Gespaltene Gesellschaft Integrieren - in was?

Viel geht es derzeit um gemeinsame Werte. Doch wo sind diese Werte, wenn ein Land einen Regierungschef als Despoten bezeichnet und ihm doch Waffen liefert? Da bleibt wohl immer ein Rest von Fremdsein.

Die Kuckucksuhr, typisch deutsch?
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Die Kuckucksuhr, typisch deutsch?

Eine Kolumne von


Wer als Deutscher unter Deutschen leben will, so lernen wir in diesen Tagen, der sollte sich keinen Fehler erlauben, wenn es in seiner Biografie etwas gibt, das ihn im Zweifelsfall zum unanständigen, schlecht integrierten Türken werden lässt. In diesem Sinne hat Mesut Özil sich den Super-GAU geleistet, als er sein Foto mit Erdogan verteidigte (respektlos gegenüber den von Erdogan Unterdrückten) und dem DFB zugleich vorwarf, sich zum Teil rassistisch zu verhalten (offenbar noch schlimmer respektlos gegenüber den Deutschen, die ja wohl selbst wissen, wann sie rassistisch sind und wann nicht).

Er wisse nicht, wie der Fall Özil Auskunft geben solle über die Integrationsfähigkeit in Deutschland, sagte Außenminister Heiko Maas, und wenn er darin Recht hat, dann nicht allein wegen Mesut Özil, sondern auch wegen der Integration selbst.

Politisch in der Mitte und trotzdem homophob?

Wer als Deutscher unter Deutschen leben will und einen migrantischen Hintergrund hat, der soll sich integrieren, da sind sich viele einig, und zwar so einig, dass sie vergessen zu sagen: integrieren in was eigentlich?

Wie integriert man sich in eine Gesellschaft wie diese, die immer gespaltener ist und an Hetze immer gewöhnter? Wie integriert man sich in eine Gesellschaft, von der Studien immer wieder bezeugen, dass die allermeisten Leute sich zwar zur politischen Mitte zählen, ihnen dies aber nicht widersprüchlich dazu erscheint, rassistische, antisemitische, homophobe Haltungen zu vertreten?

In was soll man sich integrieren, wenn die AfD in Umfragen gleich viel Zustimmung bekommt wie die SPD, und wem sollte man dann eher glauben, wenn beide von sich behaupten, sie würden das Volk vertreten? Wie integriert man sich in eine Zeit, in der eine Sozialwissenschaftlerin eine "präfaschistische Phase" aufkommen sieht? Eine Zeit, in der viele Medien "auch die andere Meinung" hören wollen, auch wenn diese minderheitenfeindliche Hetze auf Grundlage von Vorurteilen oder Verschwörungstheorien ist?

Ausländisch ist nicht gleich ausländisch

Soll man sich integrieren in die Teile der Bevölkerung, die Erdogan für einen widerwärtigen Despoten halten, oder in diejenigen, die ihn mit Waffen beliefern, oder muss man, um ganz integriert zu sein, zu beiden loyal sein?

Wie integriert man sich als deutscher Muslim in eine Gesellschaft, in der immer wieder von "Deutschen" und "Muslimen" gesprochen wird, so als sei "Deutsch" eine Religion oder "Muslime" eine Staatsangehörigkeit?

Wie integriert man sich in eine Gesellschaft, in der das Leben verschiedener Menschen immer noch verschieden viel wert ist? In eine Gesellschaft, in der die größte deutsche Wochenzeitung fragt, ob man darauf verzichten sollte, Ertrinkende zu retten (und es dann doch nicht so gemeint haben will, Moment mal, man kennt diese Art der Rhetorik)? In eine Gesellschaft, in der es entsetzliche Gewalt gegen Obdachlose gibt, aber kaum jemand darüber spricht, vielleicht weil man sich im die jetzt nicht auch noch kümmern kann?

