Intellektuellen-Dresscode: Der schwarze Block

Von Anne Haeming

Es ist der Einheitslook der Intellektuellen und aller, die sich dafür halten: Schwarz kleidet sich, wer seinen Kopf für Wichtigeres braucht. Ein amüsantes Buch enträtselt nun den Dresscode - mit Hilfe prominenter Architekten.

Claus Peymann tut es. Richard Rogler tut es. Und Tom Tykwer tut es auch immer mal wieder: Sie hüllen sich in den Colour-Code der Intellektuellen, sie tragen Schwarz. Ihre Kleidung ist ein Statement – eine Entscheidung fürs Leben.

Peymann, Rogler, Tykwer und wie sie alle heißen, haben sich für eine Mode entschieden, die sich der Mode entzieht. Es ist ein Look, der alle Retrowellen überdauert. Ein Style-Klassiker, mit dem man selbst im dichtesten Vernissagengewühl auffällt. Ob nun also Theaterintendanten, politische Kabarettisten, Autorenfilmer oder Jazzclubbesitzer, sie gehören zu einer gesellschaftlichen Kaste, die ihren geistigen Anspruch an sich und die Gesellschaft für alle Welt sichtbar spazierenträgt.

Wer mit dem Gedanken spielt, es den Schwarzträgern gleichzutun, kann nun endlich Argumente sammeln. Kann von notorisch dunkel gewandeten Akademikern lernen, welche Geisteshaltung einem bei dieser Mode gut zu Gesicht steht. Denn die größte Berufsgruppe, für die diese Farbwahl geradezu identitätsstiftend scheint, äußert sich nun geballt über dieses Phänomen: In "Why Do Architects Wear Black?" hat Cordula Rau einschlägige Kommentare ihrer Architektenkollegen zusammengetragen. Klar, die Häuslebauer sind nur die Spitze des Eisbergs. Als Repräsentanten jener speziellen Kaste taugen sie jedoch allemal.

"I DON'T WHERE SCHWARTZ"

Das Büchlein entblößt Seite um Seite Bekenntnisse von der Crème de la Crème der Branche. Alle hatten sie etwas zu sagen, sei es Hauptbahnhofsdesigner Meinhard von Gerkan, Matteo Thun, der die Münchener Edelkaschemme P1 neu gestaltet hat, oder die Herren Herzog & de Meuron, deren olympisches "Vogelnest" in Peking vergangenen Sommer zigfach zu sehen war.

Die Reaktionen der rund 100 Befragten sind subtil oder bizarr, manchmal ernsthaft, hin und wieder humorvoll, und, gerade bei den Heroen der Szene, auch mal brüsk: "Weiß ich nicht", pampt etwa Beton-Bauer Peter Zumthor, "ich trage farbige Kleidungsstücke." Sein niederländischer Star-Kollege Rem Kohlhaas sekundiert: "Ich trage niemals Schwarz!", leicht variiert nur bei Peter Eisenman, der süffisant erklärt: "I DON'T WHERE SCHWARTZ".

Um es klar zu sagen: Viel steht eigentlich nicht drin. Auch in der Aufmachung setzt der schmale schwarze Band konsequent fort, was in der Natur der Materie liegt: Das Ego des Einzelnen und somit die Zitate der Architekten stehen im Vordergrund. Handschriftliche Sätze, unkommentiert, einer nach dem anderen – mehr nicht. So puristisch wie ein Schrank voll schwarzer Anzüge.

Nur an der Farbe kann es nicht liegen

Warum ist Cordula Raus Sprüchesammlung dann doch ein bisschen mehr als Geschenkbuch? Weil es zugleich als Fashionfibel mit Handlungsanleitung und als soziologische Studie daherkommt. Beim Blättern kann man genüsslich versuchen, das finstere Phänomen zu erhellen. Eines wird deutlich: Nur an der Farbe kann es nicht liegen. Wer würde schon Marilyn Manson oder Ozzy Osbourne unter die Linksintellektuellen zählen, von Tom-of-Finland-Anhängern ganz zu schweigen?

Die Farbwahl signalisiert eine bestimmte Lebenseinstellung, jenseits der Rocker und Lederfetischisten; es ist das Sattdunkel von Druckerschwärze, Jazzkneipen und Sartres Lungenflügel: Das sei eben die Couleur der "Weltverbesserer", der "Moralisten", meinen die einen.

Das hat übrigens gute Gründe: Die Uniform der Verkopften, sie ist wohl ein Überbleibsel von Friedrich Wilhelm III. Der Preuße verdonnerte vor zwei Jahrhunderten Pfarrer, Richter, Professoren, sich in den Talar zu schmeißen. Schwarz war fortan Berufskleidung der Akademiker, bis die Studenten in den Sechzigern den Muff darunter anprangerten – und nach und nach die Intellektuellenfarbe für sich reklamierten.

Wenn der uniforme Stil zwischen Teer, Tafellack und Kohle eines ist, dann genau das: Ausdruck einer Haltung, findet auch Christoph Mäckler, der Frankfurter mit dem Händchen für Hochhäuser. Er räsonniert in Raus Zitatensammlung altväterlich: "Sie glauben, sich von der bürgerlichen Gesellschaft, aus der sie stammen, absondern zu müssen, um so richtig 'Künstler' werden zu können" – das Wort Künstler hat er tatsächlich in Anführungszeichen gesetzt.

Ausweitung bis ins Augen-Make-up

Und noch etwas fällt auf: Der Look scheint definitiv europäisch, typisch "Old Europe" eben. Wenn das einer wissen muss, dann Peter Conradi, der langjährige Präsident der Bundesarchitektenkammer: Sie wollen sich "interessant machen" und "als Existentialisten erscheinen", knurrt Conradi auf Raus zentrale Frage.

Der ganze düstere Existentialistenkram, das war die Jugendmode der fünfziger Jahre, die Phase geistiger Initiation vieler, die sich heute dunkel kleiden. Ihre Götter waren Jean-Paul Sartre und Juliette Gréco, "die Madonna des Existentialismus", wie die "Süddeutsche Zeitung" sie einmal nannte. Sie weitete die schwarze Kampfzone gar bis zu ihrem Augen-Make-up aus. Kein Wunder, heißt eines von Sartres Hauptwerken doch "Das Sein und das Nichts". Schwarz ist ja erst einmal wirklich – nichts. Es reflektiert kein Licht, die pure Gegenstandslosigkeit.

Natürlich, das sei unbedingt hinzugefügt, verweist eine nicht unerhebliche Fraktion der Befragten auf die unzähligen praktischen Aspekte. Man müsse nicht darüber nachdenken, was man morgens anziehe, so die Formel der Vielflieger, alles passe zu allem, ganz im Sinne Coco Chanels. Ein Architekt, so die Botschaft, braucht seinen Kopf schließlich für Wichtigeres. Und, klar, dunkle Klamotten seien so zurückhaltend, dass der Träger nicht von seinen Entwürfen ablenke. Besser lässt sich die Liebe zur eigenen Arbeit wohl kaum ausdrücken.

Nach Lektüre dieser außergewöhnlichen Modefibel gibt es keine Gründe, sich fortan nicht in schwarze Schale zu werfen. "Die Farbe", fasst der Kölner Architekt Volker Staab zusammen, "die Farbe können wir den Blumen überlassen."


Cordula Rau (Hrsg.): "Why Do Architects Wear Black?" (Springer, Wien 2008), 19,26 Euro

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