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Diskussion über alte Mütter: Das Kind als Fetisch

Ein Interview von

Schwanger im Alter: Annegret Raunigk (damals 55) 2005 mit ihrem 13. Kind Zur Großansicht
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Schwanger im Alter: Annegret Raunigk (damals 55) 2005 mit ihrem 13. Kind

Schwanger mit 65? Die Debatte über den Fall Annegret Raunigk endet nicht. Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard sieht darin uralte Geschlechterbilder fortwirken - und Kinder zur Projektionsfläche narzisstischer Wünsche verkommen.

Zur Person
  • Andreas Labes
    Andreas Bernard, Jahrgang 1969, ist Journalist und Professor am "Centre for Digital Cultures" der Universität Lüneburg. Er forscht unter anderem dazu, welchen Einfluss künstliche Befruchtung auf Familienvorstellungen hat. 2014 erschien sein Buch "Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie".
SPIEGEL ONLINE: Herr Bernard, warum löst die Schwangerschaft einer 65-Jährigen in Deutschland so große Irritationen aus? Ausschließlich wegen der Sorge um die Gesundheit der Kinder?

Bernard: Nicht nur. Ich glaube, das hat auch mit dem Geschlecht des Elternteils zu tun. Eine 65-Jährige Mutter löst kollektive Aufregung aus, ein 65-jähriger Vater eher nicht. Obwohl auch die Kinder alter Väter einem größeren Risiko genetischer Schädigungen ausgesetzt sind. Aber es gab keine nennenswerte Empörung, als etwa Picasso oder Charlie Chaplin im hohen Alter Vater wurden.

SPIEGEL ONLINE: Die Beispiele sind schon einige Jahre her.

Bernard: Man kennt solche Fälle ja auch aktuell aus dem Bekanntenkreis: ein 55-Jähriger mit 30-jähriger Freundin, der jetzt eine zweite Familie gründet. Die Reaktionen ihm gegenüber sind oft von stammtischhaftem Schulterklopfen geprägt: "Toll, der hat's noch mal hinbekommen." Es gibt selbstverständlich Unterschiede: Vaterschaft im Alter ist gewöhnlich ein natürlicher Akt, aus Geschlechtsverkehr hervorgegangen, während Mutterschaft im Alter forciert werden muss durch medizinische Hilfe - denn die Frauen selbst verfügen über keine Eizellen mehr. Aber welchen Unterschied gibt es sonst?

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht den, dass die Gesellschaft von der Mutter noch immer mehr erwartet als vom Vater?

Bernard: Das glaube ich auch. Die Gleichberechtigung der Geschlechter scheint sich in vielen Bereichen durchgesetzt zu haben. Aber Vaterschaft und Mutterschaft folgen noch immer stark unterschiedlichen symbolischen Gesetzen. Wir kennen etwa dieses immergleiche Reaktionsmuster bei der Debatte um ältere Mütter: "Was geschieht denn, wenn das Kind mit der Schule fertig ist? Lebt die Mutter dann noch?" Bei älteren Vätern taucht diese Frage fast nie auf. Ohnehin glaube ich, dass unter der topmodernen Oberfläche der Reproduktionsmedizin immer wieder archaische Geschlechterbilder aufblitzen: Aristoteles etwa ging vor 2500 Jahren davon aus, dass ein Kind aus dem Samen des Mannes und dem Blut der Frau entsteht - der Samen war das formgebende, das Blut das materielle Element.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat das mit der Gegenwart zu tun?

Bernard: Dieser Gedanke wirkt bis heute fort, das spiegelt sich in den Verfahren der Reproduktionsmedizin: Der Samenspender muss immer unglaublich brillant sein, akademisch gebildet. Leihmütter, auch solche, die ihre eigene Eizelle verwendeten, wurden lange gar nicht auf Intelligenz und Bildung befragt, sondern nur auf Krankheiten und Hygienegewohnheiten, obwohl sie ja auch zu fünfzig Prozent mit dem entstehenden Kind verwandt waren. Vaterschaft ist also in unserer Vorstellung nach wie vor an die Weitergabe von intellektuellen Fähigkeiten gebunden, Mutterschaft dagegen vorwiegend an den biologischen Körper.

SPIEGEL ONLINE: Die Diskussion lässt sich also als Beleg dafür lesen, dass technischer Fortschritt nicht vereinbar ist mit unseren Rollenvorstellungen?

Bernard: Genau diese Differenz führt jedenfalls zu Widersprüchen: Wenn Annegret Raunigk die biologische Ordnung der Fortpflanzung überwindet, wird sie dafür öffentlich abgestraft. Andererseits erleben wir ja gerade, dass Firmen ihre 25- bis 30-jährigen Angestellten ermuntern, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt - provokant gesagt, wenn sie mit 65 in Rente sind und dem Konzern nichts mehr nützen - auftauen und befruchten zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Social Freezing

Bernard: Ja. Und bei einer Frau, die nicht mehr interessant für den Arbeitsmarkt ist, weil sie bereits Mitte sechzig ist, ist verspätete Mutterschaft ein noch größerer Skandal.

SPIEGEL ONLINE: Gab es in Deutschland auch mal eine Phase, in der die Rolle "alte Mutter" nicht so negativ besetzt war?

Bernard: Noch bis ins späte 19. Jahrhundert gab es vor allem in den Arbeiterschichten häufig Familien mit mehr als zehn Kindern. Die Frauen wurden kurz nach der Heirat zum ersten Mal Mutter und bekamen bis Mitte, Ende 40 Kinder - also bis ins hohe Alter, wenn man die niedrigere Lebenserwartung von damals einbezieht. Dieser Vorgang wurde neutral registriert. Vor allem in den letzten 40 Jahren hat das Kinderkriegen aber diesen Charakter einer biologischen Tatsache mehr und mehr verloren.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seitdem verändert?

