Fotoserie über Brasiliens Megacity Der Wahnsinn heißt São Paulo

"São Paulo ist dreckig, überbevölkert, und je weiter man rausfährt, desto grauer wird es": Der World-Press-Award-Preisträger Carlos Cazalis hat einen neuen Bildband veröffentlicht. Seine Fotos zeigen unermesslichen Luxus, bittere Armut und den Wahnsinn der brasilianischen Millionenmetropole.

Carlos Cazalis

Carlos Cazalis, geboren 1969 in Mexico City, fotografiert seit 2005 für sein "Urban Meta Project" die Megacitys der Welt wie Dhaka, Osaka oder Mexico City. In seinem Bildband "Occupy São Paulo" zeigt er nun die Gegensätze der brasilianischen Megacity: den Überlebenskampf, das Chaos, den Reichtum, vom durch Favela-Bewohner besetzten Hochhaus im Zentrum bis zur abgeschotteten Gated Community in den Suburbs. 2008 erhielt Cazalis den renommierten World Press Photo Award für seine Arbeit über Obdachlose in São Paulo .

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Bildern ist São Paulo eine sehr düstere Stadt. Ist sie das wirklich? Oder haben Sie sie nur so fotografiert?

Cazalis: São Paulo ist dreckig, überbevölkert, und je weiter man rausfährt, desto grauer wird es. Andererseits ist Brasilien sehr farbenfroh - Schwarzweißfotografie hätte nicht gepasst. Ich habe die Bilder deshalb farblich ein wenig entsättigt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Ihr Buch "Occupy São Paulo" genannt?

Cazalis: Weil es im Grunde von der Besetzung von Ländereien, Gebäuden und städtischem Raum handelt - durch die Armen genauso wie durch die Reichen.

SPIEGEL ONLINE: Reiche als Besetzer?

Cazalis: Ich beschreibe das am Beispiel Alphaville, ein riesiger Komplex von Gated Communities, der auf öffentlichem Land gebaut ist. Jeder Brasilianer hat theoretisch das Recht, dort herumzulaufen - bloß dass die Security einen dort nicht hereinlässt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in vielen Megacities fotografiert - schotten sich die Wohlhabenden nicht überall vom Rest der Stadt ab?

Cazalis: Das stimmt. Die Megacity ist ein großartiges kreatives Phänomen, aber eben auch ein Wahnsinn, vor dem sich die Reichen schützen. Andererseits lebt ein Stadtteil wie Alphaville auch von den umliegenden Slums. Jeden Tag kommen 35.000 Leute aus den Favelas, um dort zu putzen, auf die Kinder und Haustiere aufzupassen, in den Gärten zu arbeiten und so weiter. Und nach der Arbeit gehen sie wieder.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch in einer Favela, der bitterarmen Zona Leste von São Paulo, fotografiert. Wie sind Sie dort mit den Leuten in Kontakt gekommen?

Cazalis: Ein Ex-Gangmitglied hat mich einen Tag lang herumgeführt und allen vorgestellt. Dann hat er gesagt: "Jetzt musst du allein klarkommen." Ich habe versucht, so viel Zeit wie möglich dort zu verbringen - manchmal zwei Wochen am Stück. Geschlafen habe ich auf einer Matratze in der Bibliothek oder auf irgendeinem Sofa.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht schwer, in der Beobachterposition zu verharren, wenn man dort lebt? Sie haben dort ja sicher Freundschaften geschlossen, will man denen dann nicht auch helfen?

Cazalis: Ja, man berät sie, gibt ihnen vielleicht auch ein bisschen Geld. Ich habe zum Beispiel mit einem anderen Fotografen ein Mädchen unterstützt, das sehr schlau und aktiv war. Wir haben jemanden engagiert, der sie zur Schule bringt. Leider konnte die Frau das irgendwann nicht mehr machen, und das Mädchen musste mit der Schule aufhören. Man kann Leute ohnehin nicht retten. Man kann sie erziehen - aber jeder muss seinen eigenen Weg finden. Selbst wenn ich jemandem aus der Armut helfe, mache ich aus ihm keinen besseren Menschen - höchstens einen Menschen, dem es ökonomisch besser geht.

SPIEGEL ONLINE: Was ja bisweilen helfen soll. Aus Ihren Fotos wird deutlich, dass Armut nicht das einzige Problem der Favelas ist - es geht auch um Alkoholismus, Drogen, Teenager-Schwangerschaften und anderes.

