Interview mit ARD-Programmchef Günter Struve "Man hat gegen uns gearbeitet"

Gebührendebatte, EU-Kritik, Schleichwerbungsskandal: Die ARD kommt aus den Negativschlagzeilen nicht mehr heraus. SPIEGEL ONLINE sprach mit Programmdirektor Günter Struve über Imageschäden, Product Placement und verkürzte Politik-Formate.


ARD-Programmdirektor Struve: "Ich sehe die Vorwürfe gelassen"
DDP

ARD-Programmdirektor Struve: "Ich sehe die Vorwürfe gelassen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Struve, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat den Schleichwerbungsskandal als "Watergate der ARD" bezeichnet. US-Präsident Richard Nixon musste damals zurücktreten - wessen Kopf rollt nun bei der ARD?

Struve: Bei der ARD wird kein Kopf rollen, wie es allerdings auf Produzentenseite ist, das müssen die Gesellschafter bestimmen. Der Unterschied zu Watergate ist, dass Nixon vom Einbruch in die Parteizentrale der Demokraten gewusst, wenn nicht gar den Auftrag gegeben hat. Die ARD dagegen hat nichts gewusst und vertraglich Schleichwerbung ausschließen lassen. Man hat wissentlich gegen uns gearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Nichts gewusst? Das klingt angesichts von zehn Jahren Schleichwerbung bei "Marienhof" kaum vorstellbar.

Struve: Normale Product Placements zu erkennen ist nicht schwer. Ganz anders aber sieht das bei sogenannten Themen-Placements aus. Wenn ich Ihnen, der Sie ein kritischer Mensch sind, vier Stunden 'Marienhof' vorspielen und sogar vorher sagen würde, dass es 20 von Interessengruppen platzierte Themen gibt - ich garantiere Ihnen, Sie würden kaum welche erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Die "Berliner Morgenpost" spricht von "Schlampigkeit" bei der Endabnahme Ihrer Auftragsserien.

Struve: Man geht einfach nicht davon aus, dass man von seinen Produzenten hintergangen wird. Wir haben uns auf den Produktionsvertrag verlassen, der keinen Zweifel daran lässt, dass Schleichwerbung auszuschließen ist. Der Produzent hat das unterschrieben, sich aber nicht daran gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von den Produzenten wie von einem Außenstehenden. Tatsächlich ist die Bavaria Produktionsgesellschaft aber eine ARD-Tochter, die nicht uneingeschränkt tun und lassen kann, was sie will.

Struve: Auch der Freistaat Bayern ist Gesellschafter bei der Bavaria Film, und nur vier von neun ARD-Landesanstalten zählen zum Gesellschafterkreis. Deshalb möchte ich strikt widersprechen, wenn Sie die Bavaria Film als unmittelbaren Teil der ARD bezeichnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihr Verhältnis zur Bavaria im Moment?

Szene aus "Marienhof" (mit Frank Rutloff, Annika Murjahn, Nina Louise, Alfonso Losa): "Einzelne Leute halten die Hand auf"
ARD / R.M. Reiter

Szene aus "Marienhof" (mit Frank Rutloff, Annika Murjahn, Nina Louise, Alfonso Losa): "Einzelne Leute halten die Hand auf"

Struve: Das Ganze ist eine Riesenenttäuschung. Ich bin nun fast 20 Jahre Programmdirektor und habe einiges erlebt, aber ich hätte Geld darauf gewettet, dass so etwas in dieser Größenordnung - dass eine große Produktionsfirma systematisch betrügt - nicht passieren kann. Was ich dagegen immer und täglich für möglich halte, ist, dass einzelne Leute die Hand aufhalten. Das kommt bei den Parteien, den Gewerkschaften und auch den Wohlfahrtsverbänden vor.

SPIEGEL ONLINE: Der Schleichwerbungsskandal ist nicht Ihr einziges Problem. Die ARD befindet sich im Rechtsstreit um die letzte Gebührenerhöhnung und soll zudem vor der EU-Kommission ihre kommerziellen Nebentätigkeiten offenlegen. Dennoch kürzen Sie jetzt zugunsten der Vorverlegung der "Tagesthemen" auch noch die imageträchtigen politischen Magazine.

