Installation im Hofgarten München: Flüchtige Schattenbilder und Sonnenmuster

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Ein Kilometer weißer Stoff, der nachts leicht leuchtet: Mit einem staunenswerten Entwurf statten die Modedesignerin Ayzit Bostan und der Fotograf Gerhardt Kellermann die Arkadengänge des Hofgartens München aus. Die Vorhänge ähneln jenen auf dem Markusplatz in Venedig.

Als Ende vergangenen Jahres der Brief vom Kulturreferat der Stadt München kam, war das eine Riesenüberraschung, sagt Ayzit Bostan. Denn darin stand, dass Bostan zusammen mit Gerhardt Kellermann den Wettbewerb für "Aspekte der Gestaltung und des Designs im öffentlichen Raum" mit ihrem Entwurfsvorschlag "Replika" gewonnen hat. Klar hatten Bostan, Münchner Modedesignerin und Künstlerin, und Kellermann, Münchner Industriedesigner und Fotograf, darauf heimlich gehofft, aber die Konkurrenz war ja groß. Denn zum öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb waren 260 Entwürfe eingereicht worden, darunter viele von internationalen und namhaften Architekten und Künstlern.

Jetzt haben Bostan und Kellermann ihren Wettbewerbs-Entwurf realisiert, und am kommenden Freitag wird die Installation "Replika" mitten in München in den Arkaden des Hofgartens mit einer Performance des französischen Soundkünstlers Koudlam eröffnet.

Die Auswahl des Ortes war im Wettbewerb völlig frei. Den Hofgarten hatten Bostan und Zimmermann als einzige der Bewerber vorgeschlagen, erzählt Bostan. Und für ihre Idee war dieser Ort absolut wichtig, die Installation hätte nirgendwo anders stattfinden können. Denn "Replika" braucht die Architektur des Hofgartens, weil dessen Arkadenbögen denen vom Markusplatz in Venedig ähneln und weil Bostan und Kellermann jeden der 88 Bögen mit großen, hellen Stoff-Vorhängen bespielen, ganz ähnlich denen, die auf der Piazza San Marco in Venedig hängen. Also eine Art Kopie?

Flüchtige Schattenbilder und Sonnenmuster

"Nein", sagt Bostan, es sei eher ein Zitat, "ein respektvoller Bezug" zu Venedig, und außerdem sei eine solche "Replikation" für sie positiv besetzt. In München gebe es viele Gebäude, die von italienischer Architektur inspiriert seien, wie die Feldherrnhalle am südlichen Ende des nahen Odeonsplatzes, die Friedrich von Gärtner Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem Vorbild der Loggia dei Lanzi in Florenz gebaut hat.

Genau das, heißt es in der Pressemitteilung der Stadt München, wird mit "Replika" temporär weitergeführt, denn die "Installation nimmt den Gedanken der Verdoppelung bzw. Verschiebung eines allgemein bekannten Bildes oder Raumes an einen anderen Ort am Stadtbild Münchens auf".

Diesen Gedanken hatte Bostan schon seit Jahren mit sich herumgetragen, nämlich seit sie in einer Münchner Ausstellung die vor 29 Jahren aufgenommene Schwarzweiß-Fotoserie der Markusplatz-Vorhänge von Ursula Schulz-Dornburg gesehen hatte. Diese "wohl schönsten Fotos" der venezianischen Vorhänge seien ihr nie aus dem Kopf gegangen, sagt Bostan. Begeistert war sie als Modedesignerin natürlich von den Faltenwürfen und Raffungen, von den flüchtigen Schattenbildern und Sonnenmustern, die sich auf den Stoffen wie auf einer Leinwand abbilden.

Und als sie dann zur Kunstbiennale nach Venedig fuhr und auf dem Markusplatz stand, wusste sie plötzlich, dass sie an dem ausgeschriebenen Wettbewerb teilnehmen wollte - mit genau dem Vorschlag, diese Vorhänge nach München in den Hofgarten zu bringen. Und weil Bostan die Anforderung eines so großen Projekts neben ihrer Arbeit nicht allein tragen wollte, fragte sie ihren engen Freund Gerhardt Kellermann, ob er nicht mit ihr zusammen an der Verwirklichung ihrer Idee arbeiten wolle, denn Gerhardt könne "wirklich alles - und das auch noch sehr gut".

Ein Kilometer weißer Stoff, der nachts leicht leuchtet

Das könnte man auch von ihr sagen. 1972 kam sie als Vierjährige aus Ankara nach München, besuchte die Münchner Modeschule und gründete 1995 ihr eigenes Label. Seitdem entwirft sie ihre minimalistischen und tragbaren Kollektionen, arbeitete als Kostümbildnerin, beispielsweise für die Münchner Kammerspiele, dreht Videos für ihre Modeperformances und ist als DJane gefragt. Und weil sie sowieso Design und Kunst nicht trennt und unter ihren Freunden viele Künstler sind, stellt Bostan ihre Entwürfe und Installationen auch schon mal "in einem anderen Kontext" wie in Kunstvereinen oder in Galerien aus.

Kein Wunder, dass der Wettbewerbs-Entwurf ihr und Kellermann ein Riesenspaß gemacht hat. Bis sie gewannen. Denn dann begann die Arbeit: von allen ansässigen Ladenbetreibern die Erlaubnis zur Installation der Vorhänge einholen, Stoffe testen, die Wind, Sonne und Regen trotzen, die bei einer Höhe von immerhin viereinhalb Metern leicht fallen und trotzdem schwer sind, damit sie nicht davonflattern. Oder Montage und Sicherheitsstandards diskutieren, Denkmalschützer und Statiker befragen, Züge für die Raffungen konstruieren. Alle Ladenbeisitzer sagten zu, ein Kilometer weißer Stoff wurde gekauft, der nachts leicht leuchtet und von einem Segelhersteller in Starnberg zu 176 Vorhängen für die 88 Bögen vernäht wurde.

Und so werden für drei Monate die gerafften Vorhängen in den L-förmigen West-und Nord-Arkadenreihen des Hofgartens unter der Regie der Anlieger je nach Sonneneinstrahlung herunterhängen oder hoch gerafft sein, werden im Wechsel Licht einlassen oder Schatten spenden - wie in Venedig.

Und die Passanten, die den Park eher als eine Art Durchgangsort nutzen, werden hoffentlich stehen bleiben und staunen, genau wie Besucher und die Anwohner, für die die Inszenierung eine Aufforderung sein soll, den öffentlichen und bekannten Raum neu zu entdecken und zu erfahren.


Replika - Installation im Hofgarten München, 21.7.-21.10, Kunst im öffentlichen Raum - ein Programm des Kulturreferats.

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