Cazalis: Ich erzähle Ihnen die Geschichte von Don Izete: Er ist der Sohn einer Frau, die mit fünf Kindern aus dem bitterarmen Nordosten Brasiliens kam, auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Ihr Sohn Izete wurde Alkoholiker, und sie brachte ihn in einer Hütte neben ihrem Haus unter, da ist gerade mal Platz für sein Bett. Manchmal füttert sie ihn durch ein Fenster, weil er gewalttätig wird, wenn er betrunken ist. Auf einem meiner Fotos sieht man, wie er seinen toten Hund trägt. Jemand hat ihn vergiftet, und er hat ihn einfach auf einem Müllhaufen vor dem Haus eines Nachbarn abgelegt. Die Mutter musste dann seine Brüder schicken, damit die den Hund wieder abholen - sie haben ihn ins Flussbett geworfen. Manchmal wissen die Leute da wirklich nicht, was sie machen. Wenn er nüchtern war, saß Don Izete einfach stumm in einer Ecke. Die Familie wusste auch nicht, was sie mit ihm machen sollte. Mit der Hilfe einer evangelikalen Kirche - die sind in den Favelas sehr aktiv - haben sie ihn immer wieder in eine Suchtklinik geschickt. Aber er ist jedesmal ausgebüxt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die evangelikalen Kirchen gut für die Favelas?

Cazalis: Die Evangelikalen nutzen die Leute auch für ihre wirtschaftlichen und ideologischen Ziele aus. Aber sie besetzen ein Vakuum, das eigentlich der Staat ausfüllen müsste. Eines der Bilder in "Occupy São Paulo" zeigt, wie sich ein Geschwisterpaar in den Armen liegt - das ist eine evangelikale Zeremonie, in der die junge Frau ihrer kriminellen Vergangenheit abschwört. Sie war Teil einer Gang und war in eine Schießerei mit der Polizei geraten, in der einer ihrer Kameraden starb. Sie konnte entwischen - und hat danach entschieden, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Die Evangelikalen haben ihr dabei geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch in einem der vielen besetzten Häuser im Zentrum von São Paulo fotografiert.

Cazalis: Das war im Prestes Maia, eine verlassene Textilmanufaktur, die 2005 von der Obdachlosenbewegung Movimento Sem Teto do Centro besetzt wurde. Die Bewegung kommt aus den Favelas. Viele der Besetzer arbeiten als Straßenverkäufer. Sie sagen: Wenn wir in den Favelas der Peripherie wohnen, brauchen wir drei Stunden, um ins Zentrum zu kommen. Als sie das Gebäude besetzten, standen über 40.000 Gebäude in der Innenstadt leer.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2008 den World Press Award in der Kategorie "Contemporary Issue Stories" gewonnen für eine Bilderserie mit Menschen, die auf der Straße schlafen. In Ihrem Buch über São Paulo finden wir die Obdachlosen auch. Was interessiert Sie an dem Motiv?

Cazalis: Der obdachlose Schläfer ist in gewisser Weise der originäre Stadtbewohner - er wohnt nicht in einem Gebäude, er wohnt auf dem nackten Boden. Ich fotografiere diese Schläfer auch, um zu zeigen, wie alltäglich sie für uns geworden sind - sie sind für uns wie eine Möblierung der Stadt. Ich habe festgestellt, dass es sie oft sehr glücklich macht, wenn man einfach mal "Guten Morgen" sagt und fragt, ob sie was brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Drei Jahre lang Obdachlose, Favelabewohner und abgeschottete Gated Communities zu fotografieren - das muss doch an die emotionale Substanz gehen.

Cazalis: Das Buch ist voller Geschichten von Leuten, die darum kämpfen, ein Zuhause haben zu können - das ist auch ein Teil von mir. Meine Familie ist immer unterwegs gewesen, seit ich vier Jahre alt bin, wegen der Arbeit meines Vaters. Und auch als Erwachsener war ich immer sehr rastlos. Als stabile Persönlichkeit allerdings gilt nur jemand, der ein Zuhause mit Dach und vier Wänden hat, verheiratet ist, Kinder hat und einen Job. Ich will das in Frage stellen. Manche von den Obdachlosen schienen mir durchaus glücklich zu sein, und ich habe andererseits viele Superreiche erlebt, die keine Freude an ihrem Luxus hatten - weil der Vater täglich mehrere Stunden im Stau steckt und die Frau allein in einem riesigen Haus sitzt. Wozu ist so ein Zuhause gut?

www.seenby.de

Das Interview führte Christoph Twickel

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.