Philosophin Preciado "Der 'Playboy' funktioniert wie Disneyland"

Der "Playboy" als Wegbereiter des modernen Manns? Die Feministin Beatriz Preciado vertritt im Interview überraschende Thesen. Beispiele gefällig? Das Magazin war so wichtig wie Facebook, Männer erlernten dank Gründer Hugh Hefner das Shoppen, und die "Bunnys" sind mehr als nur Opfer.

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SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man als feministische Wissenschaftlerin dazu, ein Buch über Hugh Hefner und sein "Playboy"-Imperium zu schreiben?

Preciado: Ich war selbst von mir überrascht! Eigentlich forschte ich nur zu den technologischen und pharmakologischen Umbrüchen in den fünfziger Jahren in den USA. Die Erfindung der Pille, Ausbau der Telekommunikation oder die erste Mann-zu-Frau-Operation waren wichtige Veränderungen. Vor diesem Hintergrund und den repressiven Geschlechtervorstellungen während des Kalten Krieges rief Hugh Hefner den "Playboy" ins Leben. Wider Erwarten überschritt das Magazin bald eine Auflage von einer Million Heften und war in seiner gesellschaftlichen Relevanz heutigen Unternehmen wie Facebook vergleichbar.

SPIEGEL ONLINE: Was macht die Person Hugh Hefner für Sie so interessant?

Preciado: Er hat ein neues männliches Rollenmodell erfunden und selbst als dessen bestes und plakativstes Beispiel gedient. Der Playboy ist ein urbaner Junggeselle, der im Gegensatz zum Familienernährer und Bewahrer der Nation steht. Er ist häuslich, aber unverheiratet und verfolgt von seinem Bett aus die Welt. Dort arbeitet er, isst, trinkt und feiert Partys. Er konzipierte ein maskulines Zuhause, in dem sich die Playboy-Mentalität auch architektonisch entfalten konnte - ohne Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Für diese Zeit eine radikale Idee.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte denn die Phantasie eines einzelnen Mannes überhaupt salonfähig werden und ein Unternehmensimperium begründen?

Preciado: Ein Schlüssel liegt in der Umdeutung des Konsums. Der galt bis zum Start des Magazins als weibliche Gewohnheit. Der "Playboy" schuf einen für Männer akzeptablen Weg des "going shopping", in dem er Konsum mit der Produktion von Lifestyle verband. Telefone, Kameras oder Stereoanlagen, die dem Zeitvertreib und der Arbeit dienten: Sie wurden ästhetisch ansprechend in das Single-Mann-Apartment integriert. So wurde das rotierende Bett zu einer Art operativer Kommandozentrale. Wie das genau auszusehen hatte, wurde in den Fotoreportagen des Hefts vorgestellt. Um den Verdacht des Weiblichen oder Homosexuellen abzuschütteln, brauchte es zum Ausgleich dann die Pornografie. Die Playmates, die gleich nach den Fotoreportagen die Hüllen fallen ließen, erotisierten das Wohnumfeld und kennzeichnen sie als heterosexuell.

SPIEGEL ONLINE: Hugh Hefner beschreibt die Wirkung des "Playboy" als eine sexuelle Revolution, die er mit postkolonialen oder antirassistischen Kämpfen gleichsetzt. Sehen Sie auch Revolutionäres im "Playboy"?

Preciado: Nein, es ist zu hoch gegriffen, von einer sexuellen Revolution zu sprechen. Allerdings steht der "Playboy" klar im Gegensatz zur Kleinfamilie, die im Eigenheim in der Vorstadt die monogame Heterosexualität pflegt. Diesen Bruch propagierte Hefner und führte den unverbindlichen Sex und die massenhafte Herstellung auch pornografischer Bilder ein. Er machte seine Vorstellung von Männlichkeit zu einem Modell, das massentauglich konsumiert werden konnte. Er führte den horizontalen Arbeiter ein, der vom Bett aus die Welt durch technische Apparaturen hereinholt und sein Leben über die installierten Videokameras nach außen projiziert.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat der "Playboy" also doch etwas verändert.

Preciado: Sinnvoller ist es, von einer ökonomischen Revolution zu sprechen. Von einer Pornotopie. Einem medial bearbeiteten und verwerteten utopischen Themenpark, der sich von Hefners Villen über die Playboy-Clubs bis zu seinem Flugzeug "Big Bunny" erstreckte, so dass er, seine Mitarbeiter und die Bunnys immer gleichzeitig "zu Hause" und unterwegs im Auftrag der Pornotopie waren.

SPIEGEL ONLINE: Eine Ihrer Thesen lautet, dass die "Playboy"-Pornotopie Arbeit, Freizeit und Lust in eins setzte. Finden sich in den heutigen Arbeitsverhältnissen Spuren hiervon?

