Interview mit Helmut Thoma "Bei RTL ist jahrelang nichts passiert"

Nach knapp vier Monaten muss RTL-Geschäftsführer Marc Conrad den Kölner Privatsender wieder verlassen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem ehemaligen RTL-Boss Helmut Thoma über die Gründe für das Scheitern seines Ziehsohns und die seiner Meinung nach verfehlte Senderpolitik von dessen Vorgänger, Chef und Nachfolger Gerhard Zeiler.


Ehemaliger RTL-Chef Thoma: "Niemand stoppt Zeiler"
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Ehemaliger RTL-Chef Thoma: "Niemand stoppt Zeiler"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Thoma, Ihr ehemaliger Sender RTL hat sich nach genau 103 Tagen wieder von Geschäftsführer Marc Conrad getrennt. Conrad war in den Anfangstagen von RTL unter Ihnen Programmchef und gilt als Ihr Ziehsohn. Konnten Sie schon mit ihm sprechen?

Thoma: Nein, leider nicht. Allerdings ist mir in letzter Zeit, wenn wir uns gesehen haben, häufiger aufgefallen, dass er ganz offensichtlich unter einem gewaltigen Druck stand und die Begeisterung fürs TV-Machen offensichtlich etwas verloren hatte. Er hat zwar diesbezüglich nichts gesagt, aber mein Eindruck war, dass er sehr erschrocken sein muss vor dem, was er bei RTL vorgefunden hat.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Thoma: Schlicht und einfach gar nichts. Dort ist drei, vier Jahre praktisch nichts passiert. Und das - bei einem gleichzeitigem Sparzwang - wieder in Schwung zu bringen, ist wohl eine nahezu unlösbare Aufgabe. Bei RTL sind in den letzten Jahren geradezu absurde Dinge passiert; so wollte man ein Format wie "Notruf" streichen, bis man dann festgestellt hat, dass es gar keinen Ersatz gibt. Gleichzeitig hat man Formate wie "Verschollen" ins Programm genommen und wer so etwas zulässt, der kann nun überhaupt keine Ahnung vom Fernsehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kritik richtet sich offensichtlich gegen Ihren Nachfolger, den heutigen Chef der RTL-Group in Luxemburg, Gerhard Zeiler...

Thoma: Ausschließlich gegen Zeiler, der inhaltlich noch nie etwas getan hat. Auch beim ORF hatte Zeiler nie mit der Programmgestaltung zu tun, das hat damals alles Andorfer gemacht, deswegen hasst Zeiler ihn ja so (Josef Andorfer war bis vor kurzem Geschäftsführer von RTL 2, musste aber Ende Januar gehen, d. Red.). Zeiler agiert, als ob ihm die RTL-Gruppe gehören würde und niemand stoppt ihn, weil in den ersten beiden Jahren nach meiner Zeit, 1999 und 2000, ganz ordentliche Gewinne aufgelaufen sind. Bei Bertelsmann hat niemand realisiert, dass das damals genauso gelaufen ist, wie Marc Conrad und ich das geplant hatten, dass Zeiler aber daran überhaupt keinen Anteil hatte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, Gerhard Zeiler hat sich nur auf den Errungenschaften ausgeruht, die Sie ihm hinterlassen haben?

Thoma: Natürlich, es ist doch nichts passiert in den letzten Jahren. Nehmen Sie einen Erfolg wie "Wer wird Millionär?" Dafür konnte Zeiler nun rein gar nichts, der Vertrag mit Endemol war doch längst abgeschlossen. Und "Deutschland sucht den Superstar" war eine Ufa - und damit eine konzerneigene Produktion, die schon in anderen Ländern erfolgreich war. Hätte Zeiler die nicht genommen, dann hätte er wohl wirklich Probleme bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Conrad stand also vor einem Scherbenhaufen?

Thoma: Zumindest hat Zeiler wohl gemerkt, dass es allmählich zu Ende ging und sich Conrad geholt, der die Kastanien aus dem Feuer holen sollte. Zeiler dagegen hätte sich auf seinem teuer bezahlten Koordinierungsjob an der Spitze der RTL-Gruppe zurücklehnen können. Jetzt aber muss er selbst wieder ran und man wird sehen, was passiert.

SPIEGEL ONLINE: Trifft denn Conrad selbst gar keine Schuld an der Misere? Immerhin hat er es in drei Monaten nicht geschafft, ein Konzept für die Zukunft des Senders zu entwickeln und stand deshalb auch intern in der Kritik.

Thoma: Wenn ich jemanden einstelle, dann verlange ich doch in aller Regel ein Konzept; und ich hoffe doch, dass Zeiler das auch getan hat und demnach wusste, wie Conrads Pläne aussehen würden. Schließlich haben die beiden ein dreiviertel Jahr verhandelt und Conrad hat zunächst sogar zweimal abgelehnt.

Das Interview führte Andreas Kötter



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