Struve: Sowohl die "Tagesthemen" als auch die politischen Magazine werden durch die Maßnahme gewinnen. Das Erste ist in Europa nach wie vor das Programm mit dem größten Anteil an Meinungsmagazinen; wir haben davon deutlich mehr als etwa das ZDF oder auch die BBC.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass eine Vorverlegung tatsächlich Zuschauer bringt?

Struve: Jede Prognose auf die Zukunft ist ein Risikogeschäft. Es wird aber völlig vergessen, dass vor einem Jahr schon einmal ein Krieg tobte, als diese Magazine von 20.15 auf 21.45 Uhr verlegt wurden. Auch damals war von "Kastration" und "Niedergang" die Rede. Die Wirklichkeit hat das widerlegt. Die Magazine haben am Donnerstag absolut und relativ, bei Zuschauerzahl und Marktanteil, dazugewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Mikich von "Monitor" ist anderer Meinung: Sie wirft Ihnen einen Mangel "verlässlicher Analysen" vor.

Struve: Es ist legitim, dass die Macher der Magazine um den Erhalt der Sendezeit kämpfen. Trotzdem sollte man auf dieses Kriegsgeschrei angesichts des nur kleinen Opfers nicht allzu viel geben.

SPIEGEL ONLINE: Die Kürzung um ein Drittel der Sendezeit - ein kleines Opfer?

Struve: Als diese Magazine ihre Hochzeit hatten, da entfiel auf "Monitor" wesentlich weniger Sendezeit, als man sie im nächsten Jahr haben wird. Man muss doch die Kirche im Dorf lassen. In den achtziger Jahren gab es fünf Magazine auf einem Sendeplatz, also kam man lediglich alle fünf bis sechs, vielleicht auch nur alle sieben Wochen dran. Das ist heute anders. Und wenn die Intendanten die Vorverlegung der "Tagesthemen" in selten einmütiger Haltung beschließen, dann ist dieses Opfer vertret- und zumutbar.

SPIEGEL ONLINE: Auch Ihr Ausstrahlungsformat für die WM bedeutet ein Opfer - allerdings für die Zuschauer. Obwohl 85 Prozent der Haushalte noch im 4:3-Format empfangen, werden Sie 2006 im 16:9-Format senden.

Struve: Der Veranstalter, die Fifa, bietet es so an. Die ARD hat sich entschlossen, bei dem mitzumachen, was ZDF und Premiere tun.

"Monitor"-Redaktionsleiterin Sonja Mikich: "Dieses Opfer ist vertretbar"
WDR

"Monitor"-Redaktionsleiterin Sonja Mikich: "Dieses Opfer ist vertretbar"

SPIEGEL ONLINE: WM im Format 16:9 gegen besseres Wissen, Kürzung der Polit-Magazine und Schleichwerbung: Wie wollen Sie dem Zuschauer den Sinn von Gebühren finanziertem Fernsehen überhaupt noch vermitteln?

Struve: Den Zuschauer sehe ich in der Tat bei 16:9 betroffen, da allerdings sollte er einen Teil seiner Wut gegen die Fifa richten. Zum Thema Schleichwerbung haben wir in all den Jahren nicht einen einzigen Zuschauerhinweis erhalten ...

SPIEGEL ONLINE: ... was den Skandal aber nicht kleiner macht.

Struve: ... und bei den politischen Magazinen beziehungsweise den "Tagesthemen" kann ich beim Zuschauer nur Freude sehen darüber, dass er die Nachrichten nun eine Viertelstunde eher bekommt. Vieles mag zusammenkommen, einen Legitimitätsdruck erkenne ich aber nicht. Denn von der Mehrzahl dieser Themen ist weniger der Zuschauer als die Fachöffentlichkeit betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Und die meldet sich in Person von Stefan Raab zu Wort, der ARD und ZDF vorwirft, sich "bei den phantastischen Ideen der Privaten zu bedienen".

Struve: Diesen Blödsinn höre ich zum ersten Mal. Dass die Privaten - und nicht ARD und ZDF - die Plagiat-Anstalten sind, steht doch wohl außer Frage. Solche Vorwürfe sehe ich, nicht nur wegen meines Lebensalters und weil ich Schleswig-Holsteiner bin, sehr gelassen.

Das Interview führte Andreas Kötter



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