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30. Juni 2018, 15:15 Uhr

Erdogan-Wahl in Deutschland

Ich schwöre, wir sind gut integriert!

Eine Kolumne von

Ist die Integration der Türken in Deutschland komplett gescheitert - oder warum sonst hat Erdogan hier eine Mehrheit bekommen? Eine gute Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Versuchen wir es etwas komplexer.

Anfang des Monats erhielt ich einen Brief von Recep Tayyip Erdogan, dem Chef der türkischen Regierungspartei AKP höchstpersönlich. Er war gerade im Wahlkampfmodus und schrieb offenbar alle Türken im Ausland an. Keine Ahnung, woher er unsere Adressen hat oder das Geld für die Briefmarken, aber er hat es getan. In blumigen, warmen Worten erklärt der türkische Präsident, er verstehe die Herausforderungen, vor denen unsere Familien als Migranten stünden. Und er verspricht, uns Auslandstürken nicht zu vergessen, falls er wiedergewählt wird.

Und er wurde wiedergewählt, vorigen Sonntag.

Da auch Türken aus Deutschland an der Präsidenten- und Parlamentswahl teilgenommen haben, durfte ich mir anschließend tagelang anhören, wir Türken hätten die Glocken nicht läuten hören. Wir hätten es nicht kapiert. Die meisten wären integrationsverweigernde Erdogan-Fans. Dieses Gerücht ist hartnäckig. Schon vor einem Jahr hatten viele Medien berichtet, dass wir Deutschtürken mehrheitlich für Erdogan und sein Referendum seien.

Doch eigentlich ist die Zustimmung - gemessen an allen 2,8 Millionen türkeistämmigen Landsleuten - nicht so hoch. Denn wenn man darüber reden will, wer hier wie gut integriert ist, sollte man die ganze Gruppe betrachten und nicht nur die Wahlbeteiligten.

Etwa 422.000 Menschen haben vergangenen Sonntag für Erdogan als Präsidenten gestimmt, seine Partei AKP erhielt sogar nur 363.000 Stimmen. Natürlich gibt es noch mehr Befürworter in Deutschland, denn nicht alle dürfen wählen. Viele "Türken" sind längst Deutsche. Die Mehrheit ergibt das allerdings wohl kaum.

Eine repräsentative Umfrage vom vergangenen Jahr besagt sogar, dass "viele Deutschtürken stark gegen Präsident Erdogan eingestellt" sind. Noch unbeliebter ist offenbar nur Alexander Gauland. Ginge es nach den Turkodeutschen, gäbe es demnach eine Mehrheit für Rot-Rot-Grün in Deutschland. Laut der "Migrantenwahlstudie" liegt die Zustimmung für Erdogan und Co. bei Menschen mit deutschem und türkischem Pass etwa bei 16 Prozent.

Die Hälfte der Wahlberechtigten hat nicht mitgemacht

Das Erdogan-Thema ist für Leute wie mich eine tägliche Qual. Alle haben eine Meinung dazu, obwohl die meisten nichts über die Politik in der Türkei wissen. Und keine Woche vergeht, ohne dass frustrierende Nachrichten aus dem Land meiner Eltern kommen und ich aufgefordert werde, endlich mal was über meinen despotischen Präsidenten zu schreiben.

Also würde ich manchmal am liebsten laut schreien: Ich schwöre, wallah, wir sind gut integriert! Schaut her, wir mögen den gar nicht. Bitte habt uns wieder lieb. Aber das wäre als Antwort natürlich viel zu unterkomplex.

Was ist also am Sonntag in der Bundesrepublik passiert, dass das deutsche Kollektiv seine Türken schon wieder abschreibt?

Von den etwa 700.000 türkischen Wählerinnen und Wählern in Deutschland hat eine klare Mehrheit für Erdogan und seine Partei gestimmt. Allerdings hat etwa die Hälfte der 1,4 Millionen Wahlberechtigten gar nicht mitgemacht.

Das wirft viele Fragen auf: Warum haben so viele nicht abgestimmt? Ist es ihnen egal, was in der Türkei passiert? Oder ist das der Beweis für ihre Integration? Ein profaner Grund ist vermutlich, dass es nur 13 Wahllokale in Deutschland gibt. Mit anderen Worten: Viele müssen erst Hunderte Kilometer durch die Gegend reisen oder zu Flughäfen gehen, um ihre Stimme abzugeben.

Die Vorwürfe gegen die AKP beeindrucken viele Türken nicht

Von denen, die es zu einem der Wahllokale geschafft haben, haben 65 Prozent für Erdogan und 56 Prozent für die AKP gestimmt. Stellt sich die Frage, warum die türkische Regierung ihre Wähler so gut mobilisieren kann. Ich erkläre das meinen Freunden meistens so:

In dem Brief, den mir Erdogan schickte, schreibt er, dass auch ich ein besonders wertvolles Mitglied der türkischen Kultur und Gemeinde sei. Und er danke mir für den Einsatz als Heimat-Botschafterin im Ausland. So was. Dabei wäre ich viel lieber Botschafterin für Franken, wo ich herkomme. Oder von mir aus auch für Bayern. Aber darauf, dass Markus Söder mir so einen Brief schreibt, werde ich wohl noch lange warten müssen.

*frei übersetzt: "Mein Gott". Kann als Respekts- oder Schreckensbekundung verwendet werden. In diesem Fall passt beides.

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