Bernard: Einerseits hat sich das normierte Lebensmodell des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - vom Aufwachsen im Elternhaus nahtlos in die Ehe und die eigene Familiengründung - aufgesplittert und verschleppte, hinausgezögerte Lebensgeschichten hervorgebracht. Paare bekommen viel später ihr erstes Kind, natürlich auch deswegen, weil Frauen heute, im Gegensatz zu früher, genau wie Männer eine berufliche Karriere anstreben können. Andererseits gibt es seit 40 Jahren die Angebote der Reproduktionsmedizin. In Verbindung der beiden Entwicklungen verliert Elternschaft etwas von der biografischen Selbstverständlichkeit früherer Zeiten. Ein Kind ist weniger leibliche Tatsache, sondern eher "Projekt", das man irgendwann in Angriff nimmt, manchmal sogar ein Fetisch. Diese Verschiebung spiegelt sich auch in der Diskussion um die künstliche Befruchtung.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Bernard: Bis Anfang der Neunziger stand dabei die Künstlichkeit im Zentrum, genauer: die Angst, dass diese Art der Fortpflanzung das Humane aus dem Menschen herausschleudert, dass wir gewissermaßen Monster zeugen. Nicht ein Artikel zur In-vitro-Fertilisation (IVF) damals, in dem nicht Aldous Huxleys "Brave New World" oder Frankenstein als Referenz auftauchte. Das technische Etikett "Retortenbaby" fasst diese Stimmung zusammen. In den Neunzigern verschwand aber dieser Begriff, und das Leid der Eltern angesichts der Unfruchtbarkeit rückte in den Fokus - seitdem reden wir über "Wunschkinder". Ein Begriff, der eher narzisstisch gedacht ist, vom Bedürfnis der Eltern aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt dieser narzisstische Aspekt im Fall von Annegret Raunigk?

Bernard: Aus der Distanz hat man den Eindruck, dass diese multiple, auch in spätem Alter fortgeführte Mutterschaft ein äußerst selbstbezogenes biografisches Projekt ist. Sie hat schon 13 Kinder, es gibt meines Wissens keinen Lebenspartner, sie ist auch nicht genetisch verwandt mit den vier jetzt entstehenden Kindern: Darin liegt für den Betrachter auch etwas sehr Einsames. Zudem ist die Familienbildung in diesem Fall anscheinend auch stark an Öffentlichkeit gekoppelt - wenn die Berichte stimmen, hat sie ja selbst den Sender RTL angerufen und sich um ein Fernsehformat mit ihr in der Hauptrolle beworben. Kinderkriegen wird also als Vehikel zur Erfüllung anderer Sehnsüchte genutzt: etwa der, als Reality-TV-Star berühmt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Narzissmus ist ein sehr negativ besetzter Begriff. Aber vielleicht kümmert sich eine Mutter ja auch besser, weil sie das Kind noch mehr als Teil ihrer selbst versteht?

Bernard: Mag sein. Ich vermute, dass die Reproduktionsmedizin in der Tendenz eher zufriedenere Familien hervorbringt. Kategorien wie die Ausübung der "ehelichen Pflicht", aber auch der Zufall - ein Kind als "Unfall" nach einem One-Night-Stand - sind ausgeschaltet. Man kann nicht ungewollt durch IVF schwanger werden. Deshalb denke ich, dass die Familien, die auf diese Weise entstehen, oft auf einer stabileren, reflektierteren Basis stehen - und 60-jährige Mütter sind grundsätzlich vielleicht kein größeres Problem als 60-jährige Väter. Dennoch zeigt der Fall von Annegret Raunigk, dass Kinderkriegen dank der Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin heute auch narzisstische Exzesse fördern kann.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Verantwortungslosigkeit
annemarie26 16.04.2015
nennt man das.Das Risiko in Kauf zu nehmen,daß der Tag x vielleicht mit 70 oder 75 kommt und 4 Kinder dann hoffen, weiter gut behütet zu werden, darauf kann man nicht setzen. Wer soll dann die Verantwortung übernehmen ? Einen Vater gibt es ja nicht,nur Erzeuger. Den Gedankengängen dieser Frau mag ich nicht folgen.
2. Grober Denkfehler
boingdil 16.04.2015
Ein 60jähriger Vater der mit seiner 30jährigen Freundin noch Kinder in die Welt setzt hinterlässt im Fall der Fälle seinen Kindern mit der "normal-alter gebährenden" Mutter noch ein hinreichend junges Elternteil. Hätte diese Frau einen 30-Jährigen Partner sähe die Sache anders aus. Aber als Single ist das was anderes. Wird höchstwahrscheinlich also auf ihre älteren Kinder zurückfallen. Also mischt sie sich in deren Lebensplanung ein. Bleibt egoistisch.
3. Sehr guter...
mike.weissleder 16.04.2015
...auch ein paar Hintergründe beleuchtender Artikel. Vielen Dank.
4. Ein alter Vater ist mit seinem Kind verwandt,
leseoma 16.04.2015
und er hat eine jüngere Frau, die noch schwanger werden kann. Und sein Körper wird nicht durch die Schwangerschaft strapaziert, von den nötigen Hormongaben ganz zu schweigen! Es ist also beileibe nicht das Gleiche.
5. erneuter Versuch
karend 16.04.2015
Ich habe gerade den Eindruck, dass die öffentliche Aufmerksamkeit nur halb so hoch ist, wenn erneut eine Mutter ihr Kind ermordet.
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