Intersexualität Genderterrorismus in Kreuzberg

Mit einer Ausstellung und einer Veranstaltungsreihe laden Künstler und Künstlerinnen in Berlin zu einem öffentlichen Polylog ein. Es geht um die medizinische Erfindung der Geschlechterzugehörigkeit und den gesellschaftlichen Umgang mit Intersexualität.

Von Johanna Straub


WC-Sticker von Ins A Kromminga (2000): Mädchen oder Junge?
Ins A Kromminga

WC-Sticker von Ins A Kromminga (2000): Mädchen oder Junge?

Mädchen oder Junge? Das ist die erste Frage, mit der die Neuzugänge auf dieser Welt begrüßt werden. Aber was tun, wenn keine der beiden Schubladen die richtige ist? Dass es dazwischen noch andere Möglichkeiten gibt, ist ein Gedanke, der als Hermaphroditismus mit Bezug auf die griechischen Gottheiten Hermes und Aphrodite seit Urzeiten eine Bezeichnung hat. Das Problem: Unsere Gesellschaft kommt bis heute so wenig damit zurecht, dass sie diese kulturelle Herausforderung durch medizinische Eingriffe im Säuglingsalter zu lösen versucht - und ansonsten totschweigt.

Letzteres zumindest ändert sich langsam. Durch den internationalen Erfolg von Jeffrey Euginides Hermaphroditen-Erzählung "Middlesex" und dem ebenfalls 2002 erschienenen deutschen Roman "Mitgift" von Ulrike Draesner, sickert langsam ins öffentliche Bewusstsein, dass die geschlechtliche Welt nicht nur schwarz und weiß, beziehungsweise hellblau und rosa ist. Intersexuelle präsentieren ihre geschlechtliche Identität zunehmend stolz in der Öffentlichkeit, fordern die Einhaltung der Menschenrechte und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Die Hürde, die es dabei zu überwinden gilt, ist jedoch groß. Nicht erst an der Toilettentür manifestiert sich die Entscheidung für das eine und gegen das andere Geschlecht, auch nicht erst auf dem Geburtsschein. Die Forderung, den amtlichen Geschlechtseintrag abzuschaffen, ist eine Kampagne der Veranstalter der Ausstellung "1-0-1 Intersex", die heute in Berlin in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) eröffnet wurde. Thema: "Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung".

Szene aus Roz Mortimers "Gender Trouble": Instabilität vermitteln
Wonderdog Productions

Szene aus Roz Mortimers "Gender Trouble": Instabilität vermitteln

Denn die Hürde liegt noch vor der Ausstellung des Geburtsscheins, nämlich in unserem binären Denken und der dem Denken zugrunde liegenden Sprache. Das Neutrum, unser Begriff für das, was weder weiblich noch männlich ist, bietet zwar ein "weder - noch", aber kein "sowohl - als auch". Neben "der" und "die" gibt es nur ein asexuelles "das", aber keinen Begriff für "der" und "die" in einem. Die Strategie der ausstellenden Künstler und Künstlerinnen, die teilweise auch zu den Veranstaltern der Aktionsreihe (bis 31. Juli) zählen, ist die emanzipatorische Zurück-Eroberung der Begriffe und das Sichtbarmachen von Uneindeutigem.

Die Methoden sind spielerisch dekonstruktiv und provokativ: "Zwitter" lautet ein Schriftzug an der Wand, zusammengesetzt aus einem Mosaik von Spiegelstückchen, die den Betrachter beim Lesen optisch in seine Einzelteile zerlegen. Dahinter an der Wand, teilweise verdeckt stehen medizinische Formeln über verschiedene anatomisch diagnostizierbare Typen von Intersexuellen.

Die Absurdität medizinischer Kategorien betont auch ein anderes Exponat, das Definitionen von intersexrelevanten Begriffen liefert: "Gynecomastia ist eine vergrößerte Brust bei einem Patienten, den wir männlich nennen. Bei einem Patienten, den wir weiblich nennen, heißt dasselbe Phänomen 'gut entwickelt'". Oder: "Kliteromegalie. Mikropenis bei der Frau. Eine ausführlichere Definition ist überflüssig, da dieser Umstand abgeschnitten wird, bevor die Patientin ihn aussprechen kann."

Auffällig ist der in den verschiedenen Exponaten wiederkehrende Verweis auf die Natur. Blüten in Bewegung bilden den Hintergrund zu den Interviews der Protagonisten im Dokumentarfilm "Gender Trouble" den die Regisseurin im Rahmen der Veranstaltungsreihe selbst präsentieren wird. Der bewegte Hintergrund, so die britische Künstlerin, dient dazu, zu verunsichern und Instabilität zu vermitteln.

Fotografie von Del LaGrace Volcano & Indra Windh: "Wir wollen unsere Genitalien behalten"
Del LaGrace Volcano & Indra Windh

Fotografie von Del LaGrace Volcano & Indra Windh: "Wir wollen unsere Genitalien behalten"

Radikaler ist da der intersexuelle Künstler und Aktivist Del LaGrace Volcano, der sich selbst als "Gender Terrorist" bezeichnet, weil er "stetig und absichtsvoll das binäre System der Zweigeschlechtlichkeit subvertiert, destabilisiert und in Frage stellt". Das System funktioniert für viele, aber nicht für alle. Zu viele Menschen werden durch den Versuch sich anzupassen, körperlich und geistig verletzt, sagt Volcano und verweist damit auf die gesellschaftliche Relevanz der Ausstellung.

Auch Volcano präsentiert Filmbeiträge zur Ausstellung, in denen er selbst und andere Intersexuelle die Dinge einfach und verständlich auf den Punkt bringen: "Wir wollen unsere Genitalien behalten, wie andere Menschen auch. Das ist wirklich nicht viel verlangt."

Die Angaben über den tatsächlichen Prozentsatz der Geburtenrate von Intersexuellen schwanken. Der ist insofern schwer festzulegen, als er wiederum einen Maßstab für eine Normierung voraussetzt. Aber was ist noch normal und was nicht mehr? Auch hierfür zeigt die Ausstellung eine spielerische Lösung. Ein Holzlineal dient als "Phallometer". Bis zu einem Zentimeter reicht der rosa Mädchenbereich, ab 2,5 Zentimeter beginnt der hellblaue Jungenbereich, dazwischen ist es schwarz. Unakzeptabel steht da. Und dabei dachten wir immer, es kommt nicht auf die Größe an.


"1-0-1 (one'o one) intersex - Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung": Ausstellung und Archivprojekt der Neuen Gesellschaft für Bildende Künste (NGBK), Berlin, Oranienstraße 25. Täglich vom 18.06. bis 31.07. 2005



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.