Intellektuelle warnen Der erste Krieg des 21. Jahrhunderts

Es sei "eine neue Form von Krieg", sagt US-Präsident Bush. Einen "Feldzug" auf vielen Ebenen kündigt das amerikanische Verteidigungsministerium an, ein einfacher Vergeltungsschlag reiche nicht aus. Jetzt denken Intellektuelle über eine neue Friedensbewegung nach.


Was tun an der Seite des Bündnispartners?
AP Photo/ The Record, Thomas E. Franklin

Was tun an der Seite des Bündnispartners?

Berlin - Präsident George W. Bush spricht vom "ersten Krieg des 21. Jahrhunderts" und von "massiver Vergeltung". Ist jetzt Krieg so unumgänglich? Oder gibt es noch die Hoffnung, die Bundestagspräsident Wolfgang Thierse am Donnerstagabend im ZDF aussprach, dass "das Wort Feldzug nicht militärisch gemeint sein muss".

Am Abend diskutierten Künstler in Berlins Akademie der Künste über den globalen Terror und warnten vor allem vor einer pauschalen Verurteilung des Islam. Die Unterscheidung von Zivilisation und Barbarei sei eine "urblöde Formel", sagte der Präsident der Berliner Akademie der Künste, György Konrad, und plädierte für eine internationale Zusammenarbeit der Polizei anstelle eines Gegenschlages.

"Von Krieg zu reden, heißt, dieselbe Sprache wie der Terrorismus zu sprechen", gab der Schriftsteller Hans Christoph Buch zu bedenken, schloss aber die Gefahr eines Dritten Weltkriegs noch aus.

Walter Jens warnt vor Gewaltspirale

Zuvor hatte in Tübingen der Literaturwissenschaftler Walter Jens mit Blick auf die Terroranschläge in den USA davor gewarnt, die Spirale der Gewalt weiterzudrehen. "Rache um jeden Preis ist nicht das Gebot der Stunde", sagte der Rhetorikprofessor im Bayerischen Rundfunk. Jens plädierte "als Christenmensch" dafür, "zu differenzieren, mit dem Florett zu arbeiten, statt das Breitschwert zu benutzen, und nicht in gängige, vertraute Gut-Böse-Muster zu verfallen".

Schorlemmer warnt vor Dauerkrieg

Auch der Wittenberger Theologe und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer zeigt sich tief besorgt. In ihren Reaktionen müssten die Amerikaner besonnen und entschieden sein. "Und genau in dieser Reihenfolge", betonte der Geistliche. Alle Gegenschläge müssten die Schuldigen treffen und dürften nicht wieder Unschuldige in den Tod reißen.

Er forderte auch die Nato-Bündnispartner zur Besonnenheit auf. Sie dürften den Aktionen der USA nicht blind folgen. Die längerfristige Aufgabe sei es, Gerechtigkeit und Frieden zusammenzubringen. "Wenn das nicht gelingt, haben wir Dauerkrieg." Deshalb müsse die Völkerfamilie enger zusammenrücken. Die Arroganz der USA gegenüber der Uno müsse ebenso aufhören wie die ablehnende Haltung vieler Staaten gegen die USA.

Alexander Kluge: Keine Katastrophenfilme mehr

Der Filmemacher Alexander Kluge sagte in der "Abendzeitung" "Ich kann mir nicht vorstellen, dass demnächst noch Katastrophenfilme gedreht werden." Am meisten habe ihn die Logistik, die Schärfe der Berechnung, die hinter diesen Attacken stehe, erschüttert und geängstigt.

Ähnlich sieht es der Kölner Schriftsteller Günter Wallraff. Er hält die Terroristen nicht für "unbedarfte Selbstmord-Attentäter der Unterschicht wie die in der Vergangenheit", sondern sie zeigten eine neue Qualität. Es seien Täter mit technischer Intelligenz und Know-how. Dies lasse die Frage aufkommen, ob sie nicht Unterstützung von staatlicher Seite im Nahen Osten erhalten hätten. Besucher aus islamischen Ländern sollten nach den Attentaten von New York und Washington nicht ausgegrenzt werden, mahnte Wallraff. Im Gegenteil: Integrationsbemühungen sollten noch verstärkt werden.

Romanparallelen zum "Opernball"?

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger sieht Parallelen zu seinem Roman "Opernball", in dem der Wiener Opernball von einem Terroranschlag getroffen wird, der die Elite des Landes auslöscht. Drei Faktoren habe er in seinem Roman zusammengebracht, sagte er der "Welt". Terror solchen Ausmaßes brauche "immer den politischen Verein, der die Richtung vorgibt, es braucht das Religiöse, damit sich die Selbstmord-Attentäter als Märtyrer betrachten können. Und drittens braucht es den zynischen Realitätssinn für das Platzieren des blutigen Events".

Paul Auster: "Die Folgen werden schrecklich sein"

Für den US-Autor Paul Auster ("New York-Trilogie") sind die Terrorangriffe auf die USA der Beginn einer neuen Epoche. "Der letzte Angriff auf amerikanischem Boden hatte 1812 stattgefunden", schreibt Auster, der in Brooklyn lebt, in der "Zeit". "Für das, was heute geschehen ist, haben wir kein Beispiel. Die Folgen dieses Angriffs werden zweifellos schrecklich sein. Noch mehr Gewalt, noch mehr Tote, mehr Schmerz für alle." Auster schlussfolgert: "Jetzt erst hat das 21. Jahrhundert begonnen."

Amos Oz: "Nicht vom Fanatismus anstecken lassen"

Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1992, der israelische Schriftsteller Amos Oz, warnte: "Verurteilen Sie nicht jeden Moslem!" Trotz der Freudenbekundungen von Palästinensern in Gaza und Ramallah - während in New York noch immer Menschen lebendig verbrannten - dürfe kein vernünftiger Mensch vergessen, "dass die überwältigende Mehrheit der Araber und anderer Moslems weder Komplizen des Verbrechens waren noch Freude daran empfinden", schrieb Oz in der "Süddeutschen Zeitung".

Weder der Westen noch der Islam oder die Araber seien der "Große Satan". "Der Große Satan sind Hass und Fanatismus", schreibt der 62-Jährige weiter. "Diese beiden alten Geisteskrankheiten bedrohen uns noch immer. Wir alle sollten vorsichtig sein und uns davon nicht anstecken lassen!"

Friedensforscher fürchtet Globalisierung des Terrors

In mehreren Interviews warnte der Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel die Europäer, sich durch den Nato-Beschluss jetzt in Konflikte verwickeln zu lassen, an denen sie bislang nicht beteiligt gewesen sind und auf die sie selbst keinen Einfluss hätten. Außerdem diene die Nato-Erklärung dazu, "die Nato in eine weltweit agierende Interventionsarmee" zu verwandeln und die Vormachtstellung der USA im Bündnis zu befestigen.

Laut Czempiel hätte es die Terrorakte wahrscheinlich nicht gegeben, wenn nicht die Nahost-Politik der USA seit dem Amtsantritt von Bush in das Gegenteil der Politik der Clinton-Administration verkehrt worden wäre. Anders als bei den Demokraten, die mehr auf Konfliktbereinigung als auf militärische Maßnahmen gesetzt hätten, sei "die vorherrschende Tendenz bei den Republikanern ein unilateraler, geradezu autistischer Militarismus".

Die Terroristen ließen sich dadurch aber nicht abschrecken, sondern nur bekämpfen, wenn die Ursachen des Terrorismus beseitigt würden, sagte Czempiel in der "Saarbrücker Zeitung": "Wenn die Europäer da reingezogen werden, dann haben wir wirklich die Globalisierung des Terrors zu erwarten."

Holger Kulick



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