dreidimensionale Vergegenständlichung von Malewitschs Schwarzem Quadrat. Er hat jedoch tatsächlich auch das Potenzial, zu einer Ersatzpilgerstätte zu werden. Andererseits wird er von manchen vielleicht auch als Symbol für islamistischen Terror fehlinterpretiert. Gregor Schneider ist sich dieser ambivalenten Bedeutungsvielfalt durchaus bewusst: "Was uns sehr wichtig ist", stellt er klar: "Wir haben hier Dönerstände und Moscheen um die Ecke. Hier kommt der Kubus im richtigen Leben an. Wir haben hier nicht den Kulturtourismus wie in Venedig. Hier kommt der Kubus in 2007 an."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.