Sommerfestival Hamburg: Wirtschaftswachstum? Muss das sein?

Von Tobias Becker

Zur Sonne, zur Freiheit! Er ist einer der politischsten Festivalmacher des Landes: Matthias von Hartz kreuzt Kunst mit Aktivismus, Performances mit Podiumsdiskussionen. Bevor er Hamburg in Richtung Berlin verlässt, kuratiert er auf Kampnagel ein radikales Programm.

Sommerfestival in Hamburg: Zur Sonne, zur Freiheit! Fotos
Caroline Ablain

"Sommer! In diesem Sommer auch in Hamburg", scherzte die Kulturfabrik Kampnagel vor einigen Jahren, um ihr Internationales Sommerfestival zu bewerben. "Wachstum! In diesem Sommer nur in Hamburg", könnte das Motto heißen, wenn es nun wieder losgeht. Vom 9. bis 25. August beschäftigt sich Festivalmacher Matthias von Hartz mit der Wachstumsideologie unseres krisengeschüttelten Wirtschaftssystems. Das Programmheft zeigt ein Kind, das ein Kaugummi fast kopfgroß aufbläst; jeden Moment wird die Blase platzen.

Von Hartz hat einst Volkswirtschaftslehre an der London School of Economics studiert, anschließend Regie an der Theaterakademie Hamburg. Heute ist der 42-Jährige einer der politischsten Köpfe des deutschen Theaters. Während die meisten sommerlichen Kulturfestivals auf kulinarisches Theater setzen und auf konventionelle Formensprache, mischt er beim Internationalen Sommerfestival Hamburg Performances mit politischem Aktionismus, stets unter einem inhaltlichen Schwerpunkt: Wasserknappheit, Klimawandel, Konsum, Gemeingüter, dieses Jahr nun Wachstum. Das Theater als ökonomische Anstalt.

Ein bisschen Kommunismus wagen

"Als ich studiert habe, durfte die Wachstumsfrage nicht gestellt werden", sagt von Hartz, "Du wärst sofort als Kommunist von der Uni geflogen." Die Wirtschaftskrise hat das verändert, weshalb er sich nun intensiv mit Grundsatzfragen beschäftigt - und das in seinem Abschiedsjahr: Von Hartz übernimmt 2013 das Festival "foreign affairs" innerhalb der Berliner Festspiele, den Nachfolger der bislang sehr beliebig programmierten und zeitlich zerfasernden "Spielzeit Europa". In Hamburg ersetzt ihn András Siebold, zurzeit schon leitender Dramaturg auf Kampnagel und zuvor Dramaturg an der Berliner Staatsoper.

Von Hartz verlässt Hamburg in erster Linie, weil das Intendanten-Karussell sich gerade drehte und der nächste Karriereschritt anstand. Aber er sagt auch: "In Berlin hat die Kultur einen anderen Stellenwert." Das Hamburger Publikum sei stets interessiert gewesen, "aber das klafft auseinander mit den Vorstellungen, die die Stadtregierung hat: Wenn du hier nicht repräsentativ arbeitest, hast du immer das Gefühl, du betreibst ein klandestines Projekt. Der Hamburger ist eben ein Kaufmann."

Bestes Beispiel: In den vergangenen Jahren habe er sein Festival auf etwa 400 sogenannten City-Light-Postern an Bushaltestellen ankündigen dürfen, berichtet von Hartz. Die Belegungsrechte dafür habe die Stadt. In diesem Jahr jedoch sei ihm die Werbemöglichkeit ersatzlos gestrichen worden - zugunsten der Hamburg Cruise Days, dem Kreuzfahrt-Gräuel mit Touristen-Terror im Hamburger Hafen. Von Hartz verzieht das Gesicht zu einer Grimasse und zählt typische Hamburger Events auf, die viele Menschen von außerhalb anziehen, die die Menschen in der Stadt aber eher nerven: "Cruise Days, Harley Days, Schlagermove - da weißt du, in welcher Stadt du bist. Das ist in Berlin anders."

