Interview mit Helmut Newton "Es gibt keine Innenseite meiner Bilder"

Star-Fotograf Helmut Newton über Gerhard Schröder, Macht und Ohnmacht und den Sexappeal von Autos. Ein Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Von Sven Siedenberg


Helmut Newton: "Bei Porträts muss man die Leute verführen"
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Helmut Newton: "Bei Porträts muss man die Leute verführen"

SPIEGEL ONLINE:

Stimmt es, dass Sie auch Landschaftsbilder machen?

Helmut Newton: Ja, aber die mache ich nur für mich selber, keiner will sie veröffentlichen. Die Leute von den Magazinen sagen immer: Wir wollen deine Bilder zeigen. Und wenn ich dann antworte, dass ich schöne Bilder von Blumen und von Bergen habe, dann sagen sie: "Ach Helmut, das wollen wir nicht, wir wollen lieber nackte Frauen."

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch bekannt für Ihre Porträtfotos - weil Sie da etwas jenseits der Oberfläche einfangen?

Newton: Nee, es gibt keine Innenseite meiner Bilder. Ich mache auch keine Kunstfotografie.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie Bundeskanzler Gerhard Schröder porträtiert?

Newton: Das war ein Auftrag des amerikanischen Magazins "Vanity Fair". Es reizt mich, Porträts von Leuten zu machen, die wichtig, berühmt und umkämpft sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ihn vor eine schmuddelige Reichstagsecke gestellt.

Newton: Das ist keine Reichstagsecke. Das Bild entstand in Hannover, gegenüber von seinem Büro. Während des Shootings hat sein Chauffeur das Auto aufgemacht, da war eine alte Tasche drin. Diese Tasche, sagte Schröder, habe ihn durch sein ganzes Leben begleitet. Das fand ich sehr interessant. Dann habe ich ihn gebeten, sich an diese Ecke zu stellen. Ich mag solche grauen Granitwände. Und dann habe ich ihn fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Wollte er in einer bestimmten Pose fotografiert werden?

Ausstellung "Work" in der Neuen Nationalgalerie Berlin
REUTERS

Ausstellung "Work" in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Newton: Nein. Das hat er ganz und gar mir überlassen. Bei Porträts muss man die Leute verführen.

SPIEGEL ONLINE: Macht interessiert Sie?

Newton: Sehr sogar. Sexuelle Macht, finanzielle Macht, politische Macht.

SPIEGEL ONLINE: Interessiert Sie auch Ohnmacht?

Newton: Ich habe mal ein Mädchen in Mailand fotografiert, als es in Ohnmacht fiel, weil es so heiß war. Die Leute drum herum haben versucht, es wieder zu beleben. Ich habe nicht geholfen, sondern nur die Kamera draufgehalten.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie, dass sich Ihre Arbeiten im Laufe der Jahrzehnte verändert haben?

Newton: Natürlich. Wenn man älter wird, betrachtet man die Welt mit anderen Augen. Wer rastet, der rostet. Und ich habe einen großen Horror vorm Rosten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Bilder, die Sie nicht herzeigen?

Newton: Es gibt Bilder, die misslingen. Aber ich mache Fotos nicht, um sie in die Schublade zu tun. Sie sollen gesehen werden. Ob man sie liebt oder nicht, ist mir vollkommen egal.

SPIEGEL ONLINE: In der Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie sind auch Aufnahmen von Autos zu sehen.

Newton: Ich bin ein Autofreak. Ich kann Ihnen lange Geschichten über alle meine Autos erzählen. Ich finde Autos sexy. Ich glaube, das sehen auch viele Männer und viele Frauen so. Es gibt diese berühmte Geschichte von Françoise Sagan: Als sie jung war, fuhr sie ihren Jaguar immer barfuß - um die Macht und das Vibrieren des Motors durch die nackten Füße hindurch besser zu spüren. Danach hat die französische Polizei verboten, dass Leute mit nackten Füßen fahren.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Berlin, wo Sie am 31. Oktober 1920 geboren wurden und bis 1938 lebten, heute für Sie?

Newton: Meine Frau June und ich sind 1956 das erste Mal nach Berlin zurückgekehrt. Sie hat sich sofort in diese Stadt verliebt. Ich fühle mich jetzt mehr als ein Tourist, der noch einen kleinen Koffer hier hat.

SPIEGEL ONLINE: Was für Erinnerungen kommen in Ihnen hoch, wenn Sie Ihre Bilder aus den vergangenen 40 Jahren betrachten?

Newton: Ich gucke mir nicht gerne alte Bilder von mir an. Ich finde, das ist eine Art von Masturbation.

Helmut Newton: "Ich habe meine Frauen nie als Opfer dargestellt"
AP

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben immer sehr unterschiedliche Frauen fotografiert. Wie wählen Sie Ihre Models aus?

Newton: Das hängt vom Job ab. Wenn ich einen Modeauftrag habe, kann ich keine alte Dame auswählen. Außerdem wechseln meine Präferenzen im Lauf der Zeit. Heute finde ich die Models viel zu dünn und ein wenig zu langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie von Alice Schwarzer, die Ihre Arbeiten für frauenverachtend hält, einen Geburtstagsgruß erhalten?

Newton: Nein. Die Dame interessiert mich auch nicht. Wer meine Bilder versteht, erkennt, dass ich die Frauen liebe, sonst würde ich sie nicht so darstellen, wie ich es tue: selbstbewusst, stark und nie als Opfer.

"Helmut Newton. Work": Neue Nationalgalerie Berlin, bis 7. Januar 2001.



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