Es ist dieselbe Gesellschaft, in der die Morde einer rechtsextremen Terrorvereinigung - und deren schleppende Aufklärung - immer noch nicht als der riesige Skandal der vergangenen Jahrzehnte gelten. Dieselbe Gesellschaft, in der die Zahl der sogenannten Reichsbürger und Selbstverwalter zunimmt. Etwa 16.500 Menschen zählt der neueste Verfassungsschutzbericht zu diesen Gruppen, viele seien gewaltbereit und waffenaffin.

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Es ist nicht klar, zu welchen Werten man sich "klar bekennen" soll, wie immer wieder gefordert wird, wenn die Gesellschaft, die zu diesen Werten gehört, so aussieht wie beschrieben. Die Idee der Integration geht davon aus, dass sich etwas Kleineres in etwas Größeres einfügt, etwas Veränderbares in etwas Stabiles, etwas Neues auf eine Grundlage aus bestimmten Übereinkünften. Aber was, wenn diese stabile Grundlage nicht da ist oder vielleicht nie da war?

Und was, wenn am Ende Untersuchungen zeigen, dass sich gerade die vermeintlich besonders gut Integrierten nicht richtig zugehörig fühlen? Kann man es dann überhaupt richtig machen oder ist das der Witz an Integration in Deutschland, dass immer ein Stück Fremdsein übrig bleibt, damit der Deutsche mit deutschem Hintergrund weiß, wo er draufhauen muss, wenn es darauf ankommt?

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insgesamt 221 Beiträge
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Seite 1
ulrich g 24.07.2018
1. Auf den Punkt
Das rot grüne Multi Kulti steht für nichts oder für mach doch was Du willst. Das was andere Nationen wie Frankreich und USA zu bieten haben, Nationalstolz, kam uns abhanden und wenn es wiederbelebt wird, wird es von rot grünen Gutmenschen sofort mit Rassismus und Faschismus gustiert. Armes Deutschland!
mfoerster42 24.07.2018
2. "Leitkultur"?
Wenn ich den Artikel einigermaßen verstehe, ist das Hauptproblem bei der Integration (Von der alle reden, die aber niemand definiert.), dass das "Deutschsein" nicht definiert ist, oder? Einen Lösungsansatz bietet die Autorin nicht. Vermutlich weil eine deutsche "Leitkultur" der offensichtlichste Lösungsansatz für oben genanntes Hauptproblem ist, und das ihrem Weltbild widerspricht? Können die Kolumnisten eigentlich auch auf Kommentare anworten? Wäre mal interessant.
khwherrsching 24.07.2018
3. Schade um die Zeit
um diese völlig unsinnige Kolumne zu lesen. Die Autorin tritt aber bekanntlich immer wieder mit solchen skurrilen Ansichten an die Öffentlichkeit. Eine Anmerkung: wenn jemand den Diktator Erdogan anhimmelt und als seinen Präsidenten bezeichnet, wird er im Sinne dieser Diktatur Deutschland für die unterstützenden Waffenlieferungen wohl eher dankbar sein.
boogywhat 24.07.2018
4. Der 1000. Artikel zur Selbstzerfleischung
, der genaue das Gegenteil von dem erreichen wird was er egtl. bezweckt: er wird nämlich durch inhaltlich teilweise sogar richtige Provokation, aber auch einseitigen Vorwürfen und oftmals scheinheiligen Argumentationsketten eine Antireaktion bei einem Großteil der Leser hervorrufen. Schade, aber manchmal denke ich genau das ist gewollt.. eine Polarisierung der Gesellschaft.
Margaretefan 24.07.2018
5. Unintegrierbar...
...sein zu dürfen, ist das was eine echte Demokratie und einen echten Rechtsstaat ausmacht. Die Werte einer Demokratie und eines Rechtsstaats ist in der Verfassung und der Gesetzgebung verankert. Religionsfreiheit ist ein Teil davon. Säkular sollte sie zudem sein. Ein Teil des Problems in Deutschland sind die zahlreichen Sonderrechte, insbesondere der katholischen Kirche. Man stelle sich mal den Aufschrei vor, wenn es eine muslimische Partei gäbe...
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