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Internationaler Preis für Zeichnung: Sprühend vor Kreativität

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Zeichnen kann jedes Kind. Die Meister der modernen Zeichenkunst aber kombinieren Tinte und Skulptur, Stift und Video. In Nürnberg wird nun ein Preis für diese vernachlässigte Kunstgattung vergeben.

Man braucht nicht mehr als einen Stift und ein Blatt Papier, um eine Welt zu erfinden. Baum neben Haus, so zeichnen Kinder. Doch die Zeichnung gilt in der heutigen Kunstwelt nicht viel - oft dient sie nur als Entwurf, und als eigenes Medium ist sie zu bescheiden, die Werke sind in der Produktion zu billig.

Wie schön, dass diese Kunstgattung mehr Aufmerksamkeit bekommt: mit dem internationalen Kunstpreis, den der in Nürnberg ansässige weltgrößte Hersteller von Blei- und Buntstiften, Faber-Castell, und das Nürnberger Neue Museum jetzt zum zweiten Mal vergeben.

Fünf Künstlerinnen und Künstler unter 40 Jahren wurden von fünf internationalen Museumsdirektoren aus Düsseldorf, Stockholm, Wien, London und Brüssel nominiert, am Mittwoch wird eine andere Jury-Runde aufgrund der Ausstellung im Neuen Museum die Entscheidung über den Gewinner fällen. Dabei zählt nicht nur handwerkliche Perfektion, sondern auch, wie das Medium in seinen Grenzen ausgelotet und weiterentwickelt wird. Alle Künstler haben ihre Werke eigens für den Preis produziert.

Vom Körpereinsatz bis zum Video

Völlig unterschiedlich bespielen die fünf Nominierten den großen Ausstellungsraum im Museum: Die schwedisch-griechische Künstlerin Anastasia Ax zeichnet nicht, sie spuckt, und zwar mit vollem Körpereinsatz. Sie verwandle "ihren Körper regelrecht in einen lärmenden Verbrennungsmotor, der schwarze Flüssigkeiten in ein weißes Environment spuckt", sagt Daniel Birnbaum, der sie vorgeschlagen hat. In ihren mit Musik untermalten Performances ergießt sich schwarze Tinte wie ein dunkles Ejakulat über ihre raumfüllenden Gipsskulpturen und gepressten Altpapierblöcke, die sie anschließend um die Welt touren lässt, um sie weiter zu bearbeiten.

Düstere Wandbilder zeigt die junge, in Wien lebende Deutsche Julia Haller, die in dunkle Bildgründe filigrane Liniengebilde eingraviert. Dazu baut sie verschiedene Malschichten auf, um sie dann in krakeligen Schwüngen plastisch aufzubrechen. Andere ihrer Arbeiten sind abstrakte Linien- und Kritzelgeflechte auf Leinwand, die manchmal an Gegenständliches erinnern, das man aber nicht benennen kann.

Figurativ geht die in Brüssel lebende Bulgarin Aleksandra Chaushova vor, die in meisterhaften großformatigen Zeichnungen mit leicht nostalgischem Einschlag die politischen Entwicklungen und die ideologisch geprägten Geschichten ihres Heimatlandes nachverfolgt - ja, im wahrsten Sinne des Wortes nachzeichnet. Fiktion und Realität verschwimmen, Archivmaterial aus alten Zeitungen und Dokumenten bilden die Grundlage; das Ergebnis, die Zeichnung, wird zum surrealen Seelenspiegel.

Eine bühnenhafte, bewusst vergängliche Welt

Auch die in Paris lebende Künstlerin Ulla von Brandenburg, geboren 1974 in Karlsruhe, sucht den figurativen Weg in Kombination mit abstrakten Elementen. Vom flächigen Schattenriss bis zum Aquarell beherrscht sie alles, was mit Papier möglich ist - und kreiert damit zugleich eine bühnenhafte, bewusst vergängliche Welt.

Besonders radikal erweitert der zurzeit international gehypte Brite Ed Atkins den linearen Kosmos. In seiner in den Raum projizierten HD-Videoarbeit zeigt er einen Standard-Avatar aus industrieller Produktion, dem er ein mysteriöses Eigenleben einhaucht. Dem computergenerierten High-Tech-Bild geht der spielerisch-zeichnerische Entwurf voraus.

Dass dieser Preis und die Ausstellung in Nürnberg stattfindet, ist kein Zufall. Die fränkische Hauptstadt hat die älteste deutsche Kunstakademie, und in der Nachfolge von Großmeister Albrecht Dürer blühte die Zeichenkunst auf und zog wirtschaftliche Effekte nach sich. Noch heute ist Nürnberg Sitz zahlreicher Produzenten von Zeichengeräten. Der größte ist bis heute das Unternehmen Faber-Castell, dessen Inhaber aufgrund seiner Erfolge 1881 in den gräflichen Adelsstand erhoben wurde.

Bis heute greifen Künstler zu den wappenverzierten bunten oder bleiernen Stiften, um mit wenigen Strichen ganze Welten - innere wie äußere - abzubilden. Dazu gehört auch die amerikanische Künstlerin Trisha Donelly, die den mit 15.000 Euro dotierten Preis in der ersten Ausgabe des Wettbewerbs 2012 erhielt. Wer in diesem Jahr die größte Meisterschaft darin besitzt, das Medium zu nutzen und es gleichzeitig in seinen Grenzen zu überschreiten, wird die Jury morgen bekanntgeben. Einfach wird die Entscheidung nicht sein - sie erfolgt sozusagen aufs Liniens Schneide.


Internationaler Faber-Castell Preis für Zeichnung. Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg, 17.7.-11.10., www.award.faber-castell.de

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Sprühend vor Kreativität?
mcvitus 14.07.2015
Naja, da wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen. Das "Kunstwerk" könnte auch aus dem "Kreativitätsraum" des örtlichen Kindergartens stammen.
2. Ü40
mariannevondamals 14.07.2015
Man stelle sich vor, der Nobelpreis würde nur für Wissenschaftler unter 40 Jahren vergeben, was da wohl an Qualität herauskäme ... Die Selbstverständlichkeit der Alterdiskriminierung fällt nicht positiv auf den Bleistifthersteller zurück!
3.
Newspeak 14.07.2015
Zitat von mariannevondamalsMan stelle sich vor, der Nobelpreis würde nur für Wissenschaftler unter 40 Jahren vergeben, was da wohl an Qualität herauskäme ... Die Selbstverständlichkeit der Alterdiskriminierung fällt nicht positiv auf den Bleistifthersteller zurück!
Die Fields-Medaille (der "Nobelpreis" für Mathematik) wird nur an Forscher unter 40 Jahren vergeben und die Qualität ist durch die Bank extrem hoch. Und auch sonst stimmt vieles nachdenklich. Nein, NICHT jedes Kind kann zeichnen. Malen vielleicht, krakeln, aber zeichnen ist dann doch noch mal was anderes. Und wenn es ein Video ist, dann ist es ein Video, und eine Skulptur ist eine Skulptur, beides ist keine Zeichnung, sondern dämliche Anbiederung an die alles relativierende Moderne. Man fühlt sich ständig in seiner Intelligenz beleidigt, wenn man so einen Unsinn liest. Zeichnen ist zeichnen ist zeichnen (sozusagen als Hommage an ein ähnliches Zitat), alles andere ist QUATSCH.
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