Preciado: Hefners Methoden, in seinem Unternehmen die Effizienz durch Drogenkonsum oder Sexpartys zu steigern, können so nicht übertragen werden. Aber die hierin angelegten Ideen lassen sich in den aktuellen Leitbildern der Arbeitswelt wiederfinden: intim, medial vernetzt und mehrwertproduzierend sollen wir sein, allesamt horizontale Arbeiter, die nicht mehr wissen, ob sie gerade arbeiten oder nicht. Was ist real? Was ist fiktional? Arbeit hat heute die Tendenz, Sexualität, Ideen und Kommunikation miteinander zu verbinden. Die eigene Lust ist der Antrieb dieses grenzenlosen Arbeitens.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern findet die "Playboy"-Männlichkeit in heutigen Geschlechterbildern Widerhall?

Preciado: Vor allen Dingen bei jungen Mädchen, die Klamotten mit dem Häschen-Logo kaufen. Das ist in gewisser Weise lächerlich. Wie können Frauen sich hiermit identifizieren? Eine Erklärung ist, dass der "Playboy" ähnlich wie Disneyland als Themenpark funktioniert. Die Arbeit, auch die Sexarbeit, verschwindet hinter vergnüglichen und auch harmlosen pornografischen Inszenierungen. Auf der anderen Seite werden Geschlechterbilder derzeit nicht in Frage gestellt, mehr noch, die konservativen Modelle der fünfziger Jahre werden wieder ausgegraben und zementiert. So feiert beispielsweise die Serie "Mad Men" Erfolge, obwohl Frauen als dumm dargestellt werden.

SPIEGEL ONLINE: Frauen werden im "Playboy" als Bunnys, Playmates oder "Mädchen von nebenan" tituliert. Sie müssen sich an ein Bunny-Handbuch halten, gehen als "Freundinnen" mit den Männern in Suiten und tragen die immer gleichen Kostüme. Warum muss die Sexarbeit im "Playboy"-Universum verschleiert werden?

Preciado: Die beiden Pole Prostituierte und Ehefrau werden verdammt. Das Playmate hat dagegen einfach Spaß am Sex, sucht ihn sich zwanglos und erfreut sich an der Inszenierung einer erotischen Atmosphäre. Das ist die Idee. Aber die Realität in der "Playboy"-Mansion oder den Clubs sieht anders aus. Die Kameras erstellen durchchoreografierte Bilder, die vielfach mit der Schlüssellochoptik arbeiten. Mädchen, die selbstvergessen duschen, halb angezogen im Bürostuhl lehnen oder ahnungslos im Bett spielen - das sind Phantasien und fiktionale Identitäten, die bebildert werden. Die die Bunnys aber auch mitinszenieren.

SPIEGEL ONLINE: Noch heute bedeutet für viele Frauen das Ausziehen im "Playboy" einen Karrieresprung. Was macht das Heft so attraktiv?

Preciado: Es ist immer noch ein Weg, bekannt zu werden, Geld zu verdienen und am Luxusleben teilzuhaben. Viele Models sind mit dem Wunsch aufgewachsen, in einem pinkfarbenen Raum mit Chihuahuas zu leben und können ihn sich als Bunny in der "Playboy"-Mansion erfüllen. Natürlich um den Preis, eine Fiktion zu verkörpern und die Pornotopie am Laufen zu halten. Während der Arbeit zum Buch schrieben mir mehr als 40 ehemalige Playmates und Bunnys. In ihren Erzählungen verweisen sie sehr oft auf eine aktive Rolle im Hugh-Hefner-Themenpark, die über das reine Häschen-Sein hinausgeht. Aber die Hauptperson, um die sich alles dreht, bleibt der Playboy.

SPIEGEL ONLINE: Das "Playboy"-Unternehmen musste im letzten Jahrzehnt erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Kommt der "Playboy" aus der Mode?

Preciado: Das Internet hat den "Playboy" getötet. Jede kann jetzt das Mädchen von nebenan sein, Fotos und Filme von sich ins Netz stellen und sich vermarkten. Aber schon der breitere Gebrauch von Videotechnik in den Achtzigern kratzte am Imperium und ließ die Bildsprache des "Playboy" als überholt erscheinen. Dennoch beeinflusst die "Playboy"-Methode, also diese spezielle Verbindung von Konsum und Pornografie, unser heutiges, komplett vernetztes Leben.

