Intersexualität Alle gewinnen

Unverständlich, dass manche Menschen die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Intersexualität kritisieren. Es wird doch niemandem etwas weggenommen, wenn es eine Option mehr gibt.

Intersex-Symbol
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Letzten Winter war ich auf dem Chaos Communication Congress, und als ich einmal zu den Toiletten ging, die mit "Unisex" oder "All gender toilet" ausgeschildert waren, stand ein Mann davor und blickte von einer Tür zur anderen. "Für mich gibt es kein Klo", grummelte er. Ich sagte, doch, er könne auf jedes Klo gehen, und er sagte: "Ach so!"

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Heft 46/2017
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Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Intersexualität ist es ähnlich. Obwohl einige der Meinung sind, dass nun alles kompliziert wird, weil viele bürokratische Regelungen geändert werden müssen (stimmt, aber ist gut), wird es auch besser, weil die Erkenntnis, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, für alle Leute Freiheiten eröffnet, nicht nur für diejenigen, die in offiziellen Dokumenten für sich demnächst "divers" oder "inter" oder die dann möglichen Bezeichnungen wählen können.

Ein intersexueller Mensch, Vorname Vanja, Geburtsjahr 1989, hat dieses Recht für viele andere erkämpft, und das ist sehr gut, aber auch verrückt, denn niemand sollte dafür kämpfen müssen, so grundlegende Rechte zugesagt zu bekommen. Wie viele Leute von dem Recht Gebrauch machen werden, ihr registriertes Geschlecht in die dritte Option zu ändern, ist schwer zu sagen, weil die Zahl der Intersexuellen in Deutschland unterschiedlich angegeben wird - es gibt Angaben zwischen 80.000 und 160.000 - und davon wiederum einige mit der Bezeichnung "weiblich" oder "männlich" zufrieden sind.

Sicher ist, dass einige Leute jetzt - ähnlich wie der Mann vorm Congress-Klo - neu dazulernen werden. Denn viele finden zwar die Idee richtig, dass Leute wegen ihres Geschlechts nicht diskriminiert werden sollten, aber ihnen fehlt das Wissen, was es heißt, wenn jemand nicht weiblich oder männlich ist: dass es etwa darum geht, dass ein paar Leute sich nicht so "fühlen", sondern dass die strikte Einteilung in zwei Geschlechter schon seit Langem nicht mehr dem Stand der Medizin entspricht.

Diese Menschen wurden zum Beispiel bei der Geburt als Mädchen eingetragen, fingen aber in der Pubertät nicht an zu menstruieren wie ihre Freundinnen, weil sie die dazugehörigen Organe nie hatten. Es ist noch kein Allgemeinwissen, dass es solche Menschen gibt. Und während Homosexuelle und Transsexuelle zunehmend sichtbar werden, tauchten Intersexuelle bisher wesentlich seltener in öffentlichen Debatten auf. Wer könnte, ohne zu googeln, drei bekannte Menschen aufzählen, die weder männlich noch weiblich sind?

In der "NZZ" hieß es, es sei "sehr deutsch", zu glauben, man bräuchte "ein staatlich sanktioniertes Symbol im Pass für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung". Ich glaube nicht, dass es typisch schweizerisch ist, sich keine Sekunde mit denjenigen auseinanderzusetzen, über die man schreibt, aber auf jeden Fall ist es eigenwillig ignorant, darüber zu urteilen, welche sinnlose Diskriminierung ein Mensch in Kauf nehmen muss. Leute werden schon fuchsig, wenn man sie fälschlicherweise als Bayer statt als Franke bezeichnet, da kann man sich vorstellen, wie unangenehm es bei einer so viel intimeren Kategorie ist, ständig falsch einsortiert zu werden.

Grundlegende körperliche Gesundheit

Zudem geht es auch um ganz grundlegende körperliche Gesundheit: Bei vielen Intersexuellen wird schon kurz nach der Geburt versucht, sie operativ auf ein Geschlecht festzulegen. Eltern denken oft, dies würde ihrem Kind helfen, aber tatsächlich leiden viele Betroffene ihr Leben lang unter diesen Maßnahmen. In einer Umfrage vom Deutschen Ethikrat von 2012 hatten nur zwei Prozent der befragten Intersexuellen keine operative oder hormonelle Behandlung erfahren.

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Nun mag die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wie ein Minderheitenthema wirken, aber tatsächlich weist sie weit darüber hinaus: Denn die Einteilung von Menschen in weibliche und männliche ist auch für diejenigen eine Einschränkung, die zwar körperlich eindeutig zu einem Geschlecht gehören mögen, aber sich jenseits vorgefertigter Rollen bewegen. Sei es, weil sie als Mann gerne Schmuck tragen oder lieber Cocktails als Bier trinken oder als Frau boxen und Bäume fällen und Experimentalphysik machen und sich "trotzdem" die Nägel lackieren. Oder bei der Frage, ob eine bestimmte Sorte Whisky "eher ein Männerwhisky" ist (immer: nein). Vieles im Feminismus hat damit zu tun, solche Entweder-oder-Fälle aufzulösen: Frau / Mann, homo / hetero, richtiger / nichtrichtiger Sex.