Konzeption statt Kulinarik

Repräsentativ will von Hartz mit seinem Sommerfestival nicht sein, "bloß nicht", und das hat nicht nur politische Gründe: "Interessante Theaterleute arbeiten heute nicht mehr in großen Formen, von Ausnahmen abgesehen." Dennoch: Das diesjährige Sommerfestival, sein letztes, soll sein größtes werden. Und sein schönstes. Und sein radikalstes. "Im letzten Jahr wird man weniger taktierend, entscheidet sich für Sachen, die man unbedingt machen möchte", sagt er. "Meine Neigung zu konzeptionellen Tanz- und Theaterabenden hat dieses Mal noch mehr Raum." Es gebe "keine Arbeiten aus der Hofesh-Shechter-Liga", "keine Junge-Leute-bewegen-sich-schnell-und-schön-Arbeiten".

Eingeladen ist zum Beispiel der französische Choreograf Boris Charmatz, der das Hamburger Publikum 2011 schon einmal mit seinem Abend "Enfant" verstörte. Nun zeigt er die Großproduktion "Levée des conflits" mit 24 Tänzern, "was für uns eigentlich viel zu teuer ist, aber die Arbeit ist mir sehr wichtig". Auch die belgische Tanzlegende Anne Teresa de Keersmaeker zeige "keinen gefälligen Abend": Die 52-Jährige ist zu Gast mit einer Rekonstruktion ihrer frühen Rosas-Choreografie "Elena's Aria", in der sie selbst noch einmal mittanzt.

Das Nature Theatre of Oklahoma kommt mit dem dritten und vierten Teil seiner epischen Saga "Life and Times", die Dokumentartheater-Spezialisten von Rimini Protokoll zeigen ein Stimmungsbild aus dem Krisenland Griechenland, Tino Sehgal adaptiert seine Venedig-Biennale-Arbeit "This is Exchange", bei der die Akteure die Besucher im Jahr 2005 in Gespräche über Marktwirtschaft verwickelten.

Mit dabei ist auch der spanische Künstler Santiago Sierra, der mit zwei ebenso provokanten wie plakativen Arbeiten bei der Venedig-Biennale bekannt wurde: 2001 zahlte er 133 Immigranten jeweils 60 Dollar, um ihnen die Haare blond färben zu dürfen - und machte sie so optisch zu Europäern. 2003 ließ er den Pavillon Spaniens zumauern und bewachen; nur gegen Vorlage eines spanischen Passes durften Besucher das sonst leere Gebäude betreten - ein Kommentar zum Umgang mit Migration in der globalisierten Welt. In Hamburg lässt Sierra nun europäische Länder aus Schweinefutter nachbauen und von Schweinen auffressen. "Ich will seit zehn Jahren mit Sierra arbeiten", sagt von Hartz. "Das klappt jetzt endlich mal."

Der Theaterregisseur und Goldene Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun und der Schauspieler Fabian Hinrichs laden ein zu einer Hafenkonzertrundfahrt über Wachstumsgrenzen, in einem achtstündigen Marathon-Meeting treffen Wissenschaftler wie der Politologe Ulrich Brand und der Volkswirtschaftler Niko Paech auf Künstler wie den Performer Julius Deutschbauer und den Liedermacher Peter Licht, in einem dreitägigen Camp am Hamburger Hafen berichtet das Agitprop-Kollektiv Schwabinggrad Ballett von seinen Exkursionen in die Protestkultur Griechenlands. Die Mitglieder übernachten dort in Zelten und Wohnwagen, organisieren tagsüber und abends Lecture Performances, Teach-Ins, Video-Vorführungen, Konzerte, eine Speakers Corner, eine Bar.

Und so kreuzt das Internationale Sommerfestival nicht nur Performance und Protest, sondern auch Protest und Party. Wer sagt denn, dass Politik keinen Spaß machen kann?


Internationales Sommerfestival Hamburg. 9. bis 25. August, Kulturfabrik Kampnagel Hamburg, Jarrestraße 20; Kartentelefon 040/27 09 49 49.

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1. Sommerloch.
brasilpe 08.08.2012
Zitat von sysopZur Sonne, zur Freiheit! Er ist einer der politischsten Festivalmacher des Landes: Matthias von Hartz kreuzt Kunst mit Aktivismus, Performances mit Podiumsdiskussionen. Bevor er Hamburg in Richtung Berlin verlässt, kuratiert er auf Kampnagel ein radikales Programm. Internationales Sommerfestival Hamburg auf Kampnagel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,848727,00.html)
Na ja. Sommerloch eben. Mit einem dicken staatlichen Gehalt im Rücken lässt sich gut provozieren.
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