Interview mit Else Buschheuer, Teil 2 "Da war ich völlig schmerzarm"

Im zweiten Teil des SPIEGEL-ONLINE-Interviews verrät Else Buschheuer, wie man prominent wird, wie man sich als Meteorologin beim Privatfernsehen fühlt und wie Marcel Reich-Ranicki ihr zur Seite sprang...


Medienpersönlichkeit Buschheuer: "Man kann Prominenz nicht konzipieren"
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Medienpersönlichkeit Buschheuer: "Man kann Prominenz nicht konzipieren"

SPIEGEL ONLINE:

Gab es eine Art Strategie, mit der Sie prominent werden wollten?

Buschheuer: Ich glaube nicht, dass jemand, der prominent werden will, prominent werden kann. Es sei denn, er fängt ein Verhältnis mit einem Prominenten an. Glücklicherweise musste ich darauf nicht zurückgreifen. Man kann Prominenz nicht konzipieren. Gucken Sie, wie viele Bücher täglich rauskommen, wie viele Wetterfeen rumspringen, wie viele Sender es gibt. Dass Können mit Prominenz belohnt wird, passiert meistens aus Versehen.

SPIEGEL ONLINE: Im Fernsehen gibt es ja ein Kartell zur gegenseitigen Prominenzsteigerung, wenn sich alle in ihren Shows gegenseitig besuchen - wobei Sie lange mitgemacht haben. Gab es Sendungen, in die Sie nicht gegangen sind?

Buschheuer: Es gab eine, in die ich besser nicht gegangen wäre: "Peep!"

SPIEGEL ONLINE: ...wo Sie "multiple Orgasmen" spielen mussten, was viele Schlagzeilen produziert hat.

Buschheuer: Ja, ja. Als "Ruf! Mich! An!" rauskam, hatte ich mir fest vorgenommen, in jede Sendung zu gehen, zu der ich eingeladen werde, um das Buch bekannt zu machen. Ich hab' gehofft, dass man jedes Format mit einem gewissen Maß an Persönlichkeit überstrahlen kann. Es ist nicht so. Ich kann davon nur abraten.

SPIEGEL ONLINE: Man kann wählen, in welche Sendung man geht, aber kann man es sich auch aussuchen, ob man auf den Partyseiten von "Bunte" und "Gala" auftaucht?

Buschheuer: Ja. Wenn ich für ProSieben auf eine Feier geschickt wurde und die Reporter fragten 'Was tragen Sie denn heute?', habe ich gesagt "H&M" oder 'Das hatte ich schon dreimal an'. Dann haben sie mich nicht mal fotografiert. Das geht schon.

SPIEGEL ONLINE: Stimmte das denn?

PDS-Politikerin Uta Ranke-Heinemann: "So end' ich auch eines Tages"
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PDS-Politikerin Uta Ranke-Heinemann: "So end' ich auch eines Tages"

Buschheuer: Keine Ahnung. Ich habe ein Lieblingskleid, das hab ich fünfmal angehabt. Als eine Zeitung schrieb: 'Buschheuer hat nur ein Kleid', habe ich beschlossen, aus diesem Karussell auszusteigen. Außerdem hat Uta Ranke-Heinemann auch nur ein grünes Lederkostüm. Mit dem besteht sie hervorragend seit 30 Jahren. Eine Perücke und ein grünes Lederkostüm. So end' ich, glaub' ich, auch eines Tages. Bestenfalls.

SPIEGEL ONLINE: Die Ranke-Heinemann-Zote haben Sie auch schon in Ihrem Tagebuch geschrieben...

Buschheuer: Wenn Sie mein Tagebuch gelesen haben, muss es Ihnen sowieso vorkommen, als ob ich mich ständig selbst zitiere... Gefällt Ihnen das Tagebuch? Ich habe 20.000 Clicks pro Tag. Das habe ich ganz allein geschafft: Indem ich mit peinlichen "www.else-buschheuer.de"-T-Shirts in Talkshows gegangen bin. Da war ich am Anfang völlig schmerzarm, denn ich hab gemerkt, wie viele Clicks das bringt. Die Leute sind im Netz, sehen die Show und gehen sofort auf die Seite. Oder ich bin in einer Sendung, und bei "Amazon" geht mein Buch hoch. "Amazon" bringt zwar kein Geld, lügt aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Beim WDR, für den Sie künftig den "Kulturweltspiegel" moderieren, werden sie auch nicht reich?

Buschheuer: Ich kann gut davon leben. Die Verhandlungen waren kurz, weil ich nur 'Super!' gesagt habe. Bei ProSieben hatte ich hart verhandelt, weil es um Schmerzensgeld ging, wegen Wetter und München. Aber wenn ich für etwas, das ich gern machen will, Geld kriege...

SPIEGEL ONLINE: Zu "Ruf! Mich! An!" soll der Wetterexperte Jörg Kachelmann gesagt haben: "Vom Wetter hat sie keine Ahnung, aber ihr Buch ist klasse". Stimmt ersteres?

Kritikerpabst Reich-Ranicki: "Sagen Sie dieses Wort doch, sagen Sie es!"
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Kritikerpabst Reich-Ranicki: "Sagen Sie dieses Wort doch, sagen Sie es!"

Buschheuer: Ich bin keine Meteorologin. Ich hatte bei ProSieben einen sehr fähigen Mann neben mir sitzen, den ich aus meiner Kindheit vom ZDF kannte, Karl-Heinz Oberthier. Der hat mich super gebrieft, wie herum sich beim Tief die Luft dreht. Dem Privatfernsehen geht es aber sowieso nicht um Fachleute. Da muss man nett rumspringen, lieb gucken und vom Prompter lesen können.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es gute Sendungen im Fernsehen?

Buschheuer: Ich hab' immer gesagt, ich würde gern ins "Literarische Quartett" gehen. Ich glaube nicht, dass ich dafür promovierte Literaturwissenschaftlerin sein muss, sondern ein Buch gelesen haben und eine Meinung dazu haben muss. Meinung kann ich anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie Marcel Reich-Ranicki?

Buschheuer: Meine ersten Kurzgeschichten, die erotischen Inhalts waren, hatte ich damals Helmuth Karasek gegeben. Der hat das Reich-Ranicki erzählt, und seitdem hat der sich immer erkundigt: 'Was macht die Porrrnografin?' Später, in einer Talkshow, ist er mir sogar beigesprungen. Da wollte mich eine verklemmte Moderatorin in die Schmuddelecke stellen. Und er hat gesagt: 'In einem der bedeutendsten Bücher der Weltliteratur, "Lolita", wird auch über Schamlippen geschrieben!' Ich brauchte gar nichts mehr [zu] sagen.

SPIEGEL ONLINE: Also hat Reich-Ranicki "Ruf! Mich! An!" auch gelesen?

Buschheuer: Er hat es relativ pikiert durchgeblättert. Trotzdem war er auf meiner Seite. Die Moderatorin hat immer gesagt: 'Sie schreiben da dieses Wort mit F', und er zu ihr: 'Sagen Sie dieses Wort doch, sagen Sie es!'

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie nicht gerade selbst im Fernsehen sind, sehen Sie dann wirklich so viel fern, wie das im Internet-Tagebuch erscheint?

Buschheuer: Es lässt nach. Ich brauche den Fernseher manchmal als Geräuschkulisse. Nicht aus Einsamkeit. Aber im Unterschied zum Menschen, mit dem man zusammenlebt - das wäre ja das Alternativmodell - kann man den Fernseher ausschalten.

Interview: Christian Bartels



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