Internet-Musical "Dr. Horrible" Joss Whedons kleiner Horrorladen

Schüchterne Superhelden, schräge Schurken, coole Popsongs: Serien-Guru Joss Whedon schuf auf YouTube ein dreiteiliges Mini-Musical über Comics und Geeks, das innerhalb weniger Tage zum Internet-Kult wurde. Soundtrack, Film und Bühnenversion von "Dr. Horrible" sind bereits geplant.


Die aktuellen Umsatzerfolge an der Kinokasse täuschen über die trüben Zeiten hinweg, die in Hollywood seit längerem herrschen: Die Schauspielergewerkschaft SAG steckt in den festgefahrenen Verhandlungen über einen neuen Vertrag mit dem Produzentenverband AMPTP fest. Der erst im Feburar beendete Streik der Autoren hat nun eine alternative Produktionsnische eröffnet - ohne Beteiligung von großen Studios, im Internet. Mit "Dr. Horrible"s Sing-Along Blog" veröffentlichte Joss Whedon dort in der vergangenen Woche ein bizarres Superhelden-Musical in drei Akten, das dank mehr als 1000 gleichzeitigen Zugriffen zeitweise den Server des Videoportals lahmlegte.

Binnen 24 Stunden wurde "Dr. Horrible" auch zum meistheruntergeladenen Video im amerikanischen iTunes-Store. Schon treibt die Web-Spielerei geschäftstüchtig Blüten: Geplant ist eine DVD samt Soundtrack, im Gespräch sind Bühnenversion, Film und, natürlich, eine Fortsetzung.

Das ist eine erstaunliche Karriere für ein insgesamt knapp 45-minütiges Filmchen im Internet, dessen Erfolg fast völlig auf Mundpropaganda fußt. Der ungewöhnliche Hype hängt direkt mit dem Schöpfer von "Dr. Horrible" zusammen: Joss Whedon, 44, hat schon eine Reihe von Kultserien fürs Fernsehen geschaffen. In "Buffy" ließ er von 1997 bis 2003 eine Oberschülerin Vampire und andere Unterweltgestalten jagen – frei nach der Überzeugung, dass Schule die Hölle ist. Mit der Serie "Firefly", der im Fernsehen kein Erfolg vergönnt war, schuf er 2002 einen einfallsreichen Western im Weltall, der auf DVD zum Kulthit wurde. Derzeit produziert Whedon für Fox eine Serie namens "Dollhouse" um eine Handvoll menschlicher Marionetten, deren Gedächtnisse gesäubert und für verschiedene Einsätze mit unterschiedlichen Persönlichkeiten "bestückt" werden. Nebenbei meldet sich Whedon immer mal wieder gerne auf dem Fanblog Whedonesque.com und hält seine Fans über neue Projekte auf dem Laufenden.

Eins kann Whedon offenbar schlecht: stillsitzen. Als ihn der dreimonatige Streik der Drehbuchautoren im vergangenen Winter zum Nichtstun verdammte, konzipierte er gemeinsam mit seinem Brüdern Zack und Jed sowie Jeds Verlobter Maurissa Tancharoen sein bislang witzigstes Stück - fürs Internet: "Dr. Horrible's Sing-Along Blog", eine abgedrehte Subversion des Superhelden-Genres und zugleich Hommage an die Geek-Kultur im Netz. In dem Dreiakter, der freihändig zwischen Dialogen und Gesängen wechselt, ringt der schmalbrüstige Möchtegern-Superheld Dr. Horrible (Neil Patrick Harris) darum, seinen aufgeblasenen Rivalen Captain Hammer (Nathan Fillion) auszuschalten und damit das Herz der Waschsalon-Elfe Penny (Felicia Day) zu gewinnen. Doch Horribles Plan geht nach hinten los, und Penny glaubt in Captain Hammer ihren Retter zu erkennen, was die Dinge nur noch zielstrebiger dem Abgrund zutreibt.

Tancharoen und die drei Whedons setzten das Mini-Musical in nur sechs Tagen in Szene - mit einer Handvoll Freunde, darunter "Firefly"-Hauptdarsteller Fillion, und für eine gerade mal sechsstellige Summe. In der vergangenen Woche stellten sie die einzelnen Akte im Abstand von ein paar Tagen ins Netz, mit riesiger Resonanz. Und zu Recht: "Dr. Horrible"s Sing-Along-Blog", irgendwo zwischen der bösen Lust von "Little Shop of Horrors" und der scharfsinnigen Albernheit von "South Park" angesiedelt, macht schlicht Spaß.

