Fotojournalist Wulff: "Jedes Porträt ist manipuliert"

Von Steve Jobs bis Sigmar Gabriel: Thorsten Wulff hatte sie alle vor der Kamera. Im Gespräch verrät der Lübecker Fotograf, was er bei seiner Arbeit am meisten hasst und wie ein perfektes Porträt in 90 Sekunden gelingt.

Thorsten Wulff: "Ein perfektes Fotogesicht" Fotos
Thorsten Wulff

SPIEGEL ONLINE: Herr Wulff, ich hasse es, fotografiert zu werden, und wir haben nur ein paar Minuten Zeit. Wie kriegen Sie trotzdem ein gutes Porträtfoto von mir?

Wulff: Erst mal breche ich das Eis mit Marzipanherzen von Niederegger. Dann plaudern wir ein bisschen. Ich bin so etwas wie der optimale Kandidat für Günther Jauch, voll mit fundiertem Halbwissen zu Gott und der Welt. Also verwickele ich Sie in Smalltalk, und dazwischen macht es klick - und ich habe das Bild. Entweder das beste Foto ist unter den ersten zehn oder man hat ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Das funktioniert wirklich?

Wulff: Ja. Bei Eugen Ruge, der vergangenes Jahr den Deutschen Buchpreis gewann, war es genau so. Er lässt sich nicht gern fotografieren, und es gab ein älteres Porträt von ihm, sonst nur Bilder aus Talkshows, wo er sich gerade die Nase putzt oder aufsteht. Als er zu einer Lesung nach Lübeck kam, schenkte ich ihm Marzipan, versprach, es würde nur zwei Minuten dauern, und ging mit ihm raus zu einer Gruppe Birken. In dem Moment brach der graue Wolkenhimmel auf, ich machte neun Bilder, drei davon waren gut. In 90 Sekunden waren wir fertig. Er konnte es kaum glauben.

SPIEGEL ONLINE: Drei gute Bilder in 90 Sekunden - keine schlechte Ausbeute...

Wulff: Bei Hardy Krüger hatte ich nur 23 Sekunden. Da ist es natürlich Glückssache. Aber jemand, der mit John Wayne und Jimmy Stewart gedreht hat, hat ein perfektes Fotogesicht, das er spontan hervorholen kann. Schauspieler haben diese Grundunsicherheit nicht. Die wissen genau, wie sie gucken und aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Bekam Hardy Krüger auch Marzipan?

Wulff: Ja, und den Soundtrack von "Hatari", das ist der Film, in dem er neben John Wayne spielte. Man muss eine Atmosphäre schaffen, den Türöffner finden. Vor allem bei medienunerfahrenen Leuten ist diese Unsicherheit da: Ist die Lippe schief, hängt was an der Nase? Aus dieser Stimmung muss man sie erst mal rausholen. Das ist die Kunst. Ich unterhalte mich in erster Linie und mache beiläufig meine Bilder.

ONLINE: Für den Rowohlt Verlag machen Sie Porträts für Sachbücher: Aufnahmen von der Poetry-Slam-Queen, dem Neonazi, der Priester wurde, vom Gerichtsmediziner und vom Philosophen. Worüber sprechen Sie da?

Wulff: Ich habe immer ein paar Sekunden, um den Menschen einzuschätzen. Es ist eine sehr intuitive Geschichte. Ich bereite mich gut vor, und irgendwas hole ich immer an Wissen hoch, ohne dass das Geschwafel ist. Damit zeige ich, dass ich mich wirklich für die Leute interessiere. Als ich den Philosophen Philipp Hübl in Berlin fotografierte, haben wir darüber diskutiert, ob der freie Wille nur eine Illusion ist.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit ist es eine Illusion, dass ein Porträt ein wirkliches Abbild des Porträtierten ist?

Wulff: Ich fotografiere die Person, die ich zu sehen glaube, und wenn ich Glück habe, sieht dieser Mensch sich selbst auch so. Von Richard Avedon stammt der Satz: "All photographs are accurate, none of them is the truth." Jedes Porträt ist in gewisser Weise manipuliert. Für die Buchcover muss ich sogar noch Platz für den Titel mitdenken und so was. Meine Verantwortung besteht darin, trotzdem ein reales Bild der Person abzuliefern.