Das Schöne: Es wird niemandem etwas weggenommen, wenn es eine Option mehr gibt. Alle, die an ihrem Leben nichts ändern wollen und froh sind, eindeutig und traditionell Mann oder Frau zu sein, müssen nichts ändern. Die einzige Forderung, die sich aus der neuen Anerkennung einer dritten Option ergibt, ist, dass sie anderen mit demselben Respekt begegnen, den sie für sich einfordern: dass sie einfach sie selbst sein können.

Damit läuft die Forderung nach einer dritten Geschlechter-Option bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen zuwider: Sie ist erstens auch ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der rechte Gruppierungen versuchen, alles als "Genderwahn" zu stigmatisieren, was nicht in ihr beschränktes Blickfeld passt, und zweitens läuft sie in einer andere Richtung als vieles, was derzeit im Bereich Produktmarketing passiert: In den vergangenen Jahren hat sich zunehmend die Absurdität verbreitet, dass es Dinge, die eigentlich für alle da wären, in einer Jungs- oder Mädchen- beziehungsweise Männer- oder Frauensorte gibt.

Es gibt in Männlich-/Weiblich-Varianten bereits Grillwurst, Chips, Tee, Zahnpasta, Badezusatz, Wattestäbchen, Klopapier, Taschentücher, Ohrenstöpsel, Überraschungseier, Parkscheiben (wobei die pinkfarbene für Frauen nicht StVO-tauglich ist), Schreiblernbücher, Windeln. Sogar Trinkwasser für Kinder gibt es inzwischen in rosa und hellblauer Ausführung. Wenn diese perversen Auswüchse des Kapitalismus für mehr Leute zunehmend absurd wirken - umso besser. Außer die Marketingfüchse überlegen sich jetzt, dass Intersexuelle alles in Gelb oder Grün brauchen. Dann gute Nacht.

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insgesamt 240 Beiträge
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Seite 1
Christoph 14.11.2017
1.
Zustimmung zu dem Teil, der besagt, dass jemand, der in biolologischer Hinsicht keinem der beiden Geschlechter männlich/weiblich angehört, aber Ablehnung des Teils, der besagt, dass jemand zu etwas wird, nur weil er oder sie sich so fühlt.
Christoph 14.11.2017
2.
Zustimmung zu dem Teil, der besagt, dass jemand, der in biolologischer Hinsicht keinem der beiden Geschlechter männlich/weiblich angehört, nicht zwangsweise einem dieser beiden Geschlechter zugeordnet werden sollte, aber Ablehnung des Teils, der besagt, dass jemand zu etwas wird, nur weil er oder sie sich so fühlt. Ich kann mich ja auch als Natur-Schwarzhaariger fühlen, ändert aber nichts daran, dass meine natürlich Haarfarbe blond ist.
knok 14.11.2017
3.
Das Problem ist, dass die ganze Debatte über Gefühle und Empfindungen geführt wird, nicht aber über wissenschaftliche Realitäten. Es werden einfach gefühlte Zustände ("Gender") mit Realitäten (Geschlechter, Sexes) vermischt. Und die Toliettendebatte ist eh Schwachsinn, Toiletten für beide Geschlechter zusammenlegen (ja, es gilt für 99.9% der Bevölkerung entweder XX oder XY, es gibt wenige Ausnahmen) und das Problem ist gelöst. Dann bleiben einem auch peinliche Situationen erspart. Und dann kann man sich von dieser absoluten Nebensächlichkeit entfernen und wieder über echte Probleme wie Klimawandel, Überbevölkerung, Bildung und europäische Zusammenarbeit diskutieren.
bafibo 14.11.2017
4. Männlich-/Weiblich-Varianten
Bei Windeln finde ich die Idee nicht so absurd, genausowenig wie bei Unterhosen (die wohlweislich nicht aufgezählt wurden). Aber alles andere: d'accord.
spon-facebook-10000523851 14.11.2017
5. Die Natur
macht hin und wieder mal kleine Programmierungsfehler und je schneller man sich damit abfindet um so besser. Die krampfhaften Versuche, es allen recht zu machen und jedem seine "Spezial - und Sonderrrechte" zu verschaffen ist schlichtweg unsinnig und unnoetig. Bisher wurden ja die Unentschiedenen auch nicht in den Wald abgedraengt. Wenn's so weitergeht, braucht man dann bald Gebrauchsanweisungen fuer's Klo gehen.
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