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Interview mit Günter Grass: "Amerikanische Politik muss Gegenstand der Kritik bleiben"

Im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch verurteilt der Schriftsteller Günter Grass den Militäreinsatz in Afghanistan und kritisiert die US-Regierung scharf. Grass plädiert dafür, eine Weltwirtschaftskonferenz im Sinne Willy Brandts einzuberufen, die Lösungen für den Nord-Süd-Konflikt sucht.

  Günter Grass (73),  Schriftsteller, Grafiker, Bildhauer und Nobelpreisträger für Literatur 1999, hervorgegangen aus der gesellschaftskritischen "Gruppe 47". Sein Durchbruch gelang 1959 mit dem Roman "Die Blechtrommel", sein jüngstes Werk "Mein Jahrhundert" schildert 100 Höhe-und Tiefpunkte des vergangenen Jahrhunderts - mit "besonderem Scharfblick für verdummenden Enthusiasmus".
DPA

Günter Grass (73), Schriftsteller, Grafiker, Bildhauer und Nobelpreisträger für Literatur 1999, hervorgegangen aus der gesellschaftskritischen "Gruppe 47". Sein Durchbruch gelang 1959 mit dem Roman "Die Blechtrommel", sein jüngstes Werk "Mein Jahrhundert" schildert 100 Höhe-und Tiefpunkte des vergangenen Jahrhunderts - mit "besonderem Scharfblick für verdummenden Enthusiasmus".

SPIEGEL ONLINE:

Halten Sie diesen Krieg für gerechtfertigt, Herr Grass?

Günter Grass: Es gibt einen Politiker, der sehr klug gesagt hat, wie eine Zivilgesellschaft auf einen Anschlag wie in New York reagieren sollte: zivil. Das war Johannes Rau.

SPIEGEL ONLINE: Und wie zivil ist dieser Militärschlag für Sie?

Günter Grass: Militärschläge sind nie zivil. Das lässt sich auch nicht wegtünchen, wenn zugleich Lebensmittelpakete abgeworfen werden. Zivil war, was die Uno vorher im Land geleistet hat und sehr viel mehr Not gelindert hat, zusammen mit anderen Hilfsorganisationen, die jetzt aus Furcht vor den Angriffen nicht mehr im Land sind und arbeiten können.

SPIEGEL ONLINE: Selbst die Grünen haben jetzt für einen begrenzten Militärschlag plädiert, nur die PDS nicht.

Günter Grass: Die PDS macht es sich aber auch sehr leicht. Die Grünen bewundere ich dagegen, wie sie um eine richtige Entscheidung kämpfen. Ich könnte deren Beschluss unter Umständen mit unterschreiben, allerdings mit einer Einschränkung. Ein lokal begrenzter Militärschlag setzt voraus, dass man im Fall Bin Laden weiß, wo er innerhalb der nächsten 24 Stunden steckt. Aber das ist bei der Beweglichkeit und Geschicklichkeit seines Stabs stets schwer auszumachen. Führt der begrenzte Militärschlag also nur irgendwohin, wo es Bin Laden nicht mehr trifft, trifft er Unschuldige.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt Sie dann misstrauisch, was seit Sonntagabend am Bildschirm zu beobachten ist?

"Militärschläge sind nie zivil. Das lässt sich auch nicht wegtünchen, wenn zugleich Lebensmittelpakete abgeworfen werden". (US-F-14-Bomber auf dem Weg zur zweiten Angriffswelle in Afghanistan)
AFP

"Militärschläge sind nie zivil. Das lässt sich auch nicht wegtünchen, wenn zugleich Lebensmittelpakete abgeworfen werden". (US-F-14-Bomber auf dem Weg zur zweiten Angriffswelle in Afghanistan)

Günter Grass: Ich bin in Sorge, dass sich dies nun, wie angekündigt, zu einem latenten Kriegszustand über Jahre ausdehnen wird - in der Diktion der Vereinigten Staaten von Schurke zu Schurke, von Schurkenstaat zu Schurkenstaat. Damit solidarisch zu sein, davon halte ich nichts. Militäreinsätze sind für mich ein untaugliches Instrument, das Verzweiflung erzeugt. Und Verzweiflung geht immer zurück auf ein Versagen der Politik. Vier afghanische Uno-Mitarbeiter, die die Folgen des letzten Krieges, die Minen beseitigt haben, sind solchem Versagen jetzt zum Opfer gefallen. Die werden immerhin genannt, die werden beachtet. Aber die anderen Opfer nicht.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin wird jetzt berichtet.