Ausbund des Bösen ist hier eine mit dem Holzhammer betitelte "Evil League of Evil", etwa: "Die böse Liga des Bösen", dessen grimmiges Anführer-Monster ein Pferd ist – "Bad Horse" heißt es folgerichtig, und es trägt noch dazu den finsteren Beinamen "Vollblut der Sünde". Den Chor des Bösen bilden drei unrasierte Cowboys, deren Liedzeilen zuweilen Monty Pythons alle Ehre machen. Etwa diese von Captain Hammer: "This is nice/ I just might sleep with the same girl twice/ they say its better the second time/ they say you get to do the weird stuff."

Ohrwürmer aus dem Netz

"Dr. Horrible"s Sing-Along-Blog" nutzt das Internet nicht nur als Forum für Filmschaffende, sondern dient gleichzeitig als selbstreferentielle Hommage. Das hochwertig produzierte, aber haarsträubend schräge Superhelden-Dramolett ist eine dramatische Liebeserklärung an Comics und die selbstgebastelten Parallelwelten, in der sich die Nutzer von Youtube und MySpace, die Blogger und die "World of Warcraft"-Gamer neu erfinden, in der die Grenzenlosigkeit der Geek-Fantasie die Schranken ihrer Realität außer Kraft setzt. In dieser Welt ist Dr. Horrible kein schreckhafter Mickerling mehr, dem im Waschsalon einfach nicht die richtigen Worte für Penny einfallen wollen, sondern ein Durchgreifer mit Freeze-Ray-Kanone, ein echt schlimmer Finger mit furchteinflößender Lache (wenn auch mit einem Stimm-Coach eingeübt) und dem eisernen Entschluss, die kaputte Welt wieder ins rechte Lot zu bringen.

Natürlich ist die Idee nicht neu: Vor "Dr. Horrible" gab es schon einige Perlen, die im Netz entstanden sind: Etwa die satirische Nachrichtensendung "Rocketboom", deren Moderatorin Amanda Congdon bald für ABC und HBO abgeworben wurde, oder zuletzt die Serie "Quarterlife", die die renommierten Fernsehautoren Marshall Herskovitz und Ed Zwick ("Thirtysomethings") nach dem Abblitzen bei den TV-Networks mit Erfolg fürs Internet neu konzipierten – bevor NBC die Serie während des Autorenstreiks aus dem Netz klaubte und direkt nach der ersten Folge wieder einstellen musste.

Während des Streiks liebäugelten zahlreiche Autoren mit dem World Wide Web, um sich dem finanziellen Würgegriff der Studios zu entziehen. Doch Joss Whedon scheint die harte Nuss geknackt zu haben, die das Internet für Kreative noch immer darstellt – wie nämlich mit dem dort Veröffentlichen Geld zu verdienen sein könnte. Eine Woche lang stand "Dr. Horrible" gratis im Internet, jetzt kann man ihn für 1,99 Dollar pro Episode bei iTunes herunterladen – leider bisher nur in den USA. Doch bald soll das Musical auch in anderen Erdteilen zugänglich sein, eine Veröffentlichung auf DVD ist geplant und auch der Soundtrack ist in Arbeit, wie Jed Whedon bekannt gab, der die Musik schrieb und von perligen Klavierssongs bis hin zu zornigem Heavy Metal eine Reihe echter Ohrwürmer schuf, darunter die herzige Ballade "On the Rise".

Schon jetzt schreien die Fans nach einer Fortsetzung – nicht zuletzt angestachelt durch die Andeutung weiterer seltsamer Mitglieder der "Evil League of Evil" wie dem "Toten Bowie" oder dem "Falschen Thomas Jefferson". Im Internet zieht "Dr. Horrible" ohnehin schon weite Kreise: Via Youtube bewarb sich ein User als Bösewicht-Buddy unter dem Namen "Dr. Dreadful". Auf MySpace.com/darkhorsepresents kann man sich einen von Zack Whedon gezeichneten Comic über Captain Hammer anschauen, und bei Youtube läuft eine Persiflage unter dem Titel "Dr. Horrible – Die frühen Jahre", in der ein Dreikäsehoch mit Captain Hammer um den Bau eines Baumhauses konkurriert.

Joss Whedon erwartet, dass "Dr. Horrible" seine Kosten binnen 12 Monaten wieder eingespielt hat – ganz ohne Studio-Beteiligung. Wenn ihm das gelingt, könnte er die Hoffnung einlösen, die die streikenden Autoren bei den Verhandlungen über Tantiemen für die Internet-Weiterverwertung ihrer Werke antrieb: eines Tages die gierigen Mittelsmänner der Unterhaltungsindustrie einfach auszuschalten.

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Artikels behaupteten wir fälschlicherweise, die Website whedonesque.com sei die offizielle Internet-Präsenz von Joss Whedon. tatsächlich wird die Website von einer Fan-Community betrieben.



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