SPIEGEL ONLINE: Mit welcher Technik gehen Sie zu einem solchen Porträttermin?

Wulff: Ich arbeite am liebsten flexibel, mit meiner Nikon, 85mm-Objektiv, Blende 1,4, und dem vorhandenen Licht. Mein amerikanischer Kollege Vincent Laforet nennt das: KISS. Keep It Simple, Stupid. Ich bin ein Freund von Festbrennweiten und habe das nie als Beschränkung empfunden. Ich laufe dann eben mehr herum, statt am Zoomring zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Helmut Kohl Sie zum Fotojournalismus gebracht hat?

Wulff: Eigentlich war ich Grafikdesigner, fotografiert habe ich nur nebenbei. Ich wuchs mit Kanzlern wie Brandt und Schmidt auf, Kohls geistig-moralische Wende 1982 hat mich über Nacht politisiert. Schmidts Pragmatismus wurde ersetzt durch Kohls bleierne Bräsigkeit. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete, bei der Beerdigung von Uwe Barschel, hat er mich angemault, weil ich zu meinem schwarzen Boss-Anzug schwarzweiß karierte Skaterschuhe trug. Wir sind keine Freunde geworden. Aber ich wurde Fotojournalist, um gegen den konservativen Stumpfsinn anzufotografieren. Hat nicht viel gebracht, jetzt haben wir Merkel.

SPIEGEL ONLINE: Wenden Sie sich deshalb inzwischen statt dem politischen Theater lieber dem klassischen zu? Seit fünf Jahren fotografieren Sie in Lübeck Oper und Schauspiel...

Wulff: In der Theaterfotografie kann ich ganz den Leitsätzen meiner beiden großen Vorbilder Henri Cartier-Bresson (finde den "entscheidenden Augenblick") und Robert Capa ("Ist ein Bild nicht gut genug, bist du nicht dicht genug dran") folgen - und muss mich nicht mit Hunderten anderer Fotografen um das beste Merkelbild schlagen. Die erste Hauptprobe ist nur für mich.

SPIEGEL ONLINE: In einem Szenenfoto aus dem Stück "Yerma" haben Sie exakt den Moment festgehalten, in dem die Schauspielerin den Kopf mit ihrem nassen Haar emporreißt: Die Wassertropfen bilden einen Bogen, das Haar steht wie ein Turm. Wussten Sie da, was kommt?

Wulff: Ich versuche die Situation zu erraten, bevor sie passiert. Denn es ist nicht so, dass der Dramaturg mir vorher sagt: Nach einer Stunde und drei Minuten spritzt Blut - oder Wasser. Ich kenne das Stück nicht. Aber in meinem Kopf sehe ich die Linien fliegen, ich weiß, der kommt gleich von da und die wird das tun - und ich muss es erwischen, wenn das alles kulminiert. Es ist, wie eine Demo auf der Straße zu fotografieren. Die Angst ist groß, das Bild zwar zu sehen, aber nicht zu erwischen.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah gehen Sie dafür ran?

Wulff: Wenn ich möchte, kann ich auf der Bühne rumlaufen, aber das mache ich nicht gerne, weil es die Probe doch stört. Ich fotografiere am liebsten mit dem Weitwinkel vom Bühnenrand aus. Mein Ziel ist es, drei oder vier Bilder zu machen, die das ganze Stück erfassen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht dabei die größten Schwierigkeiten?

Wulff: Das Licht. Schauspieler rennen auf der Bühne ständig von sehr helle in dunkle Ecken und umgekehrt. Da bringt die Kameraautomatik gar nichts. Ich belichte manuell, stelle Zeit und Blende ein. Und meine Kamera ist immer auf 3200 ISO, um darauf gefasst zu sein, wenn es dunkel wird. Das ist dann total scharf. Mit Blitz arbeite ich ungern, da ich lieber unauffällig sein möchte. Vor kurzem habe ich aber auch mit 12.800 ISO fotografiert, weil die einzige Lichtquelle auf der Bühne eine Kerze war. Ganz blöd sind Neonröhren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wulff: Der Kamerachip registriert den Abbrennprozess der Röhren. Da ist auf einem Bild die Wand grün, auf dem nächsten blau, dann graublaugelb und auf dem vierten dann weiß. Da muss man hinterher ran. Im Theater-Studio geben die Scheinwerfer, die auf die Holzpaneelwände fallen, ein bräunliches Licht, das so über die Aufnahmen wabert. Da muss man auch dran drehen. Kein Bild kommt bei mir unbearbeitet aus der Kamera in Umlauf. Ich verändere die Farben, intensiviere die Kontraste. Das mache ich meistens in meiner Stammkneipe.

SPIEGEL ONLINE: Direkt nach der Theaterprobe?

Wulff: Ja, die Kneipe Cole Street liegt gegenüber vom Theater. Dort mache ich mein erstes Bier auf, kopiere die Bilder, bearbeite sie - immer mit Lightroom von Adobe. Dann kommen die Schauspieler von ihrer Nachbesprechung, 50 Leute starren auf meinen Bildschirm. Das ist sofort ein super Feedback. Dann suchen wir die Bilder aus, die ins Programmheft kommen, und die, mit denen das Stück beworben wird. Es ist wie bei den Porträts ein unheimlicher Glücksmoment, wenn die Leute sich gut getroffen fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Ich hasse das Fotografiertwerden - was hassen Sie beim Fotografieren am meisten?

Wulff: Dass ich manchmal Bilder sehe, die ein perfekter Schuss hätten werden können, die ich aber nicht erwischt habe. So ein verpasstes Bild verfolgt mich wochenlang.

Das Interview führte Daniela Zinser


Die Theaterfotografie von Thorsten Wulff ist in Lübeck ausgestellt. Die Bühnenaufnahmen sind in der Kneipe Cole Street (Beckergrube 18) zu sehen, die Backstage-Bilder nebenan im Theater-Restaurant Dülfer (Fischergrube 5, Lübeck).

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Wulff fotografiert die Wulffs
stranzjoseffrauss 28.10.2012
... wäre doch mal was!
2. Welcher Rechner?
michael-kleinespel 28.10.2012
Sehr aufschlussreiches Gespräch. Mich würde interessieren, welchen Rechner Herr Wulff in seiner Kneipe verwendet.
3. Mir gefallen
diskantus 28.10.2012
durchwegs die Bildbearbeitungen der Porträts nicht. Da wird versucht, mehr rauszuholen, als in den Bildern drinnen ist. Da wird auch auf Mode gepocht, weil es modern ist, heute kontrastreich zu bearbeiten oder eine Farbnuance draufzulegen. Viel zu viel SilverEfex. Bilder werden davon nicht besser, sondern im Gegenteil.
4. Danke
WolfHai 28.10.2012
Zitat von sysopIm Gespräch verrät der Lübecker Fotograf ... wie ein perfektes Porträt in 90 Sekunden gelingt.
Schönes Interview! Wulffs Vorgehen ähnelt meiner für den Familienkreis, deshalb habe ich mit seinen Hinweisen etwas anfangen können. Danke!
5. ISO-Automatik
mulhollanddriver 28.10.2012
Ein sehr angenehmes Interview. Die hier gezeigten Fotos würde ich anders machen, bei einigen fehlt mir die Farbe, andere sind mir farblich zu überdreht. Das ist letztendlich Geschmackssache. Gerade bei wechselndem Licht finde ich die ISO-Automatik der D4 bzw. deren Vorgänger sehr hilfreich und greife darauf zurück.
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Zur Person
  • Thorsten Wulff
    Thorsten Wulff, Jahrgang 1965, ist in Lübeck aufgewachsen, wo er auch heute wieder lebt. Er ist Grafikdesigner und Fotograf und stand immer an der Schnittstelle zwischen Technik und Kunst, etwa durch seine Arbeit fürs Magazin "Wired". Seine fotografischen Lehrmeister waren Robert Lebeck und Thomas Höpker. Seine Aufnahmen erschienen unter anderem in "Tempo" und im "ZEIT-Magazin". Für den Rowohlt Verlag porträtiert er Sachbuchautoren, für das Theater Lübeck fotografiert er Schauspiel und Oper. Seine Arbeit, sagt er, wäre ohne das Bearbeitungsprogramm Adobe Lightroom nicht möglich. Über Lightroom hat er Bücher geschrieben, zuletzt: "Lightroom 3: Workflow für anspruchsvolle Digitalfotografen", Markt+Technik Verlag.