Interview mit Architekt Koolhaas "Es war ein Verbrechen, den Palast der Republik nicht zu retten"

Am prominentesten Platz des wiedervereinigten Deutschland, dem Schlossplatz in Berlin-Mitte, dräut der ruinierte Palast der Republik. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem niederländischen Star-Architekten Rem Koolhaas, 59, darüber, was sich mit dem kaputtsanierten Torso am besten anfangen ließe.


Berliner Schlossplatz: "Verführerischer Raum"
DPA

Berliner Schlossplatz: "Verführerischer Raum"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kohlhaas, am Schlossplatz in der Mitte Berlins stehen die traurigen Reste des Palastes der Republik. Was soll man Ihrer Meinung nach damit tun?

Rem Koolhaas: Ich konnte vor wenigen Wochen, zusammen mit einer Gruppe um den Berliner Architekturprofessor Phillip Oswald, die den Palast temporär nutzen will, dieses Restgebäude von innen inspizieren. Dabei konnten wir uns davon überzeugen, dass es für Theater, Performances, Kongresse oder Vorträge ein unglaublich geeigneter und verführerischer Raum ist. Mit einem minimalen Aufwand, mit dem Einbau von ein paar simplen Plattformen, Terrassen, Rampen ließe sich ein ideales Setting für kulturelle Ereignisse aller Art schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Das hätte man ja schon lange machen können, auch schon vor der ruinösen Asbestsanierung.

Koolhaas: Richtig. Aber als Deutschland sich vereinigte, wurde meiner Meinung nach die enorme Möglichkeit vergeben, gegenseitigen Respekt für die unterschiedlichen kulturellen und sozialen Bemühungen auf beiden Seiten zu zeigen. Ich bin noch immer sehr erschrocken über die geradezu aggressive Auslöschung ostdeutscher Bauten, besonders, wenn sie im Namen der Geschichte geschieht. Es ist doch absurd, wenn Historisches im Namen der Geschichte eliminiert wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es Ihrer Meinung nach dazu?

Koolhaas: Weniger aus Ignoranz, denn aus Intoleranz. Es dominierte ein sehr dogmatischer Blick auf die Stadt Berlin, der die Spuren der im Kalten Krieg bekämpften Ideologie aus dem Organismus der Stadt entfernen wollte. Der Abriss des Palastes der Republik war zudem die Rache für den Abriss des Schlosses durch die Kommunisten. Für mich war es gleichwohl ein Verbrechen, den Palast der Republik nicht zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Klage kommt zu spät. Was sollte jetzt mit diesem Palast-Torso geschehen?

Stararchitekt Koolhaas: "Starke Konsistenz und Intensität"
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Stararchitekt Koolhaas: "Starke Konsistenz und Intensität"

Koolhaas: Den Palast der Republik jetzt wieder aufbauen zu wollen, wäre ebenso absurd wie die Pläne, das Schloss zu rekonstruieren.

SPIEGEL ONLINE: Es gab den Vorschlag, den Palast nicht abzureißen, sondern zu transformieren, mit neuer Architektur zu überformen. Wäre das eine Option?

Koolhaas: Der Palast war ein sehr dichtes Statement einer bestimmten Architektur, wobei das Äußere ebenso wichtig war wie etwa jede Lampe im Inneren. Vom großen zum kleinen Maßstab existierte eine starke Konsistenz und Intensität. Jetzt, wo dieses enorme Spektrum nicht mehr zu rekonstruieren ist, habe ich große Zweifel daran, ob es Sinn machen würde, den Rest des Palastes zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Also baldiger Abriss?

Koolhaas: Ich würde auch einen Abriss nicht empfehlen, denn er wäre ebenso künstlich wie seine Erhaltung. Aber sein derzeitiger zwiespältiger Zustand ist doch auch interessant. Der Palast ist eine Konstruktion mit ungewissem Status, die noch immer große Möglichkeiten bietet. Man sollte sich jetzt darauf konzentrieren, wie er sofort zu nutzen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Einerlei was in nächster Zukunft geschieht, der Bundestag hat die Rekonstruktion des Hohenzollernschlosses als Neubau hinter einer Barockfassade beschlossen. Kann diese Idee funktionieren?

Koolhaas: Es ist grundsätzlich eine traurige Idee, die aber vielerorts Anhänger findet. In Deutschland macht es zudem die Last der Geschichte schwer, rationale Entscheidungen zu treffen. Und natürlich ist die Idee, das Schloss wiederaufzubauen, der Versuch, eine historische Epoche auszuradieren - und gleichzeitig den Menschen in Ostdeutschland zu zeigen: Eure Leben waren nutzlos.

Palast der Republik: "Eure Leben waren nutzlos"
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Palast der Republik: "Eure Leben waren nutzlos"

SPIEGEL ONLINE: Sollte man generell überhaupt nicht historisierend rekonstruieren, so wie es im Falle des sehr populären neue Hotel Adlon am Brandenburger Tor geschehen ist?

Koolhaas: Ich persönlich denke, dass es ein Irrglauben ist, mit so einer Art von architektonischem Betrug ließe sich Geschichte zurückbringen oder überwinden. Aber meine Kritik wird zunehmend zur Position einer Minderheit. In Lissabon zum Beispiel wurde nach dem Brand eines Teiles der Altstadt die Rekonstruktion ebenfalls ins Auge gefasst - obwohl diese Versuche selten zu einem ästhetisch glaubwürdigen Ergebnis führen. Allerdings stelle ich in dieser Diskussion eine große Ermüdung und Verwirrung fest.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche und die Berliner Regierung wollen ein Humboldt-Forum mit Bibliotheken, Sammlungen und Konferenzräumen an der Stelle des Palastes sehen. Halten Sie das für eine sinnvolle Nutzung?

Koolhaas: Das hielte ich für eine sehr angemessene Nutzung, doch sie würde nicht durch die Architektur des rekonstruierten Schlosses unterstützt, sondern in eine Zwangsjacke gesteckt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie selbst frei entscheiden könnten, was würden Sie am Schlossplatz tun?

Koolhaas: So sehen wir Architekten die Welt nicht. Wir reagieren auf Vorgaben von Bauherren, wenn wir dazu eingeladen werden.

SPIEGEL ONLINE: Also einfach abwarten, bis der Staat als Bauherr am Schlossplatz klare Devisen ausgibt?

Koolhaas: Es gibt offenbar keine wirkliche Dringlichkeit, diese provisorische Situation am Schlossplatz schnell zu überwinden. Wenn es ein echtes Bedürfnis nach einer Nutzung gäbe, würden sich all diese endlosen Diskussionen um den Schlossplatz schnell als Attrappe erweisen.

Interview: Michael Sontheimer



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