Integration per TV Mit Soaps ran an die Migranten

Im deutschen Fernsehen spielen Zugewanderte kaum eine Rolle. Und wenn, dann oft nur die des Döner-Verkäufers. Auf den Tutzinger Medientagen wurde die Bedeutung des TV für die Integration erörtert. Es fielen deutliche Worte.

Von , Tutzing


Tutzing - Draußen lichtet sich der morgendliche Nebel überm Real-Idyll des Starnberger Sees, drinnen wettert Michael Mangold gegen den Umgang der Medien mit der gesellschaftlichen Realität. Das Fernsehen sei das "absolut dominierende Medium" bei der Jugend, "insbesondere bei Migrantenjugendlichen, insbesondere bei Türken, insbesondere bei türkischen Jungs". Und trotzdem werde nichts unternommen, um diese "starken Wirkungsprozesse des Fernsehens zu nutzen".

Jugendliche mit Migrationshintergrund beim WM-Schauen im Freien: "Extrem wichtig"
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Jugendliche mit Migrationshintergrund beim WM-Schauen im Freien: "Extrem wichtig"

Mangold ist Leiter des Instituts für Medien und Wirtschaft in Karlsruhe. Vor zwei Jahren stieß er die Gründung der "Bundesinitiative Integration und Fernsehen" an, die bildungsferne Migrantenschichten übers TV-Unterhaltungsprogramm erreicht sehen will. Am Starnberger See nun darf Mangold nicht fehlen. Denn die "Evangelische Akademie" bringt anlässlich der Tutzinger Medientage Fernsehen und Integration zusammen: "Ganz nah, ganz fremd? - Migration, Integration und Fernsehen."

Deshalb ist auch Maria Böhmer da. Die Integrationsbeauftragte der Kanzlerin hat ihr Thema mit dem Integrationsgipfel des letzten Sommers auf der öffentlichen Agenda ganz vorn platziert: "Integration ist in unserem Land zur Chefinnen-Sache geworden", sagt sie lächelnd, meint aber nicht sich, sondern Angela Merkel.

Böhmer: "Normalität des Zusammenlebens deutlich machen"

Doch auch die brennenden Pariser Vororte, Zwangsehen und Ehrenmorde, die Auseinandersetzungen an der Berliner Rütli-Schule trugen das ihre zur Themensetzung bei.

Deshalb stünden bei der Berichterstattung die Probleme im Vordergrund, bemängelt die Staatsministerin Böhmer. Der Alltag aber werde nicht abgebildet: Man müsse deshalb im Fernsehen "die Normalität das Zusammenlebens deutlich machen, natürlich die Probleme - aber auch das Mutmachende", so Böhmer. Außerdem sollten Vorbilder aufgezeigt werden.

An diesem Punkt setzt Mangold an. Türkischstämmige Jugendliche in Deutschland zum Beispiel würden nicht über Entwürfe einer beruflichen Entwicklung verfügen, die über ihr Milieu hinausgingen. Wenn dann auch noch "der Türke in TV-Serien Gemüse und Döner verkauft, dann werden die Lebensvorstellungen der Jugendlichen zementiert", so Mangold. Leider gebe es "keine Ingenieure mit türkischer oder arabischer Herkunft im deutschen Fernsehen", das aber wäre für identitätssuchende Jugendliche "extrem wichtig".

Mangolds Idee: Bildung und Perspektiven vermitteln über Unterhaltungsformate wie etwa die Voraband-Soaps. Ganz unbewusst. In Deutschland habe man noch "die träge Vorstellung" von Unterhaltung, die beliebig sei, und von Bildung, die sich dagegen durch Bedeutungsschwere auszeichne. Es sei "verheerend", wenn die Verantwortlichen "Unterhaltung unreflektiert über den Bildschirm flimmern" ließen und deren Chancen nicht nutzten.

Mangelhafte deutsche Medienforschung

Am Vortag der Veranstaltung hatte bereits Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf die im Fernsehen kaum abgebildeten Lebenswelten der rund 20 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachenden Menschen mit Migrationshintergrund hingewiesen: "Wir müssen in den Alltagsmedien stärker die Vielfalt des Lebens darstellen", forderte Schäuble.

Böhmer beklagt darüber hinaus die mangelhafte Medienforschung in Deutschland: "Wir haben noch immer nicht genügend genaue Kenntnisse über das Mediennutzungsverhalten und die Medienwirkung." Mangold wird da deutlicher: Die Medienforschung habe die Wirkung des Fernsehens "immer nur beklagt", praxisrelevante Schlussfolgerungen aber seien ausgeblieben.

Tatsächlich beschäftigt sich erst seit wenigen Jahren eine kleine Zahl deutscher Kommunikationsforscher mit dem Mediennutzungsverhalten gesellschaftlicher Gruppen und deren Motiven.

Streit um "Islamisches Wort" im Internet

Neben der Medienforschung in Tutzing heiß diskutiert: das vom SWR ab April geplante "Islamische Wort" im Internet. Ähnlich dem "Wort zum Sonntag" im Fernsehen, soll hier einmal pro Monat über islamische Religion gesprochen werden. In den vergangenen Tagen hatte Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Stefan Mappus deshalb den SWR angegriffen: Die christlich-abendländische Werteordnung der deutschen Verfassung stünde im Widerspruch zu solchen Sendungen, die überdies nicht vom öffentlich-rechtlichen Auftrag der Funkhäuser verlangt würden.

Herrn Mappus aber nimmt man in Tutzing nicht sehr ernst, sprach nur von "Scheingefechten". Gottfried Langenstein, Direktor beim ZDF und Arte-Präsident, bekräftigt vielmehr die Absicht des ZDF, künftig ein muslimisches "Forum am Freitag" im Internet anzubieten: "Wir müssen in unserem Land ein Stück Weltoffenheit entwickeln, wir haben etwas zu lernen", so Langenstein. "Mindestens die Hälfte der Integrationsarbeit" sei es, diese eigene Offenheit zu entwickeln.

Isabel Schayani vom WDR-Politmagazin "Monitor" lenkt den Blick auf die Medienmacher: Das Programm könne nur widerspiegeln, "was wir im realen Leben erleben". Deshalb sei es wünschenswert, wenn "Leute aus anderen Milieus in die Redaktionen reinkommen, dann verändert sich auch das Programm". Der Rundfunkbeauftragte des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bernd Merz, regt in diesem Zusammenhang eine eingeschränkte Quotenregelung für Bewerber mit Migrationshintergrund an.

ZDF-Mann Langenstein warnt noch davor, sich "allein auf die islamische Welt zu kaprizieren", auch Zuwanderung aus Asien, Afrika oder Russland spiele in Deutschland eine große Rolle. "Da kommt ungeheuer viel Talent, das wächst in unsere Sender rein", so Langenstein.

Auch Staatsministerin Böhmer betont die drohende Ignoranz gegenüber anderen Migrantengruppen: "Wir fokussieren uns auf bestimmte Ausschnitte und verlieren anderes aus dem Blick." So hätten etwa italienischstämmige Schüler ähnliche Probleme wie jene aus dem türkischen Kulturkreis, "hinzu kommen auch die Russlanddeutschen", so Böhmer. Sie forderte die Medien auf, "dies in den Blick zu rücken und dafür ein Bewusstsein zu schaffen". Sie werde ihren Teil dazu beitragen: "Ich verspreche Ihnen, wir werden nicht locker lassen. Die Notwendigkeit der Integration ist gestiegen."



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