Buchtipp

Das Interview führte Kendra Eckhorst



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 21.03.2012
1. So ein Quatsch....
Zitat von sysopGetty ImagesDer "Playboy" als Wegbereiter des modernen Manns? Die Feministin Beatriz Preciado vertritt im Interview überraschende Thesen. Beispiele gefällig? Das Magazin war so wichtig wie Facebook, Männer erlernten dank Gründer Hugh Hefner das Shoppen, und die "Bunnys" sind mehr als nur Opfer. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,822387,00.html
...der Playboy war schon immer so teuer, dass nur wenige ihn kauften. Als ich zu DM Zeiten in einem Supermarkt mit Zeitschriftenabteilung arbeitete, wurden genau 3 Playboys pro Ausgabe verkauft....andere Sexheftchen wie Coupe oder Dickerchen liefen dagegen 10-15 x über die Theke...angucken tut man sich das sicher gern...aber zum kaufen ist er schon immer zu teuer...deshalb ist die verkaufte Auflage auch nicht so hoch (das meiste wird als Retoure eingestampft)....alles nur Mediengelabber...was soll ein Heftchen groß verändern das keiner liest oder sich höchstens mal die Bildchen anschaut...und wenn mans tatsächlich kauft...wer liest den die Artikel??? das war doch schon immer der "running Gag"...
Karsten Scholz 21.03.2012
2. Genau
Zitat von fatherted98...der Playboy war schon immer so teuer, dass nur wenige ihn kauften. Als ich zu DM Zeiten in einem Supermarkt mit Zeitschriftenabteilung arbeitete, wurden genau 3 Playboys pro Ausgabe verkauft....andere Sexheftchen wie Coupe oder Dickerchen liefen dagegen 10-15 x über die Theke...angucken tut man sich das sicher gern...aber zum kaufen ist er schon immer zu teuer...deshalb ist die verkaufte Auflage auch nicht so hoch (das meiste wird als Retoure eingestampft)....alles nur Mediengelabber...was soll ein Heftchen groß verändern das keiner liest oder sich höchstens mal die Bildchen anschaut...und wenn mans tatsächlich kauft...wer liest den die Artikel??? das war doch schon immer der "running Gag"...
Genau dies ist der Punkt. Es sollten keine Coupeleser den Playboy kaufen. Es wird und wurde immer auf den Mann mit der Brieftasche gezielt. In den 70er wurden schon 800,00 Mark für eine Flasche Jonny Walker im Playboyclub fällig. Keiner der angebotenen und beworbenen Produkte im Heft waren günstig zu haben. Einen Jaguar wird man eben nicht bei Wohnblockbewohnern finden.
P.Delalande 21.03.2012
3. Frauen werden als dumm dargestellt?
"So feiert beispielsweise die Serie "Mad Men" Erfolge, obwohl Frauen als dumm dargestellt werden." Dazu braucht es doch die "Mad Men" überhaupt nicht, "Philosophin" Preciado schafft das ohne Probleme selbst.
Zhiyal 21.03.2012
4. allzu schlichte Wahrnehmung
Ihrer Ansicht zufolge sollte es also grundsätzlich keine Historiker geben? Die arbeiten nämlich mehrheitlich zu Epochen, die sie nciht selbst erlebt haben. Und Wissenschaftler sollen sich nur mit Themen beschäftigen, die der eigenen Erfahrung entsprechen - heißt das Berufsverbot für männliche Gynäkologen? Sie haben selbst offensichtlich keine Erfahrung in wissenschaftlicher Arbeit, sonst wüssten Sie, wie absurd eine solche Forderung ist. Offensichtlich entsprechen die Thesen von Preciado nicht ihrer bevorzugten Wahrnehmung von sich selbst. Sie aufgrund des Alters bzw. Geschlechtes der Philosophin abzulehnen lässt Sie aber als jemanden dastehen, der lieber emotional-subjektiv als sachlich argumentiert. Gilt sowas nicht normalerweise als typisch weiblich?
felisconcolor 21.03.2012
5. Das sexuelle Verständnis
Zitat von sysopGetty ImagesDer "Playboy" als Wegbereiter des modernen Manns? Die Feministin Beatriz Preciado vertritt im Interview überraschende Thesen. Beispiele gefällig? Das Magazin war so wichtig wie Facebook, Männer erlernten dank Gründer Hugh Hefner das Shoppen, und die "Bunnys" sind mehr als nur Opfer. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,822387,00.html
eines Playboy Lesers und eines Coupe Lesers trennen Welten. Im Playboy ist Sex etwas schönes was zelebriert werden muss und soll. dazu gehört auch ein entsprechendes Ambiente. Was sich auf den ersten Blick nicht von dem Sexuellen des Coupe Lesers unterscheidet. Auf dem zweiten Blick dann schon. Der eine zelebriert ihn auf den Sitzen eines R6, der andere nimmt seine Freundin auf der Rückbank seines tiefergelegten und aufgemotzen Golf 1. Für den einen ist der schwere Rote als Zutat ein muss für den anderen tut es auch eine Büchse Hansa Pils. Aber während der Playboy Leser durchaus zu seiner luxuriösen Sexualität steht, verkommt es bei dem anderen zu einem abhaken von Wanderpokalen über die man bei Kumpels prahlt aber sonst zuhause verschämt diese Thema lieber nicht anrührt. Das alles geht natürlich nicht ohne ein etwas gehaltvolleres Portemonaie. Und das zeichnet sich auch immer im Playboy ab. Guter Sex ist eben etwas was es nicht bei Karstadt auf dem Grabbeltisch gibt.
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