Intellektuellen-Aufruf Europäer, auf die Barrikaden!

Bis zuletzt wurde die Initiative geheim gehalten: Am Samstag veröffentlichen namhafte Intellektuelle aus ganz Europa gleichzeitig in verschiedenen Zeitungen ihre Vorstellungen für eine künftige Außenpolitik der EU. Jürgen Habermas und Jacques Derrida entwerfen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Vision eines avantgardistischen Kerneuropas.


Philosoph Habermas: Wortführer der ersten paneuropäischen Intellektuellen- Initiative
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Philosoph Habermas: Wortführer der ersten paneuropäischen Intellektuellen- Initiative

Frankfurt/Main - Wortführer dieser wohl bisher einzigartigen europäischen Intellektuellen-Initiative ist der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas. In der am Samstag erscheinenden Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") begründet er gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Jacques Derrida, warum gerade nach dem Irak-Krieg, der Europas Einheit einer ungeahnten Belastungsprobe ausgesetzt hat, jetzt die europäische Rolle in der Welt neu definiert werden muss.

Der Essay von Habermas und Derrida versteht sich als Gegenvorschlag zum "Brief der Acht" vom 31. Januar, in dem unter Führung Großbritanniens und Spaniens acht EU-Staaten und EU-Beitrittsländer ihre Unterstützung für die amerikanische Außenpolitik bekundet hatten. Sie schreiben: "Zwei Daten sollten wir nicht vergessen: nicht den Tag, an dem die Zeitungen ihren verblüfften Lesern von jener Loyalitätsbekundung gegenüber Bush Mitteilung machten, zu der der spanische Ministerpräsident die kriegswilligen europäischen Regierungen hinter dem Rücken der anderen EU-Kollegen eingeladen hatte; aber ebenso wenig den 15. Februar 2003, als die demonstrierenden Massen in London und Rom, Madrid und Barcelona, Berlin und Paris auf diesen Handstreich reagierten"

Die beiden Philosophen rufen zu einer außenpolitischen Erneuerung Europas auf, die nicht ohne eine attraktive kulturelle "Vision" auskomme. Die großen Antikriegsdemonstrationen vom 15. Februar könnten "als Signal für die Geburt einer europäischen Öffentlichkeit in die Geschichte eingehen".

In enger Absprache veröffentlichen gleichzeitig andere namhafte europäische Zeitungen ergänzende Texte zu dem Aufsatz: "Libération" aus Paris wird auf Wunsch Derridas ebenfalls den gemeinsam mit Habermas verfassten Text dokumentieren. In der italienischen "Repubblica" wird sich Umberto Eco äußern, in der "Neuen Zürcher Zeitung" Adolf Muschg, in der spanischen "El País" Fernando Savater, Gianni Vattimo in Italiens "La Stampa" und als direkte Antwort auf Habermas Richard Rorty in der "Süddeutschen Zeitung".

Die "FAZ" wird die Debatte in den nächsten Tagen fortführen, auf Vorschlag von Habermas beginnend mit einem Beitrag des deutschen Verfassungsrechtlers Dieter Grimm.

Im Begründungstext zu der Initiative schreiben Habermas und Derrida weiter, dass das, was die Europäer verbindet, zunächst in einem Kerneuropa geklärt werden müsse: Eine Rückkehr zu europäischen Werten der Aufklärung. Die Brisanz dieser Forderung kurz vor den Beitritten von 2004 und angesichts des Aufnahmeantrags der Türkei, ist den Autoren bewusst: "Vorangehen heißt nicht ausschließen. Das avantgardistische Kerneuropa darf sich nicht zu einem Kleineuropa verfestigen; es muss - wie so oft - die Lokomotive sein."



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