Günter Grass: Aber nicht über diejenigen, die vorher schon zu Tode kamen und auch jetzt ohne Bombenabwurf sterben. Auch dieser übermäßige Aufmarsch von vier Flugzeugträgern und Verbänden in der Region hat bereits vor den so genannten Gegenschlägen eine Situation geschaffen, in der Menschen gestorben sind, jeden Tag. Denn Millionen sind auf der Flucht, Kinder, Frauen, alte Menschen. Die Toten gab es also schon, es ist nicht so, dass wir sie erst befürchten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Nun gilt dieser militärische Einsatz als begrenzt.

"Mein Mitgefühl ist mit den Opfern des Terrors, aber niemand kann mich zwingen, Mitgefühl mit der amerikanischen Regierung zu haben - mit keiner, auch mit der eigenen nicht." (Foto: Demonstrationsopfer in Pakistan)
DPA

"Mein Mitgefühl ist mit den Opfern des Terrors, aber niemand kann mich zwingen, Mitgefühl mit der amerikanischen Regierung zu haben - mit keiner, auch mit der eigenen nicht." (Foto: Demonstrationsopfer in Pakistan)

Günter Grass: Woher wissen wir das? Durch den Militäreinsatz findet eine Destabilisierung in einer sehr gefährdeten Region statt. Wenn man aber Pakistan destabilisiert, wird Indien zuschlagen im Kaschmir-Streit. Dann weiten sich diese Dinge aus. Zunächst habe ich geglaubt, dass man dies mittlerweile in Amerika begriffen hat, weil sich die Nachdenklichen, zum Beispiel der Außenminister Powell, durchgesetzt hatten. Der hat im Irak Erfahrungen gemacht, was Fehlschläge betrifft. Dies war aber nur mein Eindruck bis Sonntagabend. Jetzt schließe ich einen erneuten Fehlschlag überhaupt nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Militäreinsatz hat aber einen sehr konkreten Anlass. Die Attentate von New York und Washington. Sind denn die USA und ihre Verbündeten nicht im Recht?

Günter Grass: Die amerikanische Bevölkerung ist pauschal durch diese Terrorakte ohnegleichen zu Unrecht getroffen worden, das ist unzweideutig zu verurteilen. Aber die amerikanische Politik muss dennoch Gegenstand der Kritik bleiben. Deshalb sage ich, mein Mitgefühl ist mit den Opfern des Terrors, aber niemand kann mich zwingen, Mitgefühl mit der amerikanischen Regierung zu haben - mit keiner, auch mit der eigenen nicht. Das muss man unterscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Was werfen Sie der US-Regierung denn vor?

Günter Grass: Bin Laden ist von der CIA ausgebildet worden, beziehungsweise mit Geldern von dort, gemeinsam mit anderen Mudschahidin. Dies geschah aus reiner Zweckpolitik der USA, weil dieser Einsatz damals gegen die Sowjetunion gerichtet war. Und das war kein Einzelfall. Die CIA war im Grunde, in ihrer Praxis auch eine terroristische Vereinigung, auch mit Mordanschlägen auf Politiker. Das muss man sehen, und es macht keinen Sinn, nur mit den Fingern auf andere zu weisen.

SPIEGEL ONLINE: Das ändert doch an den aktuellen Gefahren durch den islamistischen Terrorismus nichts.

Günter Grass: Aber auch jetzt sehe ich, dass die US-Regierung dabei die Welt nach ihrem eigenen Bild pauschal in Gut und Böse teilt. Im Grunde waren USA und Sowjetunion schon überfordert, als sie beide Weltpolizisten spielten. Nun ist diese eine Weltmacht übrig geblieben, aber hat aus sich selbst, aus ihrer Ich-Bezogenheit heraus, wenig Ahnung vom Rest der Welt.

"Jetzt erst fragen auch amerikanische Intellektuelle zu Recht - warum hasst man uns so in der Welt?" (Proteste in Karachi)
DPA

"Jetzt erst fragen auch amerikanische Intellektuelle zu Recht - warum hasst man uns so in der Welt?" (Proteste in Karachi)

Dies fällt mir sogar bei sehr vielen intelligenten Menschen in den USA auf, mit denen ich gut befreundet bin. Sie gehen davon aus, die Weltmacht zu sein, die das alles unter Kontrolle zu halten hat. Und viele Amerikaner neigen dazu, das in erster Linie nach ihren Interessen zu ordnen - was zumeist Wirtschaftsinteressen sind. Jetzt erst fragen auch amerikanische Intellektuelle zu Recht - nach aller berechtigten Verurteilung des Terroranschlags - warum hasst man uns so in der Welt?

SPIEGEL ONLINE: Jetzt setzen Sie sich aber dem Risiko aus, von Unions-Politikern abgemahnt zu werden, so wie es Ulrich Wickert wegen seiner Kritik an George W. Bush ergangen ist.

Für die Antwort klicken Sie hier und lesen Teil 2 "Wir besorgen das Geschäft der